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F.A.Z. Woche : Der kurze Traum in Iran

Warten auf die Öffnung: Flanierende Frauen in der Innenstadt von Teheran Bild: Nicola Zolin/Redux/laif

Die deutsche Wirtschaft hat in Iran auf große Geschäfte gehofft. Jetzt ist eine gefährliche Ernüchterung eingetreten. Nicht nur wegen Donald Trump.

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          Die Glas­fens­ter rei­chen bis zum Bo­den und ge­ben den Blick frei auf die Lich­ter der Me­tro­po­le Te­he­ran, auf die Hoch­häu­ser mit ih­ren Bü­ros, auf den Fern­seh­turm, auf die Stra­ßen. Wenn es nicht schon dunk­ler Abend wä­re, könn­te man im Nor­den das Ge­bir­ge se­hen, das sich gleich am En­de der Stadt auf bis zu vier­tau­send Me­ter Mee­res­hö­he er­hebt. Phan­tas­ti­sche Aus­sich­ten al­so – und der per­fek­te Ort für die Re­prä­sen­tanz des Welt­kon­zerns Lin­de, die die Deut­schen an die­sem Abend im wohl­ha­ben­den Nor­den der Stadt er­öff­nen. Auf dem Bü­fett steht per­si­sches Es­sen, sau­er ein­ge­leg­tes Ge­mü­se als Vor­spei­se, dann Ke­bab in al­len Va­ria­tio­nen, Reis mit Ber­be­rit­zen. Die deut­sche Com­mu­ni­ty der Stadt ist in das obers­te Stock­werk ge­kom­men, Fir­men­ver­tre­ter, Leu­te von der Bot­schaft und ei­ne De­le­ga­ti­on des Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          An­fang Ok­to­ber war das, al­so mehr als ein Jahr nach dem En­de der meis­ten west­li­chen Wirt­schafts­sank­tio­nen. Am 14. Ju­li 2015 hat­ten die Un­ter­händ­ler in Wien den Streit um das Atom­pro­gramm des Lan­des bei­ge­legt. Fünf Ta­ge nach dem his­to­ri­schen Tag war der da­ma­li­ge deut­sche Wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­bri­el ins Flug­zeug ge­stie­gen, um mit ei­ner De­le­ga­ti­on für die deut­sche In­dus­trie zu wer­ben. Die Hoff­nun­gen wa­ren da­mals groß. Ein Land von der Ein­woh­ner­zahl Deutsch­lands und mit gro­ßem Po­ten­ti­al an Köp­fen und Roh­stof­fen, in dem die Markt­an­tei­le völ­lig neu zu ver­tei­len sind: Wo gibt es so et­was sonst auf der Welt?

          Jede Regierung wollte die erste sein

          Un­ter den Re­gie­run­gen setz­te ein re­gel­rech­ter Wett­lauf ein. Die Deut­schen schick­ten zwar als Ers­te ih­ren Mi­nis­ter, da­für wa­ren Fran­zo­sen und Ita­lie­ner viel schnel­ler mit ei­ner Ein­la­dung an den ira­ni­schen Prä­si­den­ten. In Rom ließ man für ihn so­gar die an­ti­ken Sta­tu­en auf dem Ka­pi­tol ver­hül­len, um ihn nicht mit nack­ten Kör­pern zu kon­fron­tie­ren. Da­für un­ter­schrie­ben die Ita­lie­ner Ver­trä­ge im Ge­gen­wert von 17 Mil­li­ar­den Eu­ro. Die Fran­zo­sen schlos­sen ei­nen Ver­trag über die Lie­fe­rung von 118 Flug­zeu­gen des eu­ro­päi­schen Ge­mein­schafts­un­ter­neh­mens Air­bus ab und heims­ten da­mit für ihr Land den Pres­ti­ge­ge­winn im Iran­ge­schäft ein. Zu­letzt war al­ler­dings noch kei­ne ein­zi­ge Ma­schi­ne aus­ge­lie­fert.

