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Wirtschaftkriminalität : FlowTex-Skandal - Finanzbeamte im Visier

  • Aktualisiert am

Wer hat Schuld, Matthias Schmider oder die anderen? Bild: AP

Konnte FlowTex nur bestehen, weil Finanzbeamte und Staatsanwaltschaft die Betrügereien deckten? Spannende Fragen im zweiten Prozess.

          2 Min.

          Der größte Wirtschaftskrimi der deutschen Nachkriegsgeschichte geht in die zweite Runde. Vor Gericht steht seit Dienstag Matthias Schmider, jüngerer Bruder von Manfred Schmider, dem ehemaligen Chef der Ettlinger FlowTex-Gruppe.

          Manfred Schmider sitzt seit Dezember letzten Jahres im Gefängnis, nachdem ihn das Mannheimer Landgericht zu zwölf Jahren Haft verurteilt hat. Er und sein Ingenieur Klaus Kleiser hatten ein Firmengeflecht mit nicht existierenden Horizontalbohrmaschinen aufgebaut. Schmider und Kleiser hatten über 3.000 nicht vorhandene Bohrsysteme verkauft und eine faule Kapitalanleihe über 300 Millionen Euro geplant. Sie hatten dadurch einen Schaden von über zwei Milliarden Euro angerichtet.

          Rolle der Finanzbeamten und der Staatsanwaltschaft

          Matthias Schmider wird nun vorgeworfen, bei den Scheingeschäften seines Bruders tatkräftig mitgeholfen und auch selbst Scheingeschäfte getätigt zu haben. Während der ältere der Schmider-Brüder in seinem Prozess ein umfassendes Geständnis ablegte, will Matthias Schmider die Vorwürfe zurückweisen. Die Verteidigung warf den Behörden gleich zu Prozessbeginn Versagen vor, weil die FlowTex-Affäre trotz Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und Betriebsprüfung des Finanzamts zehn Jahre lang nicht aufgedeckt wurde. Anwalt Alexander Keller will daher bei dem Prozess die Rolle von Finanzbeamten und Staatsanwaltschaften genau durchleuchten. Matthias Schmiders Aussagen dazu werden mit Spannung erwartet.

          Schon Ingenieur Kleiser, verurteilt zu neuneinhalb Jahren Haft, sagte vor Gericht aus, das betrügerische System sei bereits 1995/96 bei einer Finanzprüfung entdeckt worden. Er habe damals sehr offen mit dem Prüfer gesprochen. Auch weil er den Eindruck gehabt habe, das Einverständnis des leitenden Finanzbeamten zu haben, habe er weitergemacht.

          "Hätte Taten gar nicht mehr begehen können"

          Die Mannheimer Staatsanwaltschaft ermittelt seit Monaten gegen ein halbes Dutzend Karlsruher Betriebsprüfer und Steuerfahnder, unter anderem wegen Verdachts der Strafvereitelung. Im Raum steht auch die Vermutung, dass ein Beamter bestochen wurde. „Wenn das ganze System schon 1996 hätte aufgedeckt werden müssen, wie wir glauben, dann hätte Matthias Schmider die angeblichen Taten ab 1998 gar nicht mehr begehen können“, sagte Verteidiger Keller.

          Die Anklage wirft Matthias Schmider 152 Betrugsfälle vor. Von 1995 bis 1997 soll er mit seinem eigenen Unternehmen Powerdrill Scheingeschäfte gemacht haben. Als der Bankrott drohte, soll sein älterer Bruder hilfreich eingesprungen sein und die Firma samt Schulden übernommen haben: Monatlich ließ Manfred Schmider offenbar sieben Millionen Mark für seinen Bruder springen.

          Vorwürfe gegen den älteren Bruder

          Dennoch erhob Schmider gegen seinen Bruder schwere Vorwürfe: Lange habe er den elf Jahre Älteren bewundert und ihm nachgeeifert. Doch Manfred habe auch ihn nur ausgenutzt und getäuscht: „Er beschimpfte und erniedrigte mich. ... Er hat mir alles weggenommen, was ich hatte.“ Am Ende der Verhandlung brachen der im Publikum sitzende Vater Manfred Schmider senior und sein Sohn auf der Anklagebank gleichzeitig in Tränen aus.

          Matthias Schmider soll spätestens ab dem 15. Dezember 1997 für FlowTex einen internationalen und einen innerdeutschen Geldkreislauf in Gang gesetzt haben, um nicht vorhandene Umsätze vorzutäuschen. Die Staatsanwaltschaft macht ihn für einen strafrechtlichen Schaden von 1,3 Milliarden Euro verantwortlich. Das Mannheimer Landgericht will am 21.März das Urteil verkünden.

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