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Wirtschaft und Wetter : Indien betet für einen stärkeren Monsun

Nicht die Wirtschaftskrise, die Wetterkarte diktiert das Schicksal von Asiens drittgrößter Volkswirtschaft Bild: AFP

Die Wirtschaftskrise hat Indien bislang recht gut überstanden. Nun aber leiden die Bauern. Es regnet so wenig wie seit Dekaden nicht mehr. Das könnte die Wachstumsprognosen zur Makulatur werden lassen und die Preise für Reis, Zucker und Ölsaaten treiben.

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          Mitten in der indischen Regenzeit sind die Anzeichen einer drohenden Dürre nicht mehr zu übersehen: Bauern horten Diesel, um Generatoren für ihre Wasserpumpen betreiben zu können. Schmuckhändler fürchten, ihr zu Höchstpreisen gekauftes Gold nicht mehr loszuwerden, weil verarmte Bauern nicht heiraten und deshalb keine Preziosen kaufen. Und jeder Tagesverlust an der Börse Bombay wird von Analysten mit dem Verweis auf den schwachen Monsun erklärt.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Nicht die Wirtschaftskrise, die Wetterkarte diktiert einmal mehr das Schicksal von Asiens drittgrößter Volkswirtschaft: Fällt Regen, haben die Bauern ein akzeptables Auskommen. Bleibt er aus, drohen im Herbst Dürre, Missernten, Armut, Selbstmorde. Denn mehr als 60 Prozent der Felder sind auf Regen angewiesen, um überhaupt bewirtschaftet werden zu können. Der Juni aber war der trockenste Sommermonat in mehr als 80 Jahren, in der ersten Augustwoche blieb der Regenfall zwei Drittel hinter dem normalen Niveau zurück.

          Der jährliche Monsun, die heiß ersehnte, wichtigste Wasserquelle des Landes, erreicht den Süden Indiens um den ersten Juni herum. Von dort wandert er nordwärts, um schließlich nach Osten zu drehen. Einer Gießkanne gleich, versorgt er bis Ende September Felder, Flüsse und Seen mit Wasser und lässt den Grundwasserspiegel steigen, die Saaten gedeihen. Da 60 Prozent der Inder direkt oder indirekt von der Landwirtschaft leben, ist deren Entwicklung von entscheidender Bedeutung für das Fortkommen des gesamten Landes. Zu Wochenbeginn senkten die Meteorologen noch einmal ihre Vorhersagen: Hatten sie Ende Juni noch auf 93 Prozent des langjährigen Regenfalls gehofft, dürften es nun nur noch 87 Prozent werden. Die Börse in Bombay verlor daraufhin rund 1 Prozent ihres Werts. Betroffen sind nicht etwa nur landwirtschaftliche Werte – gedrückt werden auch etwa Automobilhersteller wie Maruti Suzuki, der am Montag fast 4 Prozent seines Wertes verlor. Denn ohne das Einkommen auf dem Lande lassen sich auch weniger Kleinwagen verkaufen.

          Finanzminister erklärt 161 Distrikte zum Dürregebiet

          Finanzminister Pranab Mukherjee erklärte gerade 161 indische Distrikte zum offiziellen Dürregebiet. Allein im Juli wurde wegen des Regenmangels auf 28 Prozent weniger Fläche als im Vorjahr Reis ausgebracht, berichtet Sharad Pawar, Landwirtschaftsminister des zweitgrößten Reisproduzenten der Welt. „Unser Hilfsplan liegt ausgearbeitet in der Schublade“, sagte Mukherjee. Im Übrigen könne gerade in den Kornkammern des Punjab und Haryana vermehrt das Grundwasser zur Bewässerung genutzt werden.

          Eben davor aber warnen ausgerechnet jetzt Wissenschaftler: James Famiglietti von der Universität Kalifornien hat nun erstmals mit Hilfe von Satellitenaufnahmen den Grundwasserspiegel in der Region von Ostpakistan über Nordindien bis nach Bangladesch überprüft. „Der Vorrat schwindet rasch“, warnte er. Seinen Berechnungen nach verliert die am intensivsten bewässerte Region der Welt mit ihren mehr als 600 Millionen Menschen jährlich 54 Kubikkilometer Grundwasser – etwas mehr als der Inhalt des Bodensees mit 48 Kubikkilometern Wasser. Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass bis zu 75 Prozent des Landes dieser Region künstlich bewässert würden – eben unter Verwendung des Grundwassers.