          Und die deut­schen Un­ter­neh­men? Lin­de, der Spe­zia­list für tech­ni­sche Ga­se, war mit sei­nen Pro­duk­ten in Iran im­mer prä­sent, auch zur Zeit der Sank­tio­nen. Nach de­ren En­de sah der Kon­zern die Zeit ge­kom­men, um grö­ßer ein­zu­stei­gen: mit dem Bau gan­zer An­la­gen, mit grö­ße­ren ei­ge­nen In­ves­ti­tio­nen. Ei­ne na­gel­neue Re­prä­sen­tanz in bes­ter La­ge kann da nicht scha­den. Doch aus den Wachs­tums­plä­nen ist vor­erst nichts ge­wor­den. Die Ma­na­ger glau­ben nicht mehr, dass sie kurz­fris­tig ei­nen grö­ße­ren Deal ab­schlie­ßen. Den Sinn der neu­en Bü­ros ha­ben sie kur­zer­hand neu in­ter­pre­tiert. Jetzt geht es dar­um, Prä­senz zu zei­gen und Ge­duld zu ha­ben, wie es heißt. Man will den Fuß in der Tür ha­ben für den Fall, dass es doch los­geht mit dem Boom.

          Da­nach sieht es im Mo­ment nicht aus. Die Ent­täu­schung ist groß, auf bei­den Sei­ten. Nicht nur die west­li­chen Fir­men ha­ben sich mehr ver­spro­chen. Auch die Be­völ­ke­rung in Iran hat­te ge­hofft, dass die wirt­schaft­li­che Öff­nung schnel­ler und spür­ba­rer zu mehr Wohl­stand führt. Das war der Deal ge­we­sen: Der als Re­for­mer gel­ten­de Staats­prä­si­dent Has­san Ro­ha­ni setz­te den Atom­de­al ge­gen den Wi­der­stand der Hard­li­ner durch, sei­ne Ge­gen­leis­tung be­stand in der Aus­sicht auf ei­nen wirt­schaft­li­chen Auf­schwung.

          Die wirt­schaft­li­chen Hoff­nun­gen wa­ren ge­wiss über­zo­gen, vor al­lem, was das Tem­po be­trifft. Aber die Aus­sicht auf grö­ße­ren Wohl­stand ist ein po­li­ti­scher Fak­tor. In drei Mo­na­ten sind in Iran Prä­si­den­ten­wah­len, ei­ne Wie­der­wahl Ro­ha­nis ist al­les an­de­re als si­cher. Zwar hat der geist­li­che Füh­rer, Aja­tol­lah Ali Cha­men­ei, ei­ne neu­er­li­che Kan­di­da­tur des kon­ser­va­ti­ven Hard­li­ners Mahmud Ah­ma­di­ne­schad vor­sorg­lich un­ter­bun­den. Ge­ra­de da­durch, dass sie ei­nen et­was mo­dera­ter auf­tre­ten­den Kan­di­da­ten ins Ren­nen schi­cken, könn­ten die Wahl­chan­cen der Hard­li­ner je­doch stei­gen.

          Die Wah­len sind ein star­kes Ar­gu­ment, war­um eu­ro­päi­sche Po­li­ti­ker den Ge­sprächs­part­nern in Te­he­ran zu­min­dest zu sym­bo­li­schen Er­fol­gen ver­hel­fen möch­ten, zum Be­spiel mit der ge­plan­ten Aus­lie­fe­rung der ers­ten Air­bus-Flie­ger im März. Aus ih­rer Sicht sind die Ge­schäf­te nicht nur Selbst­zweck. Sie sol­len den Weg der Öff­nung un­ter­stüt­zen und da­zu bei­tra­gen, dass im letz­ten sta­bi­len Land zwi­schen Sy­ri­en und Af­gha­nis­tan kein Cha­os aus­bricht.

