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Wildsein – das lernen die Chinesen nie!

Von PHILIPP KROHN

18.10.2016 · Hippies wollten die Welt verändern. Der Anspruch war zu hoch. Punks wollten ihr Ding machen. So haben sie – ungewollt – die Wirtschaft beflügelt.

Als Erstes mussten die Haare ab. „Meine Freunde und ich sagten: Fuck, das ist es. Das müssen wir machen. Wir gaben alle unsere Eagles-Platten weg, schnitten unser Haar und kauften uns Lederjacken – über Nacht! Es war, als ob sich die Welt änderte.“ So beschreibt Billy Bragg, der britische Singer und Songwriter, wie sein erster Besuch eines Konzerts der Londoner Punk-Band The Clash auf ihn wirkte. Damals war er 19 Jahre alt. So wie ihm ging es Millionen von Jugendlichen. Gelangweilt von den alten Hippie-Musikern, entfremdet vom kulturellen Mainstream, dessen technische Aufbauten immer größenwahnsinniger wurden, gab es Mitte der siebziger Jahre ein Zurück zum Ursprung der Jugendkultur, die ab Mitte der fünfziger Jahre das Rebellentum gefeiert hatte.

Wer bei Punk nur an Irokesen-Haarschnitte, Sicherheitsnadeln in der Backe und schmutzige Schäferhunde in der Fußgängerzone denkt, verkennt die kulturelle Wirkung, die von der Bewegung ausging. Vor genau 40 Jahren brach die Welle los. Anfang Oktober 1976 unterzeichnete die Band Sex Pistols ihren Vertrag mit dem etablierten Plattenlabel EMI. Einen Monat später veröffentlichte sie ihre Single „Anarchy in the UK“. Damit erreichte das Phänomen den Mainstream.

© AFP, dpa, Picture-Alliance Die „Sex Pistols“ 1977 in London und bei ihrem Auftritt 1978 in New York, Vivienne Westwood mit Malcolm McClaren

In dieser Geschichte reisen wir virtuell um die Welt und sprechen mit Menschen, die sich fragten, was Punk für die Wirtschaft bedeutet hat: einen Ordinarius aus St. Gallen, der seinem jüngsten Buch den Titel „Punkökonomie“ gegeben hat und der glaubt, dass darin der letzte verbliebene Vorteil der westlichen Welt liegt, einen amerikanischen Ökonomen, der in der Musikgeschichte den Vorboten des gesellschaftlichen Wandels sieht, und einen Kulturpolitiker, der aus seinen Erfahrungen im Punk neue Anforderungen an eine kommunale Standortpolitik ableitet.

Mitte der siebