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Hanks Welt : Zerstörung hat Zukunft

Blick in eine Autofabrik in Leipzig: Welche Jobs wird es dort in zehn Jahren noch geben? Bild: dpa

Regelmäßig sind wirtschaftliche Transformationsprozesse verbunden mit der Angst vor hoher Arbeitslosigkeit. Doch noch nie sind diese Befürchtungen eingetreten.

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          So viel Transformation war nie. Wir hören viel von der „digitalen Transformation“, der „biologischen Transformation“ – und natürlich von der grundlegenden Transformation unseres Wirtschaftens angesichts der Klimakrise. Was versteht man unter Transformation? Eine erste Definition lautet: Transformation bezeichnet das Umwandeln oder Umgestalten von etwas in einen anderen Zustand. Es geht um die Umstrukturierung eines bestehenden Systems in ein anderes. Kaum ein Begriff hat in letzter Zeit eine solche Karriere hingelegt wie die Transformation. Anschaulich zeigt dies die Wortverlaufskurve des digitalen Wörterbuches der deutschen Sprache: Nach 2010 erlebt die seit 1946 flach verlaufende Linie einen exponentiellen Schub, der sie fast vertikal ansteigen lässt. Sofern Sprache etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat, muss man sagen: Irgendetwas passiert. Aber was?

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Transformationen sind mit Ängsten verbunden. Veränderungen mögen theoretisch willkommen sein; wird es konkret, fürchten wir sie. Unser Wohlstand – oder der unserer Kinder – ist gefährdet. Unsere Arbeit könnte uns ausgehen. Kein Wunder, dass Industrie und Gewerkschaften an den Staat und die Politik die Forderung herantragen, die Transformation abzufedern und potentielle Verlierer zu entschädigen.

          Was wird aus der deutschen Autobranche?

          Machen wir es konkret am Beispiel der Automobilindustrie, passend zur IAA in München. Die Branche befindet sich in einem der größten Transformationsprozesse seit den Erfindungen von Gottfried Daimler, Robert Bosch und Henry Ford. Wesentliche Aufgabe der Transformation ist der Umstieg von konventionellen Antrieben auf elektrische Fahrzeuge und Wasserstoffantrieb – und das in atemberaubender Geschwindigkeit. In Deutschland stellen annähernd eine halbe Million Personen Produkte her, die direkt mit der Verbrennertechnik zusammenhängen, Dieselmotoren, Abgasreinigungssysteme oder Auspufftöpfe zum Beispiel. Nimmt man die indirekt vom Auto abhängigen Beschäftigten hinzu, sind es 2,75 Millionen Menschen. Rund 50 Prozent der europäischen Wertschöpfung im Kraftfahrzeugbau findet in Deutschland statt. Was wird aus diesen Beschäftigten im Transformationsprozess?

          Das Ifo-Institut in München hat dazu gerade eine nicht nur wegen ihres Ergebnisses aufregende Studie veröffentlicht. Auch die Methode ist bemerkenswert. Die Ausgangsfrage war, welche Kompetenzen bei der Fertigung von Autos künftig gebraucht werden. Und ob die heute schon in der Branche Beschäftigten diese Kompetenzen sich aneignen werden oder ob dazu Personal von außen gesucht werden muss. Es braucht nämlich nicht nur neue Berufe. Es ändern sich auch die Berufe selbst. So bleibt beispielsweise die Berufsbezeichnung Entwicklungsingenieur bestehen. Doch der muss sich jetzt mit Batteriesteuerungen auskennen.

          Um herauszufinden, wie gut oder schlecht die deutsche Industrie für die Transformation gerüstet ist, haben sich die Ifo-Forscher der Daten des beruflichen Netzwerkes LinkedIn bedient. Das ist ziemlich pfiffig. Wer bei LinkedIn Mitglied ist, gibt in der Regel mehr oder weniger detailliert ein berufliches Profil von sich und seinen professionellen Kompetenzen preis. Damit, so das Ifo-Institut, sei es möglich, die Veränderung der Kompetenzen in der deutschen und internationalen Automobilindustrie sehr zeitnah zu analysieren, besser als mit der nachhinkenden amtlichen Statistik. Allerdings scheinen die Forscher davon auszugehen, dass die LinkedIn-Nutzer ehrlich sind. Sie unterschlagen dabei die menschliche Neigung, die eigenen Kompetenzen in ein gutes Licht zu stellen. Sei’s drum.

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