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Wirtschaft anders denken (4) : Regionalgeld aus dem Chiemgau

  • -Aktualisiert am

Bunte Scheine: Mit dem Chiemgauer kann man in bestimmten Läden ebenso gut zahlen wie mit dem Euro Bild: www.chiemgauer.info

In immer mehr Regionen Deutschlands zahlen die Bürger nicht mehr mit Euro, sondern mit alternativen Währungen. Sie heißen „Chiemgauer“, „Sterntaler“ oder „Havelblüte“ - und funktionieren manchmal erstaunlich gut.

          Die bunten Scheine wirken auf Außenstehende zuweilen wie Spielgeld, das jemand für den Kaufladen seiner Kinder gebastelt hat. Doch zumindest im Chiemgau genießt das Papiergeld in gelb, lila, orange oder grün mittlerweile einen mindestens so guten Ruf wie der Euro - wenn nicht sogar einen besseren. Die Rede ist vom „Chiemgauer“, einer so genannten Regionalwährung, geschaffen als Alternative zum herkömmlichen Geld. Der Chiemgauer Verein, der die alternativen Scheine herausgibt, zählt mehr als 3000 Mitglieder - Tendenz steigend. Das Prinzip: Vereinsmitglieder zahlen ihre täglichen Einkäufe statt mit Euro mit dem Chiemgauer. Den nehmen nur bestimmte Unternehmen in der eigenen Region an. Jeder, der mit der Regiowährung zahlt unterstützt somit die Betriebe der Region. Fast automatisch entsteht eine Art „eingeschworene Gemeinschaft“. Ein Erfolgsprinzip, dem Fachleute eine rosige Zukunft voraussagen. Denn durch Web-2.0-Plattformen wie Facebook oder XING könnten regionale Währungen auch außerhalb des Chiemgaus bekannter und damit erfolgreicher werden.

          Die Entstehungsgeschichte des „Chiemgauers“ reicht zurück in das Jahr 2002: Sechs Schülerinnen der Waldorfschule in Prien am Chiemsee brachten zusammen mit ihrem Lehrer Christian Gelleri eine Regionalwährung an den Start. Ursprünglich sollte durch diese Währung die Schule finanziell unterstützt werden. Mit einem ganz einfachen Mechanismus: Verbraucher tauschten Euro im Verhältnis eins zu eins gegen Chiemgauer. Die teilnehmenden Unternehmen spendeten bei jedem Einkauf, der mit dem Chiemgauer bezahlt wurde, einen Teil des Umsatzes an die Schule. Dadurch profitierten letztlich alle Beteiligten: Denn die Eltern kauften vermehrt in diesen Geschäften ein, um die Schule ihrer Kinder zu unterstützen. Und die Einnahmen der Schule stiegen tatsächlich. Schnell breitete sich das Projekt aus.

          Das Sparen wird bestraft

          „Während der Euro Währungen in großem Maßstab zu vereinen versucht, konzentriert sich das Lokalgeld auf die Identifikation der Teilnehmer mit ihrer Region und ihrer Währung“, sagt Franziska Ziegler, die sich im Rahmen ihrer Diplomarbeit an der Universität Passau im Jahr 2009 intensiv mit dem Thema Regionalwährungen auseinandergesetzt hat. Mittlerweile sind 491.860 Chiemgauer im Umlauf. 579 Einzelhandels- und Dienstleistungsunternehmen akzeptieren die Währung und handeln selbst mit ihr. Doch trotz des enormen Wachstums ist der Community-Gedanke nicht verloren gegangen; der Chiemgauer erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit.

          Auch die strengen Auflagen schrecken nicht ab. So wird das Sparen des Chiemgauers beispielsweise mit Gebühren bestraft. Das Regionalgeld besitzt einen Negativzins von zwei Prozent je Quartal und ist alle drei Monate mit Klebemarken aufzuwerten (siehe dazu auch: Fragen und Antworten zum Regiogeld ). So soll ein hoher Umlaufimpuls gesichert werden. Diese Idee ist übrigens nicht neu. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts forderte der Finanztheoretiker und Sozialreformer Silvio Gesell, dass Geld in der Hand eines Geldbesitzers wie menschliche Arbeitskraft und Waren mit der Zeit an Wert einbüßen müsse. Damit unterlägen Geldbesitzer einem ständigen Weitergabedruck. Niemand würde sein Geld zu lange zurückhalten, sondern damit Waren oder Dienstleistungen kaufen, laufende Rechnungen begleichen oder es ohne Zinsforderung verleihen, um so der Wertminderung zu entgehen. So wirke Geld als Diener des Menschen und nicht als dessen Herrscher.

          Der Chiemgauer folgt genau diesem Prinzip. Doch es geht den Beteiligten weniger um den abschreckenden Gedanken des Wertverlusts als um die Förderung der regionalen Wirtschaft und um die Unterstützung sozialer Einrichtungen und gemeinnütziger Vereine. Denn diese erhalten drei Prozent der fünfprozentigen Gebühr, wenn Unternehmen die Chiemgauer in Euro zurücktauschen. Die übrigen zwei Prozent der Tauschgebühr fließen in den „Chiemgauer Service“, der für die komplette Organisation und Abwicklung der Regiowährung zuständig ist. Einige bezeichnen das Prinzip als zu kompliziert - doch der Erfolg spricht für sich, die Währung breitet sich immer weiter aus und hat inzwischen sogar Ableger in Baden-Württemberg gefunden - weit entfernt vom Chiemsee. Das Konzept hat sich als so erfolgreich herausgestellt, dass es inzwischen in vielen Regionen im In- und Ausland kopiert wird. Der überregionale Verband Regiogeld e.V. verzeichnet derzeit insgesamt 63 bereits bestehende und startende Regiowährungen - vom „Ammerlechtaler“ bis zum „Zschopautaler“.

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