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Wirtschaftsgeschichte : Dollars aus der Chemiefabrik

Der Anilin-Dollar: Zahlungsmittel aus Krisenzeiten Bild: BASF

Zur Zeit der Hyperinflation in den zwanziger Jahren druckten selbst Industrieunternehmen Geld. So hatte der Chemiekonzern BASF eine hauseigene Notenpresse. Der „Anilin-Dollar“ entwickelte sich vorübergehend zum beliebtesten Zahlungsmittel der Pfalz.

          „Ein Brötchen und eine Zeitung: macht zusammen 70 Milliarden Mark.“ Was heute klingt, wie absurdes Theater, war im November 1923 Realität. Der Wertverlust der Mark erreichte seinen Höhepunkt, die Inflation galoppierte. Der durch Kriegslasten hochverschuldete Staat war nicht mehr Herr der Lage, vier Jahre nach Gründung durchlebte die Weimarer Republik ihre Feuertaufe. Obwohl Papiermühlen und Druckerpressen Tag und Nacht im Einsatz waren, kam der Staat mit dem Gelddrucken nicht nach. In höchster Not teilte die Reichsregierung etlichen Städten und Unternehmen das Notenrecht zu - 1923 ratterte selbst beim Chemiekonzern BASF die hauseigene Notenpresse.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Das Unternehmen hatte schon 1918 wegen der rasant gestiegenen Papierpreise über einen Mangel an Wechselgeld geklagt. Es sei immer schwieriger geworden, das für die wöchentliche Lohnauszahlung benötigte Kleingeld zu beschaffen, berichten die Firmenhistoriker. Die Geschäftsleitung habe sich deshalb 1918 entschlossen, eigenes Kleingeld herauszugeben. Dafür wurden bei der Bayerischen Staatsbank - die Pfalz gehörte damals zu Bayern - eigens Schatzanweisungen hinterlegt. Die firmeneigene Spenglerei stanzte fortan Rohlinge aus Zinkblech, zwei Mitarbeiterinnen prägten danach die Münzen in einer eigens angeschafften Presse.

          Die Scheine wurden zunächst von einer Münchner Firma gedruckt

          Die Entwürfe lieferte die Bautechnische Abteilung, auf der Rückseite prangte die Jahreszahl 1918 und der Schriftzug „Badische Anilin und Soda Fabrik Ludwigshafen“. 2000 Münzen am Tag schafften die Frauen. Die „Aniliner“, wie sich die Mitarbeiter noch heute nennen, hätten dem Notgeld zunächst ablehnend gegenübergestanden. Im Laufe der Zeit sei das Vertrauen aber gewachsen und die ersten Münzen wurden auch außerhalb der Werkstore als Zahlungsmittel akzeptiert. Ende 1921 jedoch schien das Kapitel beendet. Auf Verlangen der Regierung wurde das Notgeld eingezogen, die Probleme aber blieben. Mehr noch: Der Wertverlust der Währung beschleunigte sich. Ein halbes Jahr später war der Mangel an Papiergeld so groß, dass der Konzern bei Banken nicht einmal genügend Zahlungsmittel für die Löhne auftreiben konnte. Nach einer „dringlichen Eingabe“ beim Finanzministerium erhielt BASF das Recht, 300Millionen Mark in Tausendmarkscheinen zu drucken. Noch bevor die Genehmigung vorlag, liefen die ersten Scheine aus dem Drucker.

          Am Anfang ließ der Konzern sein Notgeld von einer Münchner Firma drucken, allerdings verschwand beim Transport nach Ludwigshafen ein Teil des Geldes in dunklen Kanälen - bald druckte BASF das eigene Geld nur noch im eigenen Werk. Immer wieder musste bereits im Umlauf befindliches Notgeld mit neuen, höheren Werten, überdruckt werden. Immerhin ein Jahr lang habe man so die Lohnzahlungen sicherstellen können, dann verloren die der Reichskreditgesellschaft überschriebenen Sicherheiten rapide an Wert. Im Oktober 1923 stellte der Konzern die Produktion der „Grundmark“ ein und schuf mit dem „Anilin-Dollar“ ein, wie es hieß, „wertbeständiges Zahlungsmittel auf Dollarbasis“.

          Der Konzern hinterlegte 2,7 Millionen holländische Gulden als Sicherheit und ersuchte per Rundschreiben Banken, Handelskammern, die Stadtverwaltungen und die Oberpostdirektion um die Annahme des neuen Zahlungsmittels. Für kurze Zeit klappte es: Der Anilin-Dollar entwickelte sich zum beliebtesten Zahlungsmittel der Pfalz. Dann aber brach das Währungssystem zusammen, die Weimarer Republik startete mit der Rentenmark einen Neuanfang.

          BASF ist heute der größte Chemiekonzern der Welt und beschäftigt fast 110000 Menschen. Gefragt nach den Perspektiven des Euro sagte Konzernchef Kurt Bock Ende November, es gebe keinen Grund für Kulturpessimismus in Europa, er gehe davon aus, dass die Regierungen die Probleme in den Griff bekommen. Ob die Druckerpresse noch steht, sagte er nicht.

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