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Wirtschaftskriminalität : Im Extremfall 85 Jahre Haft

  • Aktualisiert am

Vorgeführt - Bernard J. Ebbers (l.) Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Heute beginnt einer der spektakulärsten Prozesse um Bilanzmanipulationen. Bernie Ebbers, der frühere Worldcom-Chef, werden Verschwörung, Wertpapierbetrug und Falschaussagen vorgeworfen.

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          Am heutigen Dienstag beginnt in New York einer der bislang spektakulärsten und größten Prozesse um Bilanzmanipulationen in den vergangenen Jahren. Bernie Ebbers, der frühere Chef des zusammengebrochenen Telekommunikationskonzerns Worldcom, muß sich für seine Rolle beim Niedergang des Unternehmens verantworten.

          Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Verschwörung, Wertpapierbetrug und Falschaussagen vor. Sollte er in allen Punkten schuldig gesprochen werden, könnte eine Gefängnisstrafe von bis zu 85 Jahren auf ihn zukommen. Beobachtern zufolge könnte der Prozeß vier bis acht Wochen dauern.

          Größter Insolvenz- und Bilanzbetrugsfall in der amerikanischen Geschichte

          Worldcom ist der größte Insolvenz- und Bilanzbetrugsfall in der amerikanischen Geschichte. Das Unternehmen hat im Juli 2002 den Insolvenzantrag gestellt, nachdem Falschbuchungen in der Bilanz bekanntgeworden waren. Ebbers war schon kurz zuvor wegen einer Affäre um persönliche Kredite von Worldcom zurückgetreten. Das Ausmaß der Bilanzmanipulationen wurde später immer weiter nach oben korrigiert und schließlich auf 11 Milliarden Dollar beziffert. Worldcom hatte in der Spitzenzeit im März 2000 einmal einen Börsenwert von 115 Milliarden Dollar.

          Der Prozeß wird am Dienstag zunächst mit der Auswahl der Geschworenen beginnen. Die eigentlichen Zeugenvernehmungen werden wohl nicht vor nächster Woche anfangen. Die Staatsanwaltschaft dürfte bis zu zwanzig Zeugen vor Gericht laden. Starzeuge wird dabei Scott Sullivan sein, der frühere Finanzchef von Worldcom. Sullivan seinerseits hat im vergangenen Jahr ein Schuldgeständnis abgelegt und seine Zusammenarbeit bei der weiteren Aufarbeitung des Worldcom-Skandals zugesagt, um seine eigene Strafe abzumindern.

          Ebbers als detailversessener Chef, der die Einzelheiten der Bilanzen kannte?

          Der 63 Jahre alte Ebbers hat bislang jegliches Fehlverhalten bestritten. Unter Fachleuten gilt es als offen, ob Ebbers schuldig gesprochen wird. Er wird wohl argumentieren, daß der Bilanzbetrug ein Werk von Sullivan und anderen Untergebenen war und er selbst nichts davon wußte. Er dürfte sich als Vorstandsvorsitzender porträtieren, der sich um große strategische Fragen kümmerte und nicht um die Einzelheiten einer Bilanz. Die Gegenseite wird wohl ein anderes Bild zeichnen: So galt Ebbers als detailversessener Chef, der sich zum Beispiel mit dem Ziel der Kostensenkung auch um Kleinigkeiten kümmerte. Ein großer Nachteil für die Staatsanwaltschaft ist es, daß Ebbers nicht viele Spuren hinterlassen hat. Er machte wenige schriftliche Notizen und schrieb fast nie E-Mails.

          Der Fall von Worldcom markierte für Ebbers das jähe Ende einer Glanzkarriere. Der gebürtige Kanadier stammt aus sehr einfachen Verhältnissen. In einem Interview sagte er einmal, in seiner Familie habe es kein fließendes Wasser gegeben, bis er vier Jahre alt war. Nach seinem Schulabschluß schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch und wurde später Basketballtrainer im Bundesstaat Mississippi. Nach einigen kleineren Unternehmungen kaufte er dort einen Anbieter von Ferngesprächen, aus dem er in den achtziger und neunziger Jahren mit insgesamt rund 60 Akquisitionen den Worldcom-Konzern schmiedete. Höhepunkt war im Jahr 1998 die Übernahme des sehr viel größeren Wettbewerbers MCI.

          18 Millionen Dollar aus der Tasche der Verwaltungsräte

          Neben den Geständnissen von Sullivan und weiteren Managern sind schon einige andere Verfahren im Zusammenhang mit Worldcom beendet. So hat der Finanzdienstleister Citigroup im vergangenen Frühjahr einen Vergleich mit früheren Worldcom-Aktionären über die Zahlung von 2,65 Milliarden Dollar geschlossen. Die Investoren hatten der Bank vorgeworfen, mit ihren Geschäftsbeziehungen den Bilanzbetrug bei Worldcom unterstützt zu haben.

          So soll das Unternehmen Ebbers hohe Kredite eingeräumt haben, um an Aufträge für das Investmentbanking zu kommen. Außerdem soll die frühere Citigroup-Investmentbank Salomon Smith Barney übertrieben positive Studien über Worldcom veröffentlicht haben. So hat der frühere Citigroup-Staranalyst Jack Grubman die Aktie noch bis kurz vor der Insolvenz zum Kauf empfohlen. Vor wenigen Wochen haben sich zehn frühere Worldcom-Verwaltungsräte in einem Vergleich bereit erklärt, insgesamt 18 Millionen Dollar aus ihrer eigenen Tasche an ehemalige Aktionäre zu zahlen.

          Weiter prominente Prozesse in diesem Jahr

          Worldcom hat im April vergangenen Jahres das Insolvenzverfahren beendet und firmiert nun unter MCI. An der Spitze steht heute der frühere Chef des Computerherstellers Compaq, Michael Capellas. MCI hat aber wie andere Anbieter von Ferngesprächen mit einem schwierigen Markt zu kämpfen. Das Unternehmen gilt als Übernahmekandidat. MCI hat sich in einem Vergleich mit der SEC bereit erklärt, 750 Millionen Dollar an frühere Aktionäre zu zahlen.

          Neben dem Ebbers-Fall wird es in diesem Jahr wohl noch zu einigen weiteren prominenten Prozessen um Bilanzmanipulationen kommen. So stehen die Verfahren gegen die beiden früheren Chief Executive Officers des untergegangenen Energiekonzerns Enron, Jeffrey Skilling und Kenneth Lay, noch aus. Die beiden Manager sind im vergangenen Jahr angeklagt worden, über den Prozeßbeginn ist noch nicht entschieden. Auch im Fall Enron hat sich die Staatsanwaltschaft den Chefs über Verfahren gegen Untergebene angenähert. Im vergangenen Jahr wurde der frühere Finanzvorstand Andrew Fastow zu einer Gefängnisstrafe von zehn Jahren verurteilt. Ebenso wie Ebbers werden wohl auch Skilling und Lay argumentieren, daß der Betrug von ihren Angestellten ausgeübt worden war.

          "Wir sind finanziell ein solides Unternehmen. Unsere Bilanzierungsmethoden sind sehr konservativ."

          Bernie Ebbers im Februar 2002

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