https://www.faz.net/-gqe-9lecd

Wirtschaft wütend über Brexit : „Das Chaos ist nun perfekt“

Eine Mini-Karosserie in einem Werk in Oxford Bild: AFP

BMW hat seine Belegschaft in Großbritannien in den Brexit-Urlaub geschickt – zu früh. Unternehmen fürchten jetzt den nationalen Notstand.

          Der Brexit ist am Freitag erst einmal ausgefallen – aber nicht in den britischen Fabriken von BMW: Ab Montag stoppt der Münchner Autokonzern die Produktion in seinen vier Werken auf der Insel. Denn wie viele andere Großunternehmen hat sich auch BMW seit langem für den 29. März als Austrittstermin aus der EU gerüstet. Um sich gegen Lieferengpässe unmittelbar nach einem befürchteten No-Deal-Brexit abzusichern, verlegte BMW eigens die vierwöchigen Werksferien vom Sommer auf den April.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber BMW hat die Belegschaft zu früh in den Brexit-Urlaub geschickt. Denn durch das politische Chaos in London ist der Zeitplan völlig durcheinander geraten: Am Freitagnachmittag stimmte das britische Parlament auch im dritten Anlauf mit deutlicher Mehrheit gegen den vorliegenden Austrittsvertrag mit der EU, der darauf abzielt, den wirtschaftlichen Schaden einzudämmen. Damit wächst die Gefahr, dass es nach Ablauf eines von der EU gewährten Aufschubs am 12. April zu einem verspäteten No-Deal-Brexit kommt.

          In der Wirtschaft sorgt der neuerliche Rückschlag für Ärger und Unverständnis: „Das Chaos ist nun perfekt“, sagte Eric Schweitzer, der Präsident des deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Wir müssen unseren gewählten Volksvertretern klar machen, dass sie nicht weiter Regenbogen hinterherjagen können“, hatte Adam Marshall, der Generaldirektor der britischen Handelskammern schon vor der Abstimmung gefordert. „Ein chaotischer ungeordneter Brexit wäre nicht nur zutiefst unverantwortlich, er wäre eine schamlose Pflichtverletzung“ der Politiker, wetterte der Verbandschef.

          „Kosten für kurzfristige Verwerfungen“

          Die Confederation of British Industry (CBI), der größte britische Unternehmensverband, veröffentlichte kürzlich sogar einen offenen Brief gemeinsam mit dem Gewerkschaftsbund Trade Union Congress (TUC) – was sonst praktisch nie vorkommt. „Unser Land steht vor einem nationalen Notstand“ heißt es in dem Schreiben an die Regierungschefin May. Ein No-Deal-Brexit würde im Königreich zu einem wirtschaftlichen Schock führen, der „auf Generationen hinaus“ zu spüren wäre. Die Arbeitgeber und die Gewerkschaften fordern angesichts der politischen Blockade einen „Plan B“ für den EU-Austritt, der Arbeitsplätze und die Wirtschaft schütze.

          Im Londoner Unterhaus will zwar eine Mehrheit der Abgeordneten keinen No-Deal-Brexit – doch verhindert werden kann dieser nur, wenn sich die Parlamentarier auf eine andere Lösung verständigen können, was noch immer nicht gelungen ist. Andererseits gibt es weiterhin Hoffnung: Das britische Parlament hat in dieser Woche mit einer Reihe von Probeabstimmungen begonnen, die mehrheitsfähige Alternativen ausloten sollen. Im Parlament scheint die Unterstützung für einen Zollverbund mit der EU nach dem Brexit zu wachsen, auch wenn die Regierungschefin May dies bisher immer strikt abgelehnt hat. Zollhürden und kostentreibende Grenzformalitäten im britisch-europäischen Handel würden dadurch verhindert. Brüssel signalisiert Aufgeschlossenheit: Die EU wäre zu einer dauerhaften Zollunion mit Großbritannien bereit, sagte Brexit-Verhandlungsführer Michel Barnier am Freitag in Warschau.

          Doch es gibt in Großbritannien auch Wirtschaftsfachleute, die für einen radikalen Schlussstrich plädieren: Der frühere britische Notenbankchef und Brexit-Befürworter Mervyn King empfiehlt, Großbritannien solle die Verhandlungen mit Brüssel beenden und mit der EU einen ungeordneten EU-Austritt im Herbst vereinbaren. Sechs Monate Vorbereitungszeit darauf reichten aus. Die wirtschaftlichen Risiken eines No-Deal-Brexit würden überschätzt, glaubt der ehemalige Geldhüter. Es wäre nur mit „Kosten für kurzfristige Verwerfungen“ zu rechnen.

          Weitere Themen

          Warten auf ein erstes Blinzeln

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.

          Die Probleme des Boris Johnson Video-Seite öffnen

          Brexit : Die Probleme des Boris Johnson

          Der britische Regierungschef Boris Johnson muss jetzt beim Brexit seinen lautstarken Ankündigungen Taten folgen lassen. Johnson will Großbritannien auf jeden Fall bis zum 31. Oktober aus der EU führen - notfalls auch ohne Austrittsabkommen. Welche Probleme muss er lösen?

          Topmeldungen

          Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

          Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?
          Frankfurts David Abraham (l.) und Goncalo Paciencia (r.) können Lebo Mothiba von Racing Straßburg nicht stoppen.

          Frankfurt patzt in Straßburg : Alle Hoffnung auf Teil zwei

          Eintracht Frankfurt muss um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League bangen. Im Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg konnte der Bundesligist vor allem in der ersten Hälfte nicht überzeugen und verlor mit 0:1.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.