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Wirtschafts-Nobelpreis : Ein Preis für alle

Wirtschaftsnobelpreisträger Dale Mortensen (2010) zeigt seine Medaille. Bild: dpa

Heute wird der Wirtschafts-Nobelpreis verkündet. Er war der Nachzügler unter den Nobelpreisen. Er ist längst nicht mehr für Wirtschaftswissenschaftler reserviert.

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          Das Zitat kommt jedes Jahr, fast so zuverlässig wie Weihnachten, an einem Montag Anfang Oktober. Dann wird der Wirtschafts-Nobelpreis verliehen. Jedes Jahr wird aus einem Brief zitiert, den die Großnichten und -neffen von Preisstifter Alfred Nobel gestreut haben: „Ich habe keine Ausbildung in Ökonomie und hasse sie aus tiefstem Herzen“. Nobels Familie mag den Wirtschafts-Nobelpreis nicht. Kritiker sehen in den Vorwürfen der Nobel-Neffen das erste Indiz dafür, dass der Preis einer neoliberalen Agenda dient.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          1968 allerdings war das anders. Damals wollte die schwedische Reichsbank einen Preis für Wirtschaftswissenschaften stiften, und alle stimmten zu: Schwedens Ministerpräsident, das Parlament – und Nobels Nichte Marta, das damalige Oberhaupt der Familie. Sie stellte eine Bedingung: Der Wirtschaftspreis müsse einen etwas anderen Namen tragen als die übrigen Preise: „Preis der Schwedischen Reichsbank in Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel“ – im Gegenzug wird der Preis von der Nobel-Stiftung verwaltet und von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften vergeben, so wie auch die Nobelpreise für Physik und Chemie. (Die Geschichte des Preises haben wir ausführlich aufgeschrieben.)

          Deshalb wird seit 1968 als letzter von allen Nobelpreisen der Wirtschafts-Nobelpreis vergeben. An diesem Montag ist es nicht vor 11.45 Uhr soweit – und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es keinen der Favoriten trifft.

          Die Favoriten – und warum sie den Preis vielleicht nicht bekommen

          Betrachtet man die Forschungsleistung der Ökonomen, dann sind die Favoriten eindeutig: Seit Jahren steht Ernst Fehr, in Zürich lehrender Österreicher, für seine verhaltensökonomische Forschung auf der Warteliste, gemeinsam mit Colin Camerer (California Institute of Technology) und Richard Thaler (Universität Chicago). Außerdem wird Raghuram Rajan genannt, ehemaliger indischer Notenbankchef und Finanzmarkt-Forscher, der sich den Preis mit zwei Forschern aus dem amerikanischen Cambridge teilen könnte: Michael Jensen und Stewart Myers.

          Auch den Geldpolitiker John Taylor hat mancher auf der Rechnung. Der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, gilt ebenfalls als möglicher Preisträger: Er hat die Geschichten der Finanzkrisen untersucht und so einiges zum Verständnis beigetragen.

          Ob allerdings tatsächlich einer von ihnen den Preis bekommt, ist fraglich. Zwar hat eine Analyse der Historiker Avner Offer und Gabriel Söderberg ergeben, dass in der Wirtschaft der Nobelpreis seinen Trägern kaum einen zusätzlichen Schub bringt, weil die Träger meist ohnehin schon renommiert sind – kein Nobelpreis hält sich traditionell so eng im Favoritenrahmen wie der für Wirtschaftswissenschaften.

          Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Vergabepraxis geändert. Das Auswahlkomitee der Schwedischen Akademie verleiht den Preis häufig auch an Wissenschaftler aus anderen Disziplinen. Mancher fordert, den Wirtschafts-Nobelpreis durch einen Nobelpreis für Sozialwissenschaften zu ersetzen. Das ist nicht leicht, das Preiskomitee allerdings ist in der Praxis schon einen Schritt in diese Richtung gegangen. Es vergab zum Beispiel Auszeichnungen an den Wirtschaftsphilosophen Amartya Sen, die Politologin Elinor Ostrom und für den Psychologen Daniel Kahneman – praktisch an alle, die Wirtschaftsgeschehen sinnvoll erklären.

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