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Interview mit Nobelpreisträger Tirole : „Ein Angriff auf französische Finanzmärkte ist möglich“

  • Aktualisiert am

Jean Tirole Bild: Lydie LECARPENTIER/REA/laif

Der neue Wirtschafts-Nobelpreisträger aus Frankreich kritisiert reformscheue Politiker seines Landes, lobt Berlin und fordert eine Steuer für Unternehmen, die entlassen.

          Herr Professor Tirole, Sie sagten kürzlich, Frankreich könnte einem „Angriff auf den Finanzmärkten“ ausgesetzt sein. Was meinten Sie damit?

          Frankreich hat anders als Deutschland noch keine Strukturreformen durchgeführt. Ich denke etwa an deutsche Reformen wie die Hartz-Gesetze. Man kann das sogenannte französische Modell erhalten, doch der Staat muss schlanker werden. In Frankreich herrscht großer Nachholbedarf nicht nur bei der Haushaltssanierung, sondern auch bei der Liberalisierung von Dienstleistungsberufen, des Arbeitsmarktes oder der Rentenversicherung. Denn die Staatsschulden steigen in beunruhigendem Maße, ebenso wie die Arbeitslosigkeit.

          Aber die Schuldenaufnahme ist derzeit auch extrem billig.

          Das stimmt. Frankreich hat in dieser Hinsicht Glück, doch das kann sich schnell ändern. Ich sage nicht, dass es passiert, doch es ist eine Möglichkeit. Wenn es etwa eines Tages zu einem spekulativen Angriff kommt, dann können die Zinsen sehr rasch von ihrem aktuellen Stand von 0 bis 0,5 Prozent auf beispielsweise 6Prozent steigen. Damit hätten wir das Phänomen einer sich selbst erfüllenden Erwartung. Denn die Befürchtungen der Investoren würden auch eintreten, weil das Defizit wie die Gesamtschulden nach oben schießen würden. Gegen solche Gefahren müssen sich Länder schützen, indem sie glaubwürdig werden. Deutschland hat auch hohe Schulden, ist aber glaubwürdig, weil es sich reformiert hat. Das Gleiche gilt für die skandinavischen Länder. Frankreich hat gute Voraussetzungen, um der gleichen Linie zu folgen. Doch leider gibt es hierzulande keinerlei Konsens über den Reformbedarf. Die Politiker haben sehr viel Angst, die Reformen anzupacken.

          Stimmen Sie Ihren Kollegen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart zu, dass es ab einer Staatsverschuldung von 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) gefährlich wird?

          Ich kenne die beiden recht gut, doch ich glaube nicht, dass das ihre These ist. Die Höhe der tragbaren Schulden hängt von zahlreichen Faktoren ab. Nehmen Sie Japan, wo die Schulden von 220 Prozent des BIP vor allem von inländischen Gläubigern gehalten werden. Dennoch ist das Land nicht zahlungsunfähig. Auf der anderen Seite könnte man Argentinien nennen: Die Schulden liegen nur bei 60 Prozent, doch das Land ist beinahe bankrott. Denn es handelt sich um externe Schulden, und gleichzeitig hat das Land keine große Fähigkeit zur Steuereintreibung. Es gibt eine Grenze, doch sie ist in jedem Land anderswo.

          Die französische Regierung sagt, wenn sie mehr sparen würde, käme es zur Rezession. Stimmt das?

          Es ist normal, dass man in einer Rezession nicht zu harte Sparpläne („Austerität“) fahren darf. Es ist normal, in der Rezession ein Defizit zu haben. Das Problem Frankreichs ist aber, dass man in guten Zeiten seit 40 Jahren keinen Haushaltsüberschuss erzielt hat. Selbst in Phasen des Aufschwungs hat man rund 3 Prozent neue Schulden aufgenommen. Das ist katastrophal. In der jetzigen Lage darf man sicher nicht zu stark auf die Bremse treten. Doch wir brauchen eine glaubwürdige Rückführung der Staatsausgaben. Nur zu versprechen, dass der Haushalt in fünf Jahren ausgeglichen ist, reicht nicht. Wir müssen gleichzeitig Reformen angehen, um Vertrauen zu wecken.

          In der aktuellen Debatte ist der Vorwurf aufgekommen, dass die Deutschen nicht genügend in ihre staatliche Infrastruktur investieren. Deutschland müsste mehr tun, um die Konjunktur anzukurbeln. Was halten Sie davon?

          Ich bin kein Experte für Deutschland, doch ich weiß, dass Investitionen nicht dazu da sind, um die Konjunktur anzukurbeln, sondern um sich für die Zukunft zu rüsten. Daher muss man etwa in die Bildung investieren – auf allen Ebenen, vom Kindergarten bis zur Lehre und Forschung an den Hochschulen. Im schärferen internationalen Wettbewerb des 21.Jahrhunderts profitieren wir nicht nur als Konsumenten von den niedrigen Preisen der Schwellenländer, wir können auch auf der Angebotsseite einen komparativen Vorteil nutzen: in den Dienstleistungen, die nicht exportiert werden können, sowie im Bereich der wissensintensiven Wirtschaft. Dort entstehen ganz neue Branchen, siehe Unternehmen wie Google, Amazon oder viele Biotechnologie-Firmen.

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