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Ökonomische Bildung : Ist ein Schulfach Wirtschaft nötig?

Nicht nur bei den Schülern lässt die ökonomische Bildung zu wünschen übrig - auch die Lehrer hätten oft nur „gefährliches Halbwissen“. Bild: dpa

Anreize, Opportunitätskosten und Inflation - Fremdworte für viele Schüler. Ökonomen fordern deshalb ein neues Schulfach. Sozialwissenschaftler hingegen warnen.

          Beim Blick in die Schulbücher seiner Kinder stehen Achim Wambach oft die Haare zu Berge. „Das ist ja häufig komplett falsch, sobald es um Wirtschaft geht“, kritisiert der Mannheimer Professor, derzeit Vorsitzender der Ökonomenorganisation Verein für Socialpolitik (VfS). Etwa die Darstellung von Außenhandel und Globalisierung: „Eine völlig einseitige Darstellung findet man da: In Entwicklungsländern bringe die Globalisierung Kinderarbeit und bei uns fallen Arbeitsplätze weg, heißt es.“ Wambach lacht bitter.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Auf der VfS-Jahrestagung in Wien diskutierten die Wissenschaftler nun darüber, ob ein eigenes Fach Wirtschaft nötig und wünschenswert sei. Die Antwort der Ökonomen: ein klares Ja. „Die Schüler leben in einer Marktgesellschaft und müssen diese verstehen, auch wenn sie mal Kapitalismuskritiker werden“, sagte Nils Goldschmidt vom Centrum für Ökonomische Bildung in Siegen. Wichtig sei, dass die Schüler „gutes ökonomisches Denken“ lernten, also zum Beispiel eine Ahnung davon bekämen, wie Anreize funktionierten und was Opportunitätskosten seien. Zudem brauchten sie Grundwissen über Markt, Wettbewerb und unsere Wirtschaftsordnung.

          Ganz anders sieht es der Frankfurter Sozialwissenschaftler und Didaktiker Tim Engartner: Er warnte vor einer Ökonomisierung. Schüler dürften nicht „ökonomistisch verbildet“ werden. Außerdem sei fraglich, auf wessen Kosten ein neues Fach Wirtschaft eingeführt würde. Welche anderen Fächer müssten gekürzt werden? Zu fragen sei auch, warum Wirtschaft ein eigenes Fach bekäme. „Warum nicht Jura, Medizin, Informatik oder Literatur?“ Ökonomische Sachverhalte müssten immer in einem sozialen, politischen, kulturellen und historischen Kontext thematisiert werden, forderte er.

          Furcht vor „Bonsai-Ökonomen“

          Das findet Goldschmidt auch. Der eigentliche Skandal liegt seiner Ansicht nach in der unzureichenden Ausbildung der Lehrer, die kaum ökonomisches Verständnis hätten. Die Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität, Birgitta Wolff, mahnte Flexibilität und Pragmatismus an. Es dürfe nicht für alle unterschiedlichen Schultypen das gleiche Fach Wirtschaft geben. Das Wort „Ökonomisierung“ sieht sie als Kampfbegriff. „Der Vorwurf, wir wollten jemanden zu einem Homo oeconomicus ausbilden, ist völlig falsch.“ Ihr gehe es um konkrete wirtschaftliche Probleme und Fragen der Schüler. Noch gefährlicher als kein Wissen sei Halbwissen. Der Wirtschaftspädagoge Volker Bank, der an der TU Chemnitz Lehrer ausbildet, warnte unterdessen vor der Illusion, man könne den künftigen Lehrern ein „miniaturisiertes“ VWL-Studium verabreichen. Auch die Schüler würden davon überfordert. Man werde keine „Bonsai-Ökonomen“ heranzüchten, sagte Goldschmidt. Statt sie mit Mikro- und Makroformeln zu quälen, sei ein Blick auf die Ordnung der Sozialen Marktwirtschaft nötig.

          In Baden-Württemberg wird von diesem Schuljahr an flächendeckend das Fach „Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung“ unterrichtet, zunächst an Haupt- und Realschulen, im kommenden Jahr auch an Gymnasien. Beschlossen hatte dies noch die grün-rote Landesregierung. Auf dem Lehrplan stehen dabei recht praktische wirtschaftliche Fragen: Die Rolle der Schüler als Konsumenten und Sparer soll beleuchtet werden, und als spätere Kreditnehmer, Arbeitnehmer oder potentielle Unternehmer. Sie sollen lernen, sich in ökonomisch geprägten Lebenssituationen zurechtzufinden und wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Auch Steuern und Sozialleistungen werden behandelt. Es gehe um ökonomische Allgemeinbildung, heißt es aus dem Stuttgarter Kultusministerium. In Nordrhein-Westfalen hat die neue schwarz-gelbe Koalition die Einführung eines Fachs Wirtschaft beschlossen, die Inhalte sind aber noch offen.

          Aus den Gewerkschaften kommt Kritik, ebenso von Sozialwissenschaftlern. Wirtschaftsverbände hatten dagegen in der Vergangenheit öfter beklagt, dass in zu vielen Schulbüchern eine zu skeptische oder überwiegend negative Darstellung von Unternehmen, Markt und Globalisierung zu finden sei. Die österreichische Gesellschaft für angewandte Wirtschaftsforschung hatte im vergangenen Jahr Dutzende Schulbücher des Landes unter die Lupe genommen. Ihr Fazit: Die Schulbücher, meist geschrieben von Lehrern und nicht von Wissenschaftlern, enthalten nicht nur viele sachliche Fehler, sondern hätten eine erhebliche „ideologische Schlagseite“. Oft sei zu lesen, dass an vielen Übeln der Welt multinationale Konzerne schuld seien.

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