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Sarrazin rezensiert Bofinger-Buch : Braucht Deutschland den Euro, oder braucht es ihn nicht?

  • Aktualisiert am

Der Buchtitel verrät: Für Bofinger gibt es zur Rettung des Euros keine Alternative. Bild: dapd

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger plädiert in seinem neuen Buch für den Euro. Rezensent Thilo Sarrazin findet: Europa braucht den Euro nicht. Hier prüft er Bofingers Argumente.

          5 Min.

          Peter Bofingers neues Buch liefert ein engagiertes Plädoyer für ein sozial gerechteres, auf mehr Einkommensgleichheit gerichtetes Europa in einer gerechteren Weltwirtschaft. Arbeitnehmer und Gewerkschaften sollen wieder mehr Rechte bekommen. Die weltweit gewachsene Rolle liberaler Ordnungsvorstellungen seit Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hält er für falsch. Dabei bezieht er die deutschen Arbeitsmarktreformen, die Anfang des vergangenen Jahrzehnts unter dem Stichwort „Agenda 2010“ durchgeführt wurden, ausdrücklich ein.

          Bofinger kritisiert in starken Worten den Versuch, die Wettbewerbsfähigkeit in den Krisenländern des Euroraums durch vergleichbare Reformen zu stärken: „Glaubt man, ein Wachstum ohne Verschuldung realisieren zu können, wenn man die Rechte der Arbeitnehmer unter dem Schlagwort der ,Strukturreformen’, einer Formulierung, an der George Orwell sein Freude gehabt hätte, immer weiter abbaut?“ Damit ist das ordnungspolitische Weltbild des Autors klar, und er macht uns über 170 Seiten wiederholt damit vertraut.

          Neben der sozialen Ungerechtigkeit des liberalen Marktmodells gilt Bofingers zweite große Abneigung den Finanzmärkten - egal ob es sich um internationale Kapitalmärkte, um Märkte für Derivate oder für Staatsanleihen oder um Devisenmärkte handelt. Auch hier durchzieht das ganze Buch eine Kette starker Wortbilder, welche die Verderblichkeit dieser Märkte und Bofingers Abscheu vor ihnen illustrieren sollen. Folgerichtig bestand für ihn die „ökonomische Ratio des Euro (...) darin (...), den für alle Mitgliedsländer so bedeutsamen Handelsaustausch nicht länger dem Kasino des Devisenmarktes auszusetzen“.

          Autor Peter Bofinger beim Vorstellen seines neuen Buches in Berlin.

          Folgerichtig sieht er eine Hauptgefahr eines Auseinanderbrechens des Euro darin, dass die neue deutsche Währung dann aufgewertet werden könnte und Deutschland infolgedessen in eine ähnliche Spirale von Deflation und Unterbeschäftigung getrieben werden könnte. Diese Spirale sieht Bofinger seit Jahrzehnten in Japan am Werk, dessen Wirtschaft durch den auf dem Yen lastenden Aufwertungsdruck stranguliert werde. All dies liest sich locker und flüssig.

          Der für die Architektur des Buches zentralen Argumentation hätte es aber gutgetan, wenn Bofinger etwas stärker auf die Fakten eingegangen wäre und dabei einen Blick in die Wirtschaftsgeschichte geworfen hätte: Als das Währungssystem von Bretton Woods Ende der 60er Jahre zuerst knirschte und dann zusammenbrach, hörten sich die Warnungen von Franz-Josef Strauß, Helmut Schmidt oder dem damaligen Bundesbank-Präsidenten Karl Klasen genauso an wie jetzt die von Peter Bofinger. In nur wenigen Jahren wertete die D-Mark damals gegenüber dem Franc um 30 Prozent, dem Dollar und der Lira um 40 Prozent und dem Pfund um 50 Prozent auf.

          Gleichwohl brachten die turbulenten 70er Jahre einen Anstieg des deutschen Exports um 180 Prozent. In den gleichfalls von Wechselkursbewegungen und europäischen Währungskrisen gekennzeichneten 80er und 90er Jahren stieg der deutsche Export jeweils um gut 80 Prozent. Dagegen wuchs der deutsche Export in der Euro-Ära von 2000 bis 2010 „nur“ um 60 Prozent, und das deutlich verlangsamte Exportwachstum fand vor allem außerhalb des Euroraums statt. Divergierende Theorien sind legitim, aber man sollte sie doch stets an der Wirklichkeit testen.

          Krasser noch ist das angebliche Negativ-Beispiel Japan, dessen schreckliches Aufwertungs-Schicksal nach Bofingers Befürchtung Deutschland droht, sollte der Euroraum zerbrechen. Nur ist die von Bofinger beklagte Yen-Aufwertung in der Wechselkursstatistik der EZB nicht zu finden: Ende 1999 kostete ein Euro 103 Yen, Ende 2011 waren es 100 Yen. Zwischendurch allerdings hatte der Yen stark abgewertet, so dass Japans Industrie gegenüber dem Euroraum über weite Strecken gar deutliche Wechselkursvorteile genoss. Woran immer die Stagnation Japans liegt, es ist jedenfalls nicht der Wechselkurs.

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