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Kommentar : Vorsicht mit der Zeitumstellung!

Heute schon an der Uhr gedreht? Bild: dpa

Immer mehr Leute wollen die Zeitumstellung abschaffen. Aber Vorsicht! Die Vorschläge sind nicht ausgegoren.

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          Na, haben Sie heute schon an der Uhr gedreht? Sind Sie jetzt ausgeschlafen? Haben Sie die Zeitumstellung genossen? Oder standen Sie um acht Uhr unruhig vor der Tür des Bäckers, wartend, dass der endlich öffnet?

          Es scheint mehr und mehr, als seien die Ungeduldigen in der Überzahl. Die Zeitumstellung bekommt eine Menge Gegner. Die Europäische Union will prüfen, ob sie die Sommerzeit abschafft. In Berlin will die FDP das Thema gar zum Gegenstand der Koalitionsverhandlungen machen. Das Argument ist immer das gleiche: Die Sommerzeit habe nicht gehalten, was man sich von ihr versprochen hat.

          Was hat man sich denn versprochen? Erste Überlegungen in Sachen Sommerzeit kamen um 1900 auf, mit der Idee, durch längeres Licht am Abend Energie zu sparen. Während der Weltkriege wurde die Sommerzeit immer wieder zeitweise eingeführt, endgültig dann in vielen Ländern während der 70er-Jahre nach der Ölkrise.

          Doch inzwischen gilt als sicher, dass die Energieersparnis nicht erreicht wird. Stattdessen betonen die Gegner der Zeitumstellung, dass die Anpassung vielen Leuten Probleme mache. Mögen Verkehr und Technik die Sommerzeit auch im Griff haben, gilt das längst nicht für alle. Es heißt gar, es gebe sogar den einen oder anderen Herzinfarkt mehr. Kinder brauchen teils eine Woche, bis sie sich an den neuen Rhythmus gewöhnt haben. Tiere haben ebenfalls ihre Schwierigkeiten: Kühe wollen jeden Tag zur gleichen Zeit gemolken werden, die Uhr ist ihnen egal – auch hier müssen die Bauern allmählich umstellen. Vielleicht laufen auch mehr Tiere vor Autos, die Studien widersprechen einander.

          Die Sommerzeit hat vielleicht Vorteile

          Bisher sind in der Debatte vor allem die Gegner der Zeitumstellung aktiv. Deshalb geht bisher unter, dass die Sommerzeit noch andere Vorteile haben kann als die reine Energie-Einsparung. Der durchschnittliche Deutsche steht gegen 6.20 Uhr auf. Ohne Zeitumstellung hätte er im Sommer da schon zwei Stunden Sonnenlicht verpasst! Wenn er aber abends kurz nach 23 Uhr ins Bett geht, wäre es schon fast zweieinhalb Stunden dunkel. Die Sommerzeit bringt den Deutschen also tatsächlich eine Stunde Sonnenlicht – und das hat potentiell noch einige Vorteile über den Energieverbrauch hinaus.

          Sonnenlicht wirkt gegen Depressionen, bildet Vitamine in der Haut und erleichtert Sport am Abend. Wenn es auf den Straßen hell ist, geschehen möglicherweise weniger Unfälle. Zwar mag die Sommerzeit keinen Energieverbrauch sparen, aber vielleicht ist es günstig, wenn die Deutschen den Strom vor allem im Tageslicht verbrauchen, wenn Solarzellen Strom ins Netz einspeisen.

          Diese Aspekte tauchen in der Diskussion bisher noch gar nicht auf. Bevor die Sommerzeit blind abgeschafft wird, lohnt sich eine sorgfältige Prüfung aller Argumente. Vielleicht kommt man dann zum Schluss, dass die Zeitumstellung am Ende doch ganz sinnvoll ist. Oder dass die Sommerzeit wichtiger ist als die Normalzeit. Polen steht gerade kurz davor, die Sommerzeit ganzjährig einzuführen.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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