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Wirtschafts-Erforscher (5) : Von den größten zu den dicksten Menschen

Die Körpergröße als Wohlstandsindikator bleibt umstritten Bild: AP

Falsch gedacht: Die Menschen werden nicht immer größer. Die Amerikaner wachsen statt dessen in die Breite. Und Ostdeutschen sind noch immer kleiner als die Westdeutschen. Der Wirtschaftshistoriker John Komlos hat über Jahrzehnte Körpergrößen untersucht.

          Unvorstellbar harte Fabrikarbeit bei miserabler Bezahlung - so stellt man sich das Los der Arbeiter während der frühen Industrialisierung vor. Bis heute ist es eine Streitfrage, wie sich der wirtschaftliche Umwälzungsprozess des späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhunderts auf den Lebensstandard der Europäer auswirkte. Aus Sicht der Marxisten bedeutete die Industrialisierung eine verschärfte kapitalistische Ausbeutung. Lange wirkten jene düsteren Berichte nach, die Friedrich Engels über die englische Arbeiterklasse verfasste. Später hielten liberale Wirtschaftshistoriker wie T. S. Ashton oder Max Hartwell dagegen, die ein wesentlich helleres Bild zeichneten. Neuere Studien, etwa von Nick Crafts, haben ergeben, dass die sogenannte Industrielle Revolution keineswegs über Nacht alles veränderte, sondern eher ein langer, evolutionärer Prozess war.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die Frage nach dem Lebensstandard bleibt aber offen. „Das ist ein politisch vergiftetes Thema“, meint der ungarisch-amerikanische Wirtschaftshistoriker John Komlos, der an der Universität München lehrt. Während manche versuchen, rückblickend Reihen zum Bruttoinlandsprodukt je Kopf zu errechnen, nutzt Komlos einen anderen Indikator: die Körpergröße der Menschen. Zum großen Teil ist diese genetisch bestimmt, sie spiegelt aber auch Ernährung und Gesundheitszustand der Menschen, also ihren Wohlstand, wider.

          Pionier der anthropometrischen Forschung

          Die von Komlos über Jahrzehnte zusammengetragenen Daten zeigen, dass die durchschnittliche Größe der Europäer im späten achtzehnten Jahrhundert eher abnahm. Also ein Beleg für die „Verelendungsthese“? „Die Sache ist komplexer“, sagt Komlos. „Zeitgleich mit der Industrialisierung gab es eine demographische Revolution - die Bevölkerungszahl in Europa explodierte regelrecht.“ Daher sei die Mangelernährung nicht verwunderlich, „aber dass die vielen Menschen überhaupt überlebten und nicht die ,malthusianische Falle' zuschnappte, das war der neuen Wirtschaftsstärke zu verdanken“.

          Komlos, Sohn ungarisch-jüdischer Eltern, die in die Vereinigten Staaten auswanderten, gehört zu den Pionieren der sogenannten „anthropometrischen“ Forschung. Der sperrige Begriff setzt sich zusammen aus dem griechischen Wort für Mensch, „anthropos“, und dem Wort „metrik“ für Messen. Blickt man weit zurück, stellt man erstaunliche Schwankungen der Körpergröße fest. Zur Zeit von Karl dem Großen waren die Europäer recht hochgewachsen, doch im weiteren Mittelalter schrumpften sie. Während der Kleinen Eiszeit im siebzehnten Jahrhundert, als zudem der Dreißigjährige Krieg wütete, erlebten die Europäer eine demographische Krise - ihre durchschnittliche Körpergröße sank auf bis zu 1,60 Meter.

          1956 von Ungarn nach Amerika geflüchtet

          Das Interesse am Wachstum des menschlichen Körpers hat bei Komlos auch einen persönlichen Hintergrund. Er selbst misst rund 10 Zentimeter weniger als der heutige amerikanische Durchschnittsmann von 1,77 Meter. Grund dafür war Mangelernährung in seiner Jugend: Als Komlos mitten im Krieg Ende 1944 in Budapest geboren wurde, herrschte akute Not, und unter den Kommunisten entwickelte sich die Wirtschaft schleppend. Nach dem Aufstand von 1956 flüchteten die Komlos' nach Amerika.

          An der Universität Chicago lernte Komlos den Wert empirischer Forschung kennen. Zunächst studierte er Geschichte, später kam noch Ökonomik hinzu. In beiden Fächern wurde er promoviert. Eine Vorlesung des berühmten Wirtschaftshistorikers Robert Fogel sollte Komlos' weitere Forschung in eine entscheidend neue Richtung lenken: Fogel, später mit dem Ökonomie-Nobelpreis geehrt, hatte mit dem Buch „Time on the Cross“ eine hitzige Debatte über das System der Sklavenwirtschaft ausgelöst. Zentral ging es um die Frage, wie produktiv die Plantagen in den Südstaaten und wie der Lebensstandard und die Gesundheit der schwarzen Arbeiter waren. Der Streit war nicht moralisch, nur empirisch zu entscheiden. Verblüffenderweise ergab sich, dass die schwarzen Sklaven fast die gleiche Körpergröße wie weiße Amerikaner hatten und bis zu 12 Zentimeter größer waren als die durchschnittlichen Afrikaner jener Zeit. Komlos hat dazu aus alten Zeitungen hunderte Beschreibungen entlaufener Sklaven gesammelt.

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