          Regenarmut kostet Wachstum

          Damit gewinnt der Regenmangel weiter an Brisanz. Raghuram Rajan, Berater von Ministerpräsident Manmohan Singh, schätzt, dass die unterdurchschnittlichen Regenfälle in diesem Jahr Indien bis zu 1 Prozentpunkt an Wachstum kosten könnten. Die Zentralbank solle gleichwohl „sorgfältig“ darüber nachdenken, ob sie ihre expansive Geldpolitik fortsetze, sagte der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). Denn wenn die Ernten etwa von Zuckerrohr, Reis oder Ölsaaten schlecht ausfallen, schießen deren Preise nach oben. Spätestens dann aber wären höhere Zinsen gefragt, um die gefürchtete Inflation der Preise für Grundnahrungsmittel einzudämmen.

          Indische Zeitungen sprechen von einer „milden Panik“ im Land. Denn die Regenarmut zur Monsunzeit trifft ein Land, das sich gerade gegen die Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftsflaute und eine zyklische Verlangsamung ihres Wachstumstrends wehrt. Vergangenes Wochenende trommelte die Regierung in Neu-Delhi deshalb die führenden Beamten aller Bundesstaaten zusammen, um Rezepte gegen drohende Wasserknappheit und steigende Lebensmittelpreise zu suchen. „Die Preisentwicklung für Grundnahrungsmittel, auch für Linsen und Zucker, ist sehr ernst“, sagte Pawar. Inzwischen notiert der Zuckerpreis schon auf dem höchsten Stand seit 40 Jahren. Nicht nur die Dürre in Indien, auch die Feuchtigkeit in Brasilien, die das Ernten behindert, treibt die Knappheit.

          Dabei gewann die indische Regierung ihre Wiederwahl auch mit dem Versprechen, den Ernteertrag der Landwirtschaft um 4 Prozent zu heben. „Wenn der Regen nicht noch deutlich zunimmt, werden wir hier einen Rückgang der Ernten und einen Angebotsschock erleben. Sogar eine Wiederkehr der Dürre der Jahre 2002 und 2003 ist nicht mehr ausgeschlossen“, orakelte aber Asienanalyst Philip Wyatt von der Bank UBS gerade. Er spricht nun von einer Wachstumsrate Indiens von womöglich nur noch 5 Prozent. Sie hört sich nur für Europäer hoch an; de facto reichte sie nicht annähernd, um ausreichend Arbeit zu schaffen.

          Kaum Spielraum für die Regierung

          Ohne einen ausreichenden Monsun sind die Pläne des wiedergewählten Ministerpräsidenten Singh, Indiens Wachstum auf mehr als 9 Prozent zu treiben, Makulatur. Erreichbar wäre die Zahl – lag doch der Wachstumsdurchschnitt der vergangenen fünf Jahre bei 8,8 Prozent. Nun aber ist auch in Regierungskreisen nur noch die Rede von etwa 6 Prozent in diesem Jahr, wobei die Ursachen zunächst auf die Folgen der Weltwirtschaftskrise zurückgeführt wurden und nun der geringe Monsun hinzukommt. Viel Raum für Hilfe hat die indische Regierung nicht: Das Haushaltsdefizit dürfte sich bis Ende des Fiskaljahres im März 2010 auf 7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausgeweitet haben, schätzen Analysten. Also bleibt Mukherjee nur, die Daumenschrauben beim Eintreiben der Steuern anzulegen: „Aufgrund der Auswirkungen der unerwarteten Dürre auf die Staatsfinanzen möchte ich Sie auffordern, in diesem Jahr 4 Billionen Rupien direkte Steuern einzutreiben“, rief er am Dienstag den führenden Finanzbeamten Indiens bei deren Kongress in Neu-Delhi zu. Das wäre immerhin 300 Milliarden Rupien (4,4 Milliarden Euro) mehr, als zunächst in den Plan eingestellt waren.

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