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Wirtschaft geschrumpft : Wird aus der Wachstumsdelle eine Rezession?

  • -Aktualisiert am

Die Autoindustrie hat entscheidende Auswirkungen auf die Konjunktur Deutschlands. Teile eines VW Passat werden im Volkswagen-Werk Emden zusammengefügt. Bild: dpa

Zum ersten Mal seit Jahren schrumpft die Wirtschaftsleistung. Nicht nur der Handelsstreit besorgt die Fachleute. Eine Analyse.

          Die deutsche Wirtschaft kommt nicht mehr vom Fleck, im Sommer ist ihre Leistung sogar geschrumpft: Auf ein stattliches Wachstum von 0,5 Prozent folgte im dritten Quartal nach Daten des Statistischen Bundesamts ein Minus von 0,2 Prozent – die Wachstumsdelle fällt damit unerwartet groß aus.

          Doch wie schlimm ist das? Steht der größten Volkswirtschaft Europas gar eine Rezession bevor? Die Fachleute der Bundesbank warnen nun immerhin ausdrücklich davor, dass eine dauerhaft schwächere Wirtschaftsentwicklung das deutsche Finanzsystem verwundbar machen könnte.

          Wirklich überrumpelt hat das Konjunktur-Minus die Volkswirte gleichwohl allerdings nicht. Die Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel haben es schon vor einiger Zeit vorhergesagt – nachdem Zahlen für andere europäische Länder herauskamen, rechneten sie hoch, dass die deutsche Wirtschaft wohl keinen robusten Sommer hatte.

          Schlechtere Stimmung unter den Chefs

          Zudem verschlechtert sich die Stimmung in den Chefetagen schon seit einigen Monaten – hierzulande und in der Währungsunion insgesamt. Für die Sommer-Delle gibt es bekannte Gründe: Zum Beispiel haben sich die deutschen Autohersteller schwergetan damit, die Abgastests für die Zulassung von Neuwagen auf den neuen Standard WLTP umzustellen. Das wirkte sich auch auf die Produktion aus. Dieser Effekt dürfte sich allerdings zeitnah auflösen, weshalb Ökonomen mit Nachholeffekten rechnen.

          Überdies spricht gegen eine größere Schwächephase auch, dass die binnenwirtschaftlichen Triebkräfte des nun schon viele Jahre andauernden deutschen Aufschwungs überwiegend intakt sind. „Der Aufschwung verliert an Tempo, setzt sich im kommenden Jahr aber fort“, kommentiert etwa Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. So viele Menschen haben eine Stelle wie noch nie, die Arbeitslosenquote ist niedrig, die Steuereinnahmen sehr hoch; der Bund kommt seit mehreren Jahren schon netto ohne neue Schulden aus.

          Allerdings deutet nun einiges daraufhin, dass der Höhepunkt des Aufschwungs überschritten ist. Das hohe Tempo, das die deutsche Wirtschaft im Vorjahr mit dem florierenden Welthandel im Rücken erreichte, wird sie erst einmal nicht halten können.

          Handel, Brexit, Italien

          Hinter große Erwartungen, wie sie zum Beispiel die Experten des Internationalen Währungsfonds noch im Frühjahr für Deutschland hegten, fällt die Bundesrepublik nun zurück. Schon in diesem Jahr und damit früher als erwartet, könnte das deutsche Wirtschaftswachstum auf die sogenannte Potential-Wachstumsrate zurückfallen – diese Kennzahl beschreibt die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts unter durchschnittlich hoher Auslastung der Produktionskapazitäten; derzeit beträgt sie geschätzt 1,5 Prozent.

          Dass diese Rate bis auf weiteres das Maß der Dinge sein wird, erwartet der Chefvolkswirt der KfW, Jörg Zeuner. „Hierfür sprechen nicht nur die nachlassenden Impulse aus der Weltwirtschaft, sondern auch die inzwischen engen Kapazitäten, besonders am Arbeitsmarkt“, sagt er.

          Immer stärker rücken die Folgen des Handelsstreits in den Vordergrund, den die amerikanische Regierung mit den Chinesen und Europäern begonnen hat. Nach dem Containerumschlag-Index des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen stagnierte der Welthandel zuletzt – bestenfalls. Auch die schwächere Wachstumsdynamik in China merken die deutschen Exporteure. Der chinesische Automarkt schrumpft nach Angaben des chinesischen Verbands der Automobilhersteller CAAM.

          Nicht nur die deutschen Autohersteller, sondern beispielsweise auch der Chemiekonzern BASF und der Roboterhersteller Kuka hatten den zuletzt schlechteren Geschäftsausblick Aktionären gegenüber mit weniger Wachstum in China begründet. Dieses gilt als wichtiger Grund dafür, dass im Gleichschritt mit dem Bruttoinlandsprodukt, nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts, auch der Export im dritten Quartal zurückgegangen ist.

          Auch wenn sie zu den Handelssorgen die Ungewissheit über den EU-Austritt der Briten und den Haushaltsstreit zwischen Rom und Brüssel hinzunehmen, sagen die meisten Ökonomen weiterhin keine Rezession in Deutschland voraus. Der Aufschwung, der zu den längsten in der deutschen Geschichte zählt, werde andauern, prognostiziert etwa der KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner: „Schon im vierten Quartal dürfte er wieder Fahrt aufnehmen.“

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