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Wirtschaftskritik : Ein bisschen Frieden

Erzbischof Robert Zollitsch: „Wir müssen schauen, dass nicht die Wirtschaft beherrschend wird.“ Bild: dpa

Alle Jahre wieder kritisiert die Kirche zu Weihnachten die Wirtschaft. Dabei leben ja auch die Gotteshäuser von den Steuern ihrer Mitglieder. Und die fließen umso reichlicher, je mehr Einkommen erwirtschaftet wird.

          Alle Jahre wieder ist zu Weihnachten die Wirtschaft der Sündenbock in den Kirchen. Der Tenor ist immer derselbe. Exemplarisch die Worte, die Erzbischof Robert Zollitsch diesmal schon zum 4. Advent gefunden hat. Die Wirtschaft habe dem Menschen zu dienen, mahnte er in einem Interview. „Wir müssen schauen, dass nicht die Wirtschaft beherrschend wird. Das ist ja eine große Gefahr auch in der Globalisierung.“ So wird es in den nächsten Tagen landauf, landab zu hören sein, diesmal verstärkt auch als Echo auf die geharnischte Kapitalismuskritik des Papstes. Sie gipfelte unlängst in dem Satz: „Diese Wirtschaft tötet.“

          Glaubt man Zollitsch, hat der Papst nur die böse „reine“ Marktwirtschaft gemeint, nicht die gute „Soziale Marktwirtschaft“ in Deutschland. Aber auch mit Letzterer sind die Kirchen eigentlich nie so weit zufrieden, dass ein fröhliches Lob auf den Wettbewerb an freien Märkten und das erfolgreiche Gewinnstreben deutscher Unternehmen ertönt. Fällig wäre das allemal. Schließlich leben auch die Kirchen von den Steuern, die sie von ihren mehr oder weniger gläubigen Mitgliedern bekommen. Steuerkraft setzt Einkommen voraus, das erwirtschaftet werden muss. Warum nicht mal denjenigen ein gutes Wort, die als Unternehmer mit hohem Einsatz und beträchtlichen Risiken dafür sorgen, dass dieses Land einen Sozialstaat finanzieren kann, der seinesgleichen sucht?

          Marktsystem dient dem Menschen

          Stattdessen scheint Wachstumskritik das erste Gebot auf den Kanzeln. Gern macht man den Kirchgängern ein wenig schlechtes Gewissen, ob des „Konsumrauschs“ zum Fest, vielleicht um die Spendenbereitschaft zu erhöhen. Doch selbst diese basiert letztlich auf einer florierenden Wirtschaft, und damit auch auf dem dieser Tage gern wohlfeil und pauschal als „überflüssig“ geschmähten Konsum. Ein solches Urteil ist eine Anmaßung.

          Es ist Zeit für ein bisschen Frieden mit der Wirtschaft und dem Wettbewerbsprinzip. Das Marktsystem hat mehr für die Sicherung eines würdigen und freien Lebens getan als die Kirchen. Es dient dem Menschen, alles andere ist ein Popanz. Perfekt ist es nicht, im Gegenteil. Zur Marktwirtschaft gehören Krisen und Ungleichheit, als Kehrseiten von enormem Fortschritt und Wohlstand. Der Ordnungsrahmen ist verbesserungswürdig und verbesserungsfähig, hier hat die Politik eine stete Aufgabe. Für das Seelenheil und das Glück des Einzelnen ist der Markt im Übrigen nicht zuständig. Hier wird er den Kirchen ihre Rolle nicht streitig machen.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

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