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Brisanter Report : Es wird eng für EY

Vor dem Bundestags-Untersuchungsausschusses zum Bilanzskandal Wirecard mussten sich auch die Wirtschaftsprüfer von EY rechtfertigen. Bild: dpa

Ein bislang vom Bundestag für geheim erklärter Bericht über die Versäumnisse bei der Bilanzprüfung von Wirecard könnte die Vorwürfe gegen EY untermauern. Kläger werden ermuntert, gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vor Gericht zu ziehen

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          Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY rückt wieder in den Fokus, nachdem ein brisantes Dokument aus dem mittlerweile aufgelösten Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) zur Wirecard-Affäre überraschend öffentlich geworden ist. Es handelt sich um den bisher geheimen Bericht des vom Ausschuss beauftragten Sonderermittlers Martin Wambach, der als Wirtschaftsprüfer einen fachlichen Blick auf die Arbeit von EY bei der Prüfung der Wirecard-Bilanzen geworfen hatte. Die Bundestagsabgeordneten hatten den EY-Wirtschaftsprüfern in ihrem Abschlussbericht vom Juni ein desaströses Zeugnis ausgestellt und sich dabei auch auf die Erkenntnisse von Wambach gestützt.

          Mark Fehr
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Marcus Jung
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Daher waren viele der Inhalte des „Wambach-Berichts“ bekannt, nicht aber der Bericht an sich. Das hat sich geändert, seit das Handelsblatt das Dokument mit 168 Seiten am Donnerstagabend ins Internet stellte. Die Wirtschaftszeitung begründet den Schritt unter anderem damit, Transparenz für die in einem der größten deutschen Wirtschaftsskandale geschädigten Wirecard-Anleger herstellen zu wollen. Auch sei der Wambach-Bericht mit Steuergeld bezahlt worden, sodass die Öffentlichkeit einen Anspruch auf den Inhalt habe.

          Große Zweifel an Zuverlässigkeit

          Der einstige Dax-Konzern musste im Juni 2020 Insolvenz anmelden, nachdem das Unternehmen eingeräumt hatte, dass 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz fehlen und EY das Testat für den Jahresabschluss verweigert hatte. In den Jahren zuvor hatte EY dagegen trotz vieler Warnsignale die Wirecard-Bilanzen stets als ordnungsgemäß bescheinigt. Angesichts der Ausmaße des Skandals und dem hohen Aufwand für die Prüfung sind Zweifel laut geworden, ob die Prüfer zuverlässig gearbeitet haben.

          EY widersprach den Vorwürfen von Anfang an und sieht sich selbst als Betrugsopfer von Wirecard. In einer Stellungnahme vom Freitag bezeichnet das Wirtschaftsprüfungsunternehmen die Veröffentlichung des Berichts als Missachtung des rechtsstaatlichen Verfahrens und Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Daher prüfe man strafrechtliche Schritte. Der Wirecard-Skandal beschädigte nicht nur den guten Ruf von EY, auch werden die Wirtschaftsprüfer vielfach vor Gericht verklagt. Am Unternehmenssitz in Stuttgart sind es 320 Anlegerklagen mit Forderungen von mehr als 53 Millionen Euro. Am Landgericht München I gibt es rund 650 Wirecard-Verfahren, aber in 115 Fällen unterlagen die Kläger.

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          Laut Marc Tüngler von der Anlegerschutzvereinigung DSW gibt der öffentlich gewordene Wambach-Bericht Anlegern sehr valide Argumente in die Hand, jetzt erst recht gegen EY vorzugehen. Die DSW lese aus dem Dokument heraus, dass EY die Prüfungsrichtlinien nicht eingehalten habe. Die Anlegerschützer wollen in einer niederländischen Stiftung Ansprüche gegen EY bündeln, letztlich zielt das Vorhaben auf einen Vergleich ab. „Der Wambach-Bericht bestätigt unsere bisherigen Argumente“, sagte Martin Kühler von der Kanzlei Tilp. Man rate geschädigten Anlegern dazu, ihr Recht vor Gericht zu suchen. Einvernehmliche Lösungen mit EY seien derzeit unrealistisch.

          EY soll sich an Aufklärung beteiligen

          Klaus-Peter Naumann vom Wirtschaftsprüferinstitut IDW appellierte an EY. „Für das Vertrauen in den Berufsstand wäre es wichtig, dass EY sich aktiv an der Aufklärung beteiligt“, sagte er der F.A.Z. Auch die Abschlussprüferstelle APAS und die ermittelnden Staatsanwaltschaften müssten bald Ergebnisse vorlegen. Schon im September 2020 hatte die APAS Verstöße berufsrechtlicher Pflichten von EY-Prüfern bei der Generalstaatsanwaltschaft Berlin angezeigt: Wer laut Handelsgesetzbuch bei der Prüfung eines Jahresabschlusses unrichtig berichtet, Wesentliches verschweigt oder einen inhaltlich unrichtigen Bestätigungsvermerk erteilt, dem drohen bis zu drei Jahren Haft.

          Mittlerweile laufen die Fäden bei der Staatsanwaltschaft München I zusammen, die umfassend im Bilanzskandal von Wirecard ermittelt. Oberstaatsanwältin Anne Leiding bestätigte, dass der Behörde mehrere Anzeigen wegen Verletzung von Berufspflichten und der Beihilfe zum Betrug vorliegen. Die Wambach-Berichte werden „selbstverständlich in die Ermittlungen“ einbezogen werden, teilt Leiding mit. Doch auch hier können die Strafverfolger nicht mitteilen, inwieweit Anfangstatverdacht besteht.

          Auf Nachfrage der F.A.Z. wollte sich der Sprecher von Michael Jaffé, dem Insolvenzverwalter von Wirecard, nicht äußern. „Wir kommentieren das nicht“, sagte er am Freitag. Dennoch dürfte Jaffé mit großen Interesse auf die Reaktionen von Anspruchsstellern schauen. Als Insolvenzverwalter ist es seine Aufgabe, mögliche Haftungsansprüche gegen frühere Berater und Wirtschaftsprüfer von Wirecard zu begutachten. Könnten EY die schweren Versäumnisse, wie sie im Wambach-Bericht mehrfach zur Sprache kommen, oder gar Vorsatz nachgewiesen werden, würde dies Jaffé Verhandlungsposition deutlich verbessern.

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