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Im Gespräch: Christopher Whalen, IRA : „Die Regierungen sind machtlos gegen die Bankster“

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Christopher Whalen, The Institutional Risk Analyst Bild: Privat

Intensiv wird mit Kreditausfallversicherungen gegen Griechenland spekuliert. Der Markt muss dringend reguliert werden, meint Chris Whalen, Mitgründer des alternativen Risikoanalyseinstituts Institutional Risk Analytics. Die Industrie jedoch wehrt sich mit allen Tricks.

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          Nach Medienberichten stehen Griechenland und andere europäische Randstaaten im Generalverdacht, wegen hoher Schulden, schwacher Wirtschaft und strukturellen Defiziten möglicherweise, ihre Verbindlichkeiten künftig nicht mehr bedienen, noch weniger zurückzahlen zu können.

          An den Finanzmärkten wird intensiv darauf spekuliert. Da diese Wetten nichts kosten, können sich die Betroffenen oft nicht zur Wehr setzen. Der Markt für Kreditausfallversicherungen müsste daher dringend reguliert werden, erklärt Chris Whalen, Mitgründer des alternativen Instituts für die Analyse von Risiken in der Bankenbranche, Institutional Risk Analytics. Allerdings zeigten sich die Regierungen bisher machtlos gegen die „Bankster“, die ihre Eigeninteressen mit allen Tricks verteidigten.

          Der Preis für die Versicherung gegen einen Zahlungsausfall Griechenlands ist stark gestiegen. Wie ist das zu bewerten?

          Wir geben Anlegern mit Kreditausfallversicherungen oder Credit Default Swaps (CDS) die Möglichkeit, gegen Hausbesitzer, Unternehmen und ganze Staaten zu spekulieren. Vergleicht man die Spekulationen gegen Griechenland mit dem, was George Soros vor Jahren gegen Großbritannien unternahm, so sind sie problematischer. Denn die Spekulanten sind größer als der Basismarkt. Das vergleichsweise kleine Griechenland kann sich am offenen Markt kaum verteidigen, wenn sich die spekulativen Kräfte der Welt, koordiniert durch die unregulierten derivativen Finanzinstrumente, konzentriert gegen das Land richten. Es ist, wie wenn ein wildes Rudel Wölfe über das schwächste Mitglied einer Wildtierherde herfällt.

          Wie ist so etwas möglich?

          Man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass das Eingehen solcher Wetten praktisch nichts kostet. Wenn man einen CDS abschließt, zum Beispiel mit der Deutschen Bank, die sehr aktiv ist in diesem Markt, so erhält man praktisch unbegrenzte Möglichkeiten, Fremdkapital einzusetzen. Sollte es tatsächlich zur Störung der Zahlungsfähigkeit Griechenlands kommen, so muss die Gegenpartei nicht die relevanten Anleihen liefern, sondern kann Wertdifferenzen durch Bargeld ausgleichen. Die Transaktionen sind vergleichbar mit Pferdewetten. Der sehr spekulative Markt vergrößert so die eigentlichen Probleme und trägt dazu bei, dass die Risikoprämien stark steigen.

          Welche Konsequenzen kann man daraus ziehen?

          Das Beispiel Griechenland zeigt, wieso der Markt mit CDS stärker reguliert werden muss. Tatsächlich scheinen die Regierungen in den Vereinigten Staaten und Europa aber machtlos gegen die Bankster zu sein. Bisher hat sich nach der Krise nichts verändert. Der Blick auf die vergangenen 100 Jahre lehrt, dass die Spekulanten immer die Oberhand über die Politiker behalten. Sehr wahrscheinlich werden weitere Spekulationswellen folgen, zum Beispiel gegen Spanien. Wir müssen uns in der westlichen Zivilisation fragen, ob wir so etwas tolerieren wollen. AIG, Lehman Brothers, Bear Stearns, Island - alle waren Opfer von Spekulationen mit CDS. Wie lange wollen wir noch so weiter machen?

          Was sollte man ändern, was würden Sie tun?

          Grundsätzlich sollte man nur dann Kreditausfallversicherungen auf griechische Anleihen kaufen können, wenn man solche im Depot hat - so einfach ist das. Wer ökonomische Interessen hat, sollte sie absichern können - und damit hat's sich. Der heutige Markt jedoch ist meschugge.

          Inwiefern?

          Der Preis für die Versicherung gegen Zahlungsschwierigkeiten Griechenlands ist in den vergangenen Wochen zwar deutlich gestiegen. Läge die Ausfallwahrscheinlichkeit aber bei 10, 20 oder 30 Prozent, so müsste er deutlich höher liegen. Die Händler, die solche Instrumente handeln, denken nicht in Wahrscheinlichkeiten, sondern sie spekulieren einfach nur auf höhere Zinsen am Rentenmarkt. Sie setzen den Preis immer wieder zu tief an: Am Tag vor der Lehmanpleite etwa konnte man Absicherungen gegen den Zahlungsausfall noch zu sieben Prozent des Nominalwertes erwerben. Da die Händler für den Kauf von CDS praktisch kein Kapital benötigen, können sie ihre Positionen immer weiter ausbauen und auf diese Weise die griechischen Zinsen und den Euro bewegen.

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