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Günther Merl : Von der Helaba zum Rettungsfonds

  • Aktualisiert am

Günther Merl Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Günther Merl heißt der künftige Chef des Bankenrettungsfonds. Der ehemalige Helaba-Chef hatte sich eigentlich zur Ruhe gesetzt. Nun soll er in Steinbrücks Auftrag Garantien vergeben, Eigenkapital spenden, riskante Wertpapiere abkaufen - und den Banken Auflagen erteilen.

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          Auf den starken Abgang folgt nun die schnelle Rückkehr, und ausgerechnet die Bayern LB und voraussichtlich die West LB werden seine ersten Kunden. Ende September war der 62 Jahre alte Günther Merl vom Vorstandsvorsitz der in der Finanzkrise glänzend dastehenden Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) zurückgetreten – zermürbt von Scharmützeln mit dem wichtigsten Eigentümer, dem hessischen Sparkassenverband. Jetzt ist Merl, nach 20 Tagen Ruhestand, zurück im Berufsleben. Es wird ihm eine besondere Genugtuung sein, von der Politik gerufen worden zu sein, um über Veränderungen in den Banken wesentlich mit zu entscheiden, die jetzt staatliche Hilfe brauchen und annehmen.

          Auf seinem Abschiedsempfang als Chef der Helaba hatte Merl noch voller Vorfreude davon gesprochen, sich nach 40 Berufsjahren eine Auszeit zu nehmen, sich noch einmal im Bett umdrehen zu können, wenn andere zur Arbeit gehen. Doch als Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) Merl an seinem geliebten Zweitwohnsitz im Chiemgau erreichte, war sogleich Schluss mit Wandern und Radfahren. Am Mittwoch hat sich der sogenannte Leitungsausschuss für den Banken-Rettungsfonds schon unter Merls Vorsitz erstmals am Sitz der Bundesbank außerhalb des Stadtgebietes getroffen, vom heutigen Donnerstag an bezieht der gebürtige Oberpfälzer nun mit zwei Vorstandskollegen und elf von der Bundesbank abgestellten Fachleuten Büros der Bundesbank im Frankfurter Bankenviertel. Die Helaba als Vorbild für andere Banken hat Merl dann wieder fest im Blick.

          Den Banken Auflagen machen

          Es werden nicht nur, aber aller Voraussicht nach vor allem Landesbanken sein, mit denen Merl zu tun haben wird. Merl wird nicht nur Garantien vergeben, Eigenkapital spenden und riskante Wertpapiere abkaufen. Im Gegenzug wird er unter Fachaufsicht von Finanzminister Steinbrück als Leiter des operativen Geschäfts den Banken Auflagen machen, die diese Hilfe in ihrer Not brauchen. Daher ist es interessant, Merls Thesen in Erinnerung zu rufen, mit denen er in den vergangenen Jahren in der Sparkassen-Gruppe ein Außenseiter war, mit deren Umsetzung er aber die Helaba zu einer erfolgreichen und eher risikoarmen Landesbank gemacht hat.

          Hier wird künftig Günther Merls Arbeitsplatz sein
          Hier wird künftig Günther Merls Arbeitsplatz sein : Bild: Julia Zimmermann - F.A.Z.

          Zu Merls wichtigsten Überzeugungen gehört, dass Größe für eine Bank kein Wert an sich sei. Vielmehr komme es auf das Geschäftsmodell an. Im Großkundengeschäft sei für eine Landesbank mit 300 Milliarden Euro Bilanzsumme wichtig, nicht alles zu machen, sondern sich als europäische Regionalbank auf bestimmte Kernregionen und Kerngeschäftsfelder zu konzentrieren, ohne Klumpenrisiken einzugehen. Wer dies heute im Nachhinein als Kritik an der auf der ganzen Welt aktiven West LB oder der mit Island-Risiken von mehr als einer Milliarde Euro beladenen Bayern LB versteht, liegt wohl kaum falsch.

          Mehr als 50 Prozent der Bilanzsumme müsse kundenbezogenes Geschäft sein, nahe an der Realwirtschaft, ist ein weiteres Diktum Merls, das viele Landesbanken mit ihren großen Finanzanlagen nicht beherzigt haben. Besonders viel Kritik erntete Merl in der Vergangenheit aber für seine Forderung nach Privatkundengeschäft für die Landesbanken. Hier berief er sich ausdrücklich auch auf ein weiteres Enfant terrible der Sparkassen-Gruppe, den früheren West-LB-Chef Ludwig Poullain, bei dem Merl in den siebziger Jahren seine berufliche Karriere begann und der die Landesbanken gerne als Damen ohne Unterleib bezeichnet.

          Seine Ideen sind jetzt gefragt

          Landesbanken brauchen, so ist auch Merls Überzeugung, zur Stabilisierung des Großkundengeschäftes die Einlagen von Privatkunden. Die Landesbank Baden-Württemberg bezeichnete Merl einmal als Vorbild für die Helaba, weil die LBBW in Stuttgart nicht nur Landesbank, sondern auch Sparkasse ist. In Hessen fand Merl für seine Ideen Unterstützung von Ministerpräsident Roland Koch (CDU), der 2005 entscheidend mit dafür sorgte, dass die Helaba die Frankfurter Sparkasse kaufen durfte. Als Koch die Mehrheit im Landtag verlor und die hessischen Sparkassen weitere Zusammenschlüsse mit der Helaba blockierten, reichte Merl den Rücktritt ein.

          Jetzt sind Merls Ideen gefragt, und er kann auf die Umsetzung drängen. Dass ausgerechnet die Bayern LB und voraussichtlich die West LB ihn als Erste nach Eigenkapital fragen, ist auch deshalb pikant, weil Merl gerne für die Helaba Übernahmeverhandlungen mit der West LB geführt hätte und die Bayern LB Merl als langjähriger Kooperationspartner bekannt ist. Zuletzt hat Merl keinen Zweifel daran gelassen, dass in Ballungsräumen wie Hamburg, München und Düsseldorf/Köln Zusammenschlüsse von Landesbanken und Sparkassen kommen müssen. Das wollten weder die Kommunen noch die Sparkassen hören. Jetzt könnte genau das in der Not passieren. Hanno Mussler

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