          Ein Risikofaktor namens Trump

          In­zwi­schen ist ein wei­te­rer Ri­si­ko­fak­tor ins Spiel ge­kom­men. Er hört auf den Na­men Do­nald Trump. Der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent hat­te das Atom­ab­kom­men im Wahl­kampf als „schlech­ten Deal“ be­zeich­net. Als die ira­ni­schen Re­vo­lu­ti­ons­wäch­ter sei­ne Hal­tung jetzt mit ei­nem Ra­ke­ten­test auf die Pro­be stell­ten, re­agier­te er je­doch be­son­nen und ver­häng­te nur be­grenz­te Sank­tio­nen.

          Mög­lich­kei­ten, die wirt­schaft­li­che Öff­nung zu tor­pe­die­ren, bie­tet schon der Ver­trag selbst. Soll­te ei­ne der sechs west­li­chen Ver­hand­lungs­mäch­te der Mei­nung sein, dass Iran sei­ne Ver­pflich­tun­gen ver­letzt, tre­ten die Sank­tio­nen mit ei­ner Frist von nur drei­ßig Ta­gen wie­der in Kraft. Ei­nen Ver­trau­ens­schutz für In­ves­to­ren gibt es al­so nicht. Das gilt als Hin­der­nis für wirt­schaft­li­ches En­ga­ge­ment – vor al­lem, wenn ei­ne Fir­ma in Iran nicht nur ver­kau­fen, son­dern auch pro­du­zie­ren will.

          Das an­de­re Pro­blem sind nach wie vor die Ban­ken. Auf­ge­ho­ben sind seit knapp an­dert­halb Jah­ren näm­lich nur die Sank­tio­nen, die sich auf das Atom­ab­kom­men be­zo­gen. Das Kon­troll­re­gime aber, mit dem die Ver­ei­nig­ten Staa­ten die Fi­nan­zie­rung des In­ter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus aus­trock­nen wol­len, ist nach wie vor in Kraft. Das macht das Iran­ge­schäft auch für eu­ro­päi­sche Kre­dit­in­sti­tu­te ris­kant, so­fern sie in Ame­ri­ka en­ga­giert sind. Ge­schäf­te mit ira­ni­schen Part­nern könn­ten ih­nen in Ame­ri­ka ho­he Stra­fen ein­brin­gen.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

          Hin­zu kom­men Wi­der­stän­de in Iran selbst. In ei­nem Land, das von der in­ter­na­tio­na­len Kon­kur­renz lan­ge ab­ge­schot­tet war, ha­ben lo­ka­le Fir­men viel zu ver­lie­ren. Nie­mand weiß ge­nau, wie weit die Un­ter­stüt­zung der kon­ser­va­ti­ven Re­vo­lu­ti­ons­gar­den für die wirt­schaft­li­che Öff­nung wirk­lich trägt. Und bei dem im­mer noch recht nied­ri­gen Öl­preis muss das Land das Geld für Groß­ein­käu­fe im Wes­ten erst ein­mal er­wirt­schaf­ten.

          Die Aus­beu­te der deut­schen Kon­zer­ne ist bis­lang ge­ring. Sieg­fried Russ­wurm et­wa, der schei­den­de Tech­no­lo­gie­vor­stand von Sie­mens, hat von sei­ner letz­ten De­le­ga­ti­ons­rei­se nur ei­nen Ver­trag über den Bau von 50 die­sel­elek­tri­schen Lo­ko­mo­ti­ven für die ira­ni­sche Ei­sen­bahn mit­ge­bracht. Da­bei hat Sie­mens vie­le Pro­duk­te im Port­fo­lio, die Iran gut ge­brau­chen könn­te, Kraft­wer­ke et­wa oder schnel­le Zü­ge. Wie al­le an­de­ren war­tet das Un­ter­neh­men erst ein­mal ab, ob die Öff­nung wei­ter­geht – oder ob zu den vie­len welt­po­li­ti­schen Kri­sen­her­den ein wei­te­rer hin­zu­kommt.    

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