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Wirtschafts-Nobelpreis : Arbeit am Markt

Bild: reuters

Für ihre Arbeiten zu den Ursachen von Arbeitslosigkeit erhalten drei Forscher den Wirtschafts-Nobelpreis. Politisch brisant ist ihre Erkenntnis, dass eine zu komfortable Unterstützung für Arbeitslose deren „Reservationslohn“ erhöht: den Lohn, unterhalb dessen sie keine Arbeit aufnehmen.

          Auch in diesem Jahr kommt die Entscheidung des schwedischen Nobelpreiskomitees für die meisten Beobachter völlig überraschend. Nein, wieder hat kein Verhaltensökonom den Preis erhalten, der den Menschen (vor allem in Finanzfragen) als irrationales Wesen entlarvt. Ein Preis für solche Theorien hätte wie ein aktueller Kommentar zur Finanzkrise ausgesehen. Das Nobelpreiskomitee will offenbar vermeiden, schon jetzt einen Forscher dazu zu prämieren. So sind die heimlichen Favoriten, etwa Robert Shiller oder der durch seine Forschung über historische Finanzkrise bekannte Kenneth Rogoff, wieder leer ausgegangen. Sie bekommen vielleicht in einigen Jahren den Preis.

          Die Mühlen des Nobelkomitees mahlen langsam. In Stockholm wählt man mit Bedacht meist Theorien, die gut abgehangen sind. Die drei nun ausgezeichneten Ökonomen Peter Diamond, Dale Mortensen und Christopher Pissarides haben ihre bahnbrechenden Arbeiten über Suchprozesse auf schwierigen Märkten schon seit den siebziger Jahren vorgelegt. Damals begann die Massenarbeitslosigkeit in den westlichen Ländern erstmals wieder ein großes Problem zu werden. Die übliche Antwort liberaler Ökonomen lautete, die Arbeitslosigkeit werde durch zu hohe, zu wenig flexible Löhne verursacht. Diese verhinderten, dass das gesamte Arbeitsangebot Abnehmer finde. Doch Diamond, Mortensen und Pissarides haben gezeigt, dass die Sache komplizierter ist. Das Zusammenführen von Angebot und Nachfrage wird umso schwieriger, je verschiedener die Vorstellungen von Arbeitslosen und Unternehmen sind. Hartnäckige Massenarbeitslosigkeit besteht daher bisweilen parallel zu Hunderttausenden offener, unbesetzter Stellen.

          Daraus leitet sich nicht nur der Schluss ab, die Arbeitsvermittlung zu verbessern. Politisch brisant ist die Erkenntnis, dass eine zu komfortable staatliche Unterstützung für Arbeitslose deren „Reservationslohn“ erhöht: den Lohn, unterhalb dessen sie keine Arbeit aufnehmen. Zu hohe Ansprüche oder falsche Vorstellungen führen dazu, dass Arbeitslose zu lange nach einem Job suchen. Mit der Zeit verfallen ihre Qualifikationen. Die Arbeitsmarktreformen in Deutschland haben, auf den Theorien der drei Ökonomen aufbauend, die Rahmenbedingungen verändert, um die Anreize zur Arbeitsaufnahme zu steigern. Das Ziel ist aber noch nicht erreicht. Die Entscheidung der Stockholmer Akademie erinnert nun daran, dass neben den Finanzmärkten auch die Arbeitsmärkte weiterer Reformen bedürfen.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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