https://www.faz.net/-gqe-7325t

Wirtschaftsgeschichte : Wie eine Währungsunion Italiens Süden verarmen ließ

Die Entwicklung des Nord-Süd-Gefälles in Italien seit 1861 Bild: F.A.Z.

Vor 150 Jahren wurde in ganz Italien die Lira eingeführt. Der reiche Norden blieb reich. Der Süden stürzte ab.

          Erst mit einiger Verspätung merkten die Zeitgenossen, wie sehr die Währungsunion den wirtschaftlich schwächeren Regionen zu schaffen machte. Ihre Ausfuhren gingen um 16 Prozent zurück. Manufakturen mussten schließen, im Binnenmarkt wuchs der Exportüberschuss des reichen Nordens. Investitionen blieben aus, weil die wohlhabenden Schichten lieber die als sicher geltenden Staatsanleihen des neuen Währungsraums kauften. Es half nichts, dass eine rigorose Sparpolitik die anfängliche Schuldenkrise bald überwand und sogar zu einem ausgeglichenen Haushalt führte: Die Art, wie diese Austeritätspolitik ins Werk gesetzt wurde, vergrößerte die Kluft weiter.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So war es, nachdem die Italiener vor 150 Jahren ihren Nationalstaat gründeten, aus so gegensätzlichen Teilen wie dem liberalen Piemont und dem feudalistischen Königreich beider Sizilien. Bis heute vereint das Land die ökonomischen Extreme Europas innerhalb der eigenen Grenzen. Im Süden lag die Jugendarbeitslosigkeit schon vor der Krise bei 50 Prozent, in einigen Regionen des Nordens herrschte hingegen stets Vollbeschäftigung. Die Frage ist, was sich aus diesem Europa im Kleinen für das große Ganze lernen lässt.

          Bis heute stehen Nord- und Süditalien für die ökonomischen Extreme Europas

          Erstaunlich ist in Italien vor allem, wie hartnäckig sich innerhalb eines Landes die ökonomischen Ungleichheiten halten. In Belgien starb die Industrie des einst reichen Wallonien, während die armen Flamen zu Wohlstand gelangten. In Deutschland schaffte Bayern den Sprung zum Industrieland, während das Ruhrgebiet zur Problemregion abstieg. Nur in Italien blieben die Kalabresen im Süden immer arm und die Lombarden im Norden immer reich. Von der mediterranen Lebenslust, die den Italienern gern zugeschrieben wird, ist im kargen Süden am allerwenigsten zu spüren.

          So klar war das allerdings nicht abzusehen, als sich das Königreich Piemont-Sardinien 1861 fast die gesamte Apenninenhalbinsel einverleibte und seine Lira allerorten als Zahlungsmittel einführte. Zu diesem Zeitpunkt war auch der Norden kaum industrialisiert, während Neapel mit seinen Manufakturen vom Ruhm des 18. Jahrhunderts zehrte, als es neben Paris und London die größte Stadt Europas war. Nach jüngeren Berechnungen unterschied sich das Sozialprodukt pro Kopf kaum - auch wenn es im Süden viel ungleicher verteilt war und adelige Großgrundbesitzer in der Hauptstadt den Wohlstand verzehrten, den sie aus ihren Gütern auf dem Land herauspressten.

          Die Eliten des Nordens glaubten an diese Zahlen ebenso wie später westdeutsche Politiker und Ökonomen an den Mythos von der DDR als zehntgrößtem Industrieland der Welt. Die Perspektiven, die man sich in Turin für Süditalien, den „Mezzogiorno“, ausmalte, erinnern an die „blühenden Landschaften“ Helmut Kohls: Unter einer aufgeklärten Regierung werde der natürliche Reichtum der südlichen Provinzen quasi von selbst erblühen, glaubte man - und hielt spezielle Strategien für überflüssig.

          Gesetze wurden vor allem für den Norden gemacht

          Förderprogramme gab es zunächst überhaupt nicht und bis zum Zweiten Weltkrieg allenfalls in sehr bescheidener Form. Es dauerte volle 40 Jahre, bis zum ersten Mal ein Ministerpräsident die Regionen des Südens bereiste. Die führenden Politiker, vom nationalistischen Freischärler Giuseppe Garibaldi zum Anschluss des Südens ohnehin nur genötigt, schlossen einen historischen Kompromiss: Sie erkauften sich die Zustimmung zu ihrer Modernisierungspolitik, indem sie den sozialen Status der Landlords im Süden nicht antasteten. Auf eine politische und ökonomische Liberalisierung verzichteten sie im Mezzogiorno bewusst und beschränkten sich auf ein Laissez-faire. Sie waren wohl auch froh, dass sie sich mit dem Thema nicht weiter befassen mussten - ganz ähnlich, wie die Europäische Union lange Zeit mit Griechenland verfuhr.

          Gesetze wurden folglich vor allem für den Norden gemacht, ohne größere Rücksicht auf Kollateralschäden im Süden. Um die Kosten der Vereinigung zu finanzieren, verfiel die Regierung 1868 auf eine „Mahlsteuer“, die auf alle Grundnahrungsmittel zu zahlen war und deshalb vor allem ärmere Bevölkerungsschichten belastete. Selbst nach deren Abschaffung trug der Süden nach Berechnungen des Ökonomen Maffeo Pantaleoni um 1900 noch stolze 32 Prozent der italienischen Steuerlast, obwohl er nur 27 Prozent der Wirtschaftsleistung erbrachte.

          Die Finanzprobleme waren weniger drückend, seit Ministerpräsident Marco Minghetti 1886 erstmals einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen konnte - und prompt abgewählt wurde. Nun war es vor allem die Außenhandelspolitik, die dem Süden zu schaffen machte. Der Norden unterstützte durch rigide Schutzzölle erfolgreich den Aufbau einer eigenständigen Industrie. Im Gegenzug mussten die Süditaliener nicht nur deren überteuerte Produkte kaufen, sondern auch einen Einbruch der Agrarexporte aus dem Mezzogiorno hinnehmen. Der beispiellose Boom, der den Nordwesten Italiens im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg zum Industrieland machte, vergrößerte den Abstand zum Süden folglich noch mehr.

          Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die Spaltung des Landes tiefer denn je. Pro Kopf der Bevölkerung war die Wirtschaftsleistung im Mezzogiorno nur noch knapp halb so hoch wie im Norden. Auch politisch hatte der Krieg die Italiener weiter entzweit: Während sich der Norden zwischen 1943 und 1945 die Demokratie in einem blutigen Guerrillakrieg gegen die deutsche Besatzungsmacht selbst erkämpfte, fiel sie dem Süden mit dem Einmarsch der Alliierten 1943 in den Schoß.

          Zum ersten Mal in der Geschichte des italienischen Nationalstaats entschloss sich die Zentralregierung zu einem groß angelegten Investitionsprogramm. Nach dem Auslaufen des Marshallplans nahm 1951 die „Cassa per il Mezzogiorno“ ihre Arbeit auf. Neben dem Ausbau der Infrastruktur ging es vor allem um die Ansiedlung von Großbetrieben. Hinzu kamen das italienische Wirtschaftswunder, das aus dem Agrarland zeitweise die fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt machte, und die Überweisungen, die süditalienische Emigranten aus Norditalien und dem Ausland nach Hause schickten. Bis 1973 stieg das Pro-Kopf-Einkommen des Südens von 47 auf 66 Prozent des norditalienischen Niveaus, das im selben Zeitraum ebenfalls rasant wuchs. Die Lösung der „Questione meridionale“ schien in greifbare Nähe gerückt.

          „Kathedralen in der Wüste“

          Dann aber brach das Wirtschaftswunder mit der Ölkrise abrupt ab. Die industriellen Großkomplexe erwiesen sich als „Kathedralen in der Wüste“ ohne stimulierenden Effekt, obendrein litten sie unter dem allgemeinen Niedergang der Stahlbranche. Immer besser verstanden es die alten Machteliten, die Fördergelder für ihre Zwecke abzuzweigen. Hinzu kam, dass sich konservativ-hierarchisch organisierte Gesellschaften mit dem Wandel zur hedonistischen Konsumökonomie überall schwertaten - im autoritären Kommandosystem der DDR genauso wie im mafiösen Süditalien.

          Seit den siebziger Jahren fällt der Süden wieder zurück. Die „Cassa per il Mezzogiorno“ wurde 1992 abgeschafft und durch ein System der Regionalförderung ohne Rücksicht auf Himmelsrichtungen ersetzt - auch weil sich mit der „Lega Nord“ eine politische Formation gegen die angebliche Bevorzugung des Südens etablierte. Heute ist von einem eigenen Nordstaat allerdings nicht mehr die Rede, die Lega hat ihre Forderungen auf eine Föderalisierung des Landes zurückgeschraubt.

          Ob es dem Norden ohne die staatliche Vereinigung vor 150 Jahren heute besser gehen würde, ist ohnehin sehr zweifelhaft. Ohne die billigen Arbeitskräfte aus dem Süden wäre das norditalienische Wirtschaftswunder kaum möglich gewesen, ohne einen Binnenmarkt von heute 60 Millionen Menschen wäre der industrielle Aufstieg im Dreieck zwischen Mailand, Turin und Genua kaum geglückt. Zwiespältiger ist die Bilanz für den Süden, dem bei allen Wohlstandsgewinnen ein eigenständiger Aufschwung ebenso versagt blieb wie die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols - hier endet allerdings der Vergleich mit anderen Krisenländern wie Spanien, Portugal oder Irland. Politisch gab es zu dem Zusammenschluss ohnehin kaum eine Alternative, eine Republik beider Sizilien erscheint heute schwer vorstellbar.

          Eine ernste Gefahr für den Bestand der Währung ist die ökonomische Spaltung des Landes allerdings nie gewesen. Bis zu ihrer Abschaffung 2001 überstand die Lira mitsamt ihrer piemontesischen Vorläuferin fast zwei Jahrhunderte ohne Hyperinflation oder Währungsschnitt - länger als der Schweizer Franken, der erst 1848 aus dem Zusammenschluss der Kantone zu einer Wirtschafts-, Währungs- und politischen Union entstand. Im Vergleich zu Deutschland mit seinen Währungsreformen ist das eine staunenswerte Stabilität.

          Weitere Themen

          China und Deutschland im Schulterschluss Video-Seite öffnen

          Neue Finanz-Kooperation : China und Deutschland im Schulterschluss

          Deutsche und chinesische Finanzunternehmen können künftig einfacher im jeweils anderen Land Fuß fassen. Das verhandelten Bundesfinanzminister Olaf Scholz und der chinesische Vize-Regierungschef Liu He am Freitag in Peking.

          Der Kampf ums Erdgas Video-Seite öffnen

          Schneller Schlau : Der Kampf ums Erdgas

          Es geht um viele Milliarden – und Deutschland ist einer der größten Importeure der Welt von Erdgas. Kein Wunder also, dass andere Länder mit harten Bandagen um Lieferverträge konkurrieren.

          Topmeldungen

          Anwalt Michael Cohen : Tricksen für Trump

          Der ehemalige Anwalt des Präsidenten soll vor dem Wahlkampf eine Firma bezahlt haben, Online-Umfragen für Trump zu manipulieren. Für Cohen sprang ein Fake-Fanclub heraus, dessen Huldigungen immer noch online sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.