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Wirtschaftsanalyse : Leiden am Kapitalismus

Euroscheine im Bündel Bild: Rüchel, Dieter

Wie ist es um den Kapitalismus bestellt, wenn er nicht einmal mehr von seinen größten Nutznießern verteidigt wird? Antwort: Ziemlich gut. Die Kritik am Markt ist populär, aber nicht neu. Seine Idee ist nach wie vor überzeugend.

          Eine befremdliche Botschaft drang diesmal aus Davos: Teile der westlichen Weltelite des Kapitals leiden offenbar schmerzlich am Kapitalismus. Nimmt man die aus den Schweizer Bergen kolportierte Stimmung und die kritischen Äußerungen zum Nennwert, ertragen Manager und Banker das kapitalistische Wirtschaftssystem nur noch, weil man kein besseres hat.

          Welch’ wohlfeiles politisch korrektes Echo auf den Occupy-Protest und die Wachstumskritiker, die demonstrierend von Wirtschaftsgipfel zu Wirtschaftsgipfel ziehen! Welche Heuchelei ausgerechnet von jenen, denen das Marktsystem zu besonderem Wohlstand und Macht verholfen hat! Welche Feigheit gerade in einer Krise, die mehr mit den Schwächen der Politik als mit jenen des Marktes zu tun hat!

          Wie ist es um den Kapitalismus bestellt, wenn er nicht einmal mehr von seinen größten Nutznießern verteidigt wird? Antwort: Ziemlich gut. Denn seine zentrale Idee hat nichts von ihrer Überzeugungskraft verloren. Sie lautet, heute zu verzichten, um morgen besser leben zu können; einen Teil des Einkommens zu sparen und das Kapital in neue Ideen zu stecken. Das funktioniert umso besser, je besser es gelingt, die Steuerungsfunktion privaten Märkten zu überlassen. Knappes Kapital fließt dann dorthin, wo die Geldgeber den größten Ertrag vermuten. Erfolge wie Enttäuschungen drücken sich in den Preisen aus, an ihnen orientieren sich dezentral tagtäglich Milliarden Entscheidungen.

          Die Finanzkrise hat eine eklatante Regulierungslücke offenbart: Mangelnde Haftung

          Der Kapitalismus wird attackiert, seit es ihn gibt. Denn natürlich funktionieren Marktprozesse nicht reibungslos. Mangelnde Transparenz, Kartell- und Monopolbildung sind nur einige Schwachstellen. Wo sich Fehler zeigen, müssen die Spielregeln nachgebessert werden, damit Wettbewerb möglich bleibt. Eine eklatante Regulierungslücke hat die Finanzkrise offenbart: Müssen Steuerzahler Banken herauspauken, um das Finanzsystem zu retten, ist der Grundsatz verletzt, dass Investoren für ihre Risiken nicht nur die Gewinne erhalten, sondern auch für den Verlust haften.

          Am schärfsten aber wird der Kapitalismus seit jeher angegriffen, weil Marktergebnisse ungleich verteilt sind. Deswegen wird heftig über die gerechte Korrektur der Erträge gestritten, und zwar selbst in jenen westlichen Marktwirtschaften, die wie Deutschland längst umfassende Sozial- und Transfersysteme aufgebaut haben und statt von Kapitalismus längst von Sozialer Marktwirtschaft sprechen.

          Stimmung in den Schweizer Bergen: Auch in Davos leidet man neuerdings am Kapitalismus

          Trotzdem wird Kapitalismus überall dort heiß ersehnt und nachgeahmt, wo der Staat freie Märkte und Privateigentum unterbindet. Hoch ist das Wachstum anfangs überall, wenn sich politische Freiräume für privaten Unternehmergeist öffnen. In China und Indien erzielen Hunderte Millionen Menschen durch Integration in den Markt ein Einkommen oberhalb des Existenzminimums, das ihnen erlaubt, bescheidenen Wohlstand aufzubauen. In China zeigt sich, dass Kapitalismus selbst unter den Bedingungen der Diktatur und staatlicher Gängelei mit hohen Wachstumsraten vielen Leuten erstmals individuelle Lebens- und Konsumentscheidungen ermöglicht.

          Das Zerrbild vom korrumpierenden Kapitalisten

          Chinas Wirtschaftserfolge lassen seinen Staatskapitalismus in hellem Licht erstrahlen. Doch nutzt er die Vorteile eines Systems, in dem freie Bürger ihre Fähigkeiten auf den Markt tragen, nicht aus. Denn diese erschöpfen sich nicht in Einkommenssicherung und dem Hervorbringen von Neuem. Unterschätzt wird, wie sehr offene Märkte politische und wirtschaftliche Macht begrenzen, weil sie Abhängigkeiten reduzieren und damit auch Korruption, Pfründen- und Vetternwirtschaft, die das Leben in staatsgelenkten Marktwirtschaften schwer erträglich machen. Stattdessen gilt der reiche Kapitalist noch immer als Inbegriff des Mächtigen, der sich die Politik kauft. Die kläglichen Summen, die in der Wulff-Affäre ans Licht kommen, zeigen, dass dieses Bild die Wirklichkeit hierzulande grob verzerrt.

          Angelastet werden dem Kapitalismus jetzt noch die übermäßigen Staatsschulden. Vielerorts haben Regierungen Sozialsysteme auf Kredit aufgebaut: Wohlstand vortäuschend, der nicht erwirtschaftet war, und auf Wachstumsdividenden hoffend, die sich nicht einstellten, weil Leistungsanreize erstickt wurden. Willig haben Banken Geld gepumpt, die Risiken lange ignorierend. Doch auch Staaten können zahlungsunfähig werden oder in Versuchung geraten, Geld zu drucken, um Schulden zu inflationieren. Die Risiken hat man an den Finanzmärkten nun wieder erkannt und Preise für Kredite teils drastisch korrigiert.

          Preissignale wurden ausgeschaltet

          Auf kalten Entzug der Schuldendroge ist keine Regierung vorbereitet, doch in der Europäischen Währungsunion sind die Erschütterungen derzeit besonders heftig. Denn nun ist klar, dass die ökonomischen Voraussetzungen für das politische Projekt „Euro“ nicht in allen 17 Ländern gegeben sind. Das ist kein Fehler der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, auch nicht der Banker. Der Fehler liegt im Versuch der Politik, Währungswettbewerb und seine Preissignale auszuschalten.

          Kritik am Kapitalismus ist berechtigt - wenn sie wirklich darauf zielt, seine Prinzipien zu stärken. Denn allein ein gut funktionierendes Marktsystem ist leistungsfähig genug, um Armut und Hunger überall zu besiegen.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

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