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Wirtschaft in NRW : Enormer Wandel an Rhein und Ruhr

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Eine Ikone des Ruhrgebiets: Zeche Zollverein in Essen Bild: dpa

Große Namen sind Geschichte, neues blüht und in den Chefetagen geht es bunter zu. Im alten Herzland der deutschen Industrie steckt mehr unternehmerische Kraft als viele denken. Ein Abschiedsgruß.

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          Vor vier Jahrzehnten war die Wirtschaftswelt an Rhein und Ruhr noch eine andere. „Meine Herren“, so lautete die übliche Begrüßungsformel in den Pressekonferenzen der noch stark montan geprägten Unternehmenslandschaft Nordrhein-Westfalens. Stahl, Bergbau, Energie oder Maschinenbau betreuten die Herren der Wirtschaftsjournaille. Den wenigen Damen der Zunft, darunter der Autorin dieser Zeilen, wurde eher der Handel, die Textilindustrie oder – mit viel Wohlwollen der Zentrale – die Finanzwirtschaft als Schwerpunkte der Berichterstattung zugewiesen. Bezeichnend: Das dicke Hoppenstedt-Nachschlagewerk über führende Wirtschaftsgrößen (googlen ging noch nicht) hieß in jenen Jahren „Männer der Wirtschaft“. In Vorständen und Aufsichtsgremien waren Frauen bis auf ganz wenige Ausnahmen Exoten.

          Drei große Stahlunternehmen gab es noch in der Region, Thyssen, Krupp und Hoesch. Drei große Warenhausunternehmen – Karstadt, Kaufhof und Horten – hatten hier ebenfalls ihren Sitz; nur Hertie als vierte große Kaufhausgruppe saß vor der Übernahme durch Karstadt als Ausnahme in Frankfurt. Düsseldorf hatte den zweitgrößten Flughafen, die zweitgrößte Börse, die größte Modemesse und war ein wichtiger Bankenplatz mit dem Platzhirschen West LB. Veba (heute Eon) oder RWE waren große Mischkonzerne mit Tochtergesellschaften in diversen Branchen – vom Handel (Stinnes) über Mineralöl (Veba Oel/Aral), den Bau (Hochtief) bis hin zu ersten Gehversuchen in der Telefonie und im Mobilfunk (Otelo/E-Plus). Im eigentlichen Stromgeschäft lief das Geldverdienen ohnehin wie von allein.

          Größter Chemiestandort Deutschlands war das Bundesland schon immer. Nur dass die heute börsennotierten Unternehmen – wie Lanxess und Covestro – noch unter dem Konzerndach von Bayer agierten. Ebenso waren zahlreiche Vorläufer des heutigen Evonik-Konzerns noch selbständig, zum Beispiel Hüls in Marl oder Goldschmidt in Essen. Dortmund erlebte seine letzte Blüte als Bierstadt mit dem Getränkekonzern Brau und Brunnen oder der Dortmunder Actienbrauerei. Auch manche Themen von damals muten höchst nostalgisch an: Sei es die heiße Diskussion um die eng begrenzten Ladenöffnungszeiten und der Streit um den Brötchenverkauf am Sonntag. Sei es die große Aufmerksamkeit, die noch vor wenigen Jahren den ersten Frauen in Vorständen galt.

          Alte Klischees sind verschwunden

          Viele konjunkturelle Aufs und Abs, eine Wiedervereinigung, eine neue Währung, manche Blase an den Börsen samt tiefen Krisen und Umbrüchen in der Banken-, Stahl-, Einzelhandels- oder Energiebranche haben zahlreiche große Namen verschwinden lassen. Einige gingen in die Insolvenz, andere wurden zerschlagen, aufgekauft, fusioniert oder auch lediglich umbenannt. An Mannesmann erinnert nur noch das gleichnamige Hochhaus am Düsseldorfer Rheinufer. Oppenheim, einst Europas führende Privatbank, ist nur noch Erinnerungsposten, Steilmann aus Wattenscheid wohl bloß noch älteren Konsumentinnen als einst größter Kleiderproduzent ein Begriff. Bei Opel in Bochum ist längst das letzte Auto vom Band gerollt. Besagte Stahl- und Warenhausunternehmen sind zu jeweils nur noch einem Konzern zusammengedampft, die letzte Steinkohlenzeche ist seit einigen Monaten ebenfalls dicht. Und auch die Energiewelt rund um RWE und Eon ist dabei, sich völlig neu zu sortieren.

          Große Konglomerate haben sich gehäutet, Randgeschäfte abgestoßen, um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Viele der heutigen Dax- und M-Dax-Werte sind durch gewichtige Zukäufe im Ausland sehr viel internationaler aufgestellt: So der Henkel-Konzern, dessen größtes Geschäftsfeld nicht etwa Persil, sondern das weltweite Industriegeschäft mit Klebstoffen ist, oder Bayer mit dem ebenso wagemutigen wie umstrittenen Zukauf von Monsanto. Und auch auf den Führungsetagen geht es heute sehr viel internationaler und bunter zu. Das Du ist ebenso verbreitet wie der offene Hemdkragen, der Zigarre rauchende Ruhrbaron mit devotem Hofstaat ein längst zu Grabe getragenes Klischee.

          Führender Standort für Netzwirtschaft

          Neues ist gekommen: Unter den neun Dax-Werten aus Nordrhein-Westfalen finden sich nun die Namen Vonovia und Covestro. Wo einst in Dortmund Bier gebraut wurde, dominieren jetzt Wissenschaft und High Tech. Das geschichtsträchtige Krupp-Stahlwerk in Rheinhausen wurde zum Nukleus einer riesigen Logistikdrehscheibe im größten Binnenhafen Europas in Duisburg.

          Die Telekom und die Niederlassungen von Vodafone und Ericsson haben das Land zum führenden Standort für die Netzwirtschaft gemacht. Die hier residierenden internationalen Handelsriesen von Metro über Deichmann, und Rewe bis zu Aldi haben längst die Notwendigkeit der Digitalisierung erkannt. Die weite Gründerszene von Aachen bis Ostwestfalen muss sich nicht hinter Berlin verstecken. Und schließlich ist da der breite Mittelstand, auch in Nordrhein-Westfalen stets eine verlässliche Größe. Im Zeitsprung zeigt sich der enorme Wandel an Rhein und Ruhr. Im alten Herzland der deutschen Industrie steckt mehr unternehmerische Kraft als von außen bisweilen wahrgenommen.

          Mit diesem Leitartikel verabschiedet sich unsere Düsseldorfer Korrespondentin nach drei Dutzend Jahren in den Ruhestand.

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