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Wirtschaftskriminalität : Spaniens Elite trifft sich im Gefängnis

  • -Aktualisiert am

Abholbereit: Polizisten warten auf den Politiker Francisco Granados. Bild: Reuters

Etliche spanische Politiker sitzen wegen dubioser Geschäfte in Haft. Die Toleranz für Wirtschaftskriminalität ist in der spanischen Gesellschaft merklich gesunken.

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          Für reuige Terroristen, Kinderschänder und andere Verbrecher gibt es in spanischen Gefängnissen schon Angebote zur Wiedereingliederung. Das ist bei Wirtschaftskriminellen noch nicht der Fall. Bis vor kurzem war es aber auch nicht nötig, weil korrupte Politiker, Lobbyisten, Baulöwen, Notare und ihre Komplizen nur selten in Haft kamen. Die spanische Krise hat dies nun geändert. Die Toleranzschwelle vor allem für Personen mit öffentlichen Ämtern, die ihre Stellung für eigene Zwecke missbrauchten, ist in der Gesellschaft merklich gesunken. In einer Umfrage des Zentrums für Soziologische Studien nannten die Befragten als ihre Hauptsorgen: die Arbeitslosigkeit, die Korruption, die allgemeine Wirtschaftslage – und die Politiker.

          Die Krise hat seit ihrem Beginn im Jahr 2008 maßgeblich dazu beigetragen, dass Korruptionsfälle, die früher eher als Kavaliersdelikte eingestuft worden wären, an die Oberfläche kamen und zum Gegenstand öffentlicher Empörung wurden. Kaum eine Partei blieb hier ungeschoren, und allmählich füllten sich die Gefängnisse mit einer neuen Art von Insassen. Weil die Gerichtsverfahren im Durchschnitt bis zu fünf Jahre in Anspruch nehmen, sitzen manche sehr lange in Untersuchungshaft. Auch deshalb beraten nun Fachleute der Gefängnisverwaltungen, wie die Internetzeitung „El Confidencial Digital“ berichtete, über einen Plan zur Stärkung des moralischen Rückgrats im Land. Das könnte zu Kursen über Ethik im öffentlichen Leben und einem entsprechenden Verhaltenskodex führen.

          Kandidaten dafür gäbe es inzwischen reichlich. Da ist Francisco Correa, die Schlüsselfigur in der Affäre „Gürtel“ um Millionenkommissionen für Aufträge der konservativen Volkspartei. Da ist Luis Bárcenas, der ehemalige Schatzmeister der gegenwärtigen Regierungspartei und mutmaßliche Hüter schwarzer Kassen. Da ist der ehemalige Ministerpräsident der Balearen Jaume Matas, der als einer der wenigen Beschuldigten schon wegen Korruption verurteilt wurde. Da ist die frühere „Nummer 2“ des Partido Popular in Madrid, Francisco Granados, dem dunkle Geschäfte vorgeworfen werfen. Und schließlich musste vor Jahresschluss sogar die bekannteste Volkssängerin Spaniens Isabel Pantoja, die mit einem ehemaligen Bürgermeister von Marbella allerlei Gelder gewaschen haben soll, ihre Haftstrafe antreten.

          Womit verbringen sie, die sich nicht alle für eine Tischlerlehre eignen, nun ihre Zeit? Für die Gefängnisverwaltungen sind sie fast ausnahmslos „ruhige“ und „verträgliche“ Insassen. Matas macht diszipliniert Leibesübungen und schlägt meistens seine Mithäftlinge im Schach. Bárcenas gibt sich, so heißt es, leutselig und ohne Dünkel. Correa leide unter Depressionen. Granados spreche ohne Komplexe mit jedem. Und Pantoja gründete vor Weihnachten sogar einen Gefängnischor.

          Aus dem Rahmen fiel bisher nur eine, die sich auf freiem Fuß befindet, nämlich die Ehefrau von Schatzmeister Bárcenas Rosalía Iglesias. Sie besucht ihren Mann regelmäßig und versorgt ihn mit Kosmetika und Speisen, die im Gefängnis üblicherweise nicht auf den Tisch kommen. Bei einer der letzten Visiten musste sie indes wegen großen Besucherandrangs vor den Feiertagen eine Weile warten und verlor die Fassung. „Ihr seid alle miese Hungerleider und beneidet mich bloß“, warf sie mit lauter Stimme dem Wachpersonal vor, um dann noch hinzuzufügen: „Was ich möchte, ist, euch mit einem Strick um den Hals zu sehen“ – ein klassischer Fall für einen Ethikkurs.

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