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Wirtschafts-Erforscher (6) : Das Milliardenloch am Arbeitsmarkt

Michael Lechner Bild: Marcus Kaufhold

Arbeitslose werden ineffizient gefördert und bleiben deshalb länger ohne Beschäftigung. Das hat der Ökonometriker Michael Lechner nachgewiesen. Er plädiert für Kombilöhne nach Schweizer Vorbild.

          Im Hintergrund des Büros brummt ein Computer. Er rechnet und rechnet, zwei Wochen ununterbrochen. Mehrere hunderttausend Datensätze werden individuell ausgewertet: Es sind die anonymisierten Erwerbsbiographien deutscher Arbeitnehmer, aufgeschlüsselt nach Hunderten von Variablen, wie sie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Nürnberger Bundesagentur Wissenschaftlern zur Verfügung stellt.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Michael Lechner von der Universität St. Gallen nutzt diese Stichprobe von zwei Prozent aller deutschen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, um den Erfolg der aktiven Arbeitsmarktpolitik in Deutschland zu messen. Das Ergebnis seiner neuesten Studien ist vernichtend: „Es war auch für uns selbst überraschend“, sagt Lechner, „dass wir keine Arbeitsmarktmaßnahme gefunden haben, weder in Ost- noch in Westdeutschland, die positive Effekte hatte, dafür aber eine Menge von Maßnahmen, die Arbeitslosigkeit eher verfestigen.“

          „Geförderte“ durchschnittlich länger arbeitslos

          Wenn einer viele Monate oder gar Jahre arbeitslos ist, dann wird dies zur menschlich belastenden Erfahrung. Auch für die Volkswirtschaft bedeutet es einen enormen Verlust, wenn - wie in Deutschland seit rund fünfzehn Jahren - durchschnittlich vier Millionen Arbeitskräfte nicht tätig sind. Enorme Ressourcen liegen einfach brach, das „Humankapital“ verkümmert. Daher bemühen sich fast alle westlichen Staaten mit einer aktiven Arbeitsmarktpolitik, ihre Arbeitslosen wieder in Lohn und Brot zu bringen.

          Der deutsche Staat gibt für Qualifizierungskurse und Eingliederungsmaßnahmen jährlich gewaltige Summen aus, in Westdeutschland 2002 etwa 8 Milliarden Euro und 2006 immerhin noch 4 Milliarden Euro. Doch diese Ausgaben sind weitgehend wirkungslos verpufft, wie Lechner und Kollegen mit ökonometrischen Verfahren nachgewiesen haben. Grundlage ihrer Studien ist das „Matching“-Schätzverfahren. Dabei vergleichen Lechner und seine Kollegen zwei Gruppen: Arbeitslose, die an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen teilnehmen, und Arbeitslose, die dies nicht tun. „Damit wir nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, werden die Datensätze in einem sehr aufwendigen Verfahren sortiert und gewichtet, um die Altersverteilung, die Qualifikationsprofile und zig andere Variablen anzunähern“, erläutert Lechner. Dann rechnet der Computer - und es zeigt sich, dass die „Geförderten“ durchschnittlich länger arbeitslos sind.

          Vermeintliche Hilfestellung wird zur Falle

          Was könnten die Gründe sein? „Es gibt einen ,lock-in'-Effekt, also ein Gefangensein in der Maßnahme“, erläutert Lechner. Während der Teilnahme an Kursen oder ABM sind Arbeitslose zunächst versorgt. Sie suchen nicht mehr nach einer regulären Stelle. Außerdem steigt ihr „Reservationslohn“, wie Ökonomen sagen, also der Mindestanspruch an Entlohnung. Die vermeintliche Hilfestellung der aktiven Arbeitsmarktpolitik kann somit zur Falle werden. Sie verlängert effektiv die Arbeitslosigkeit, wie die Auswertung der IAB-Datensätze für die Jahre 2000 bis 2002, also nach der großen Reform der Arbeitsmarktpolitik von 1998, zeigt.

          Zwischen 2000 und 20.000 Euro kosten die verschiedenen Programme den Steuerzahler je Teilnehmer. „What did all the money do?“ hat Lechner einen Aufsatz betitelt, der die Ergebnisse seiner Berechnungen zusammenfasst: Keines der Programme erhöhte die durchschnittlichen Chancen der Teilnehmer gegenüber Nichtteilnehmern, innerhalb von 30 Monaten eine reguläre Arbeit zu finden. Auffällig ist, dass Arbeitssuchende mit höherer Qualifikation und guten Arbeitsmarktchancen durch die Arbeitsmarktpolitik besonders stark zurückgeworfen werden. Für sie überwiegen die negativen Effekte des „lock-in“ ganz klar.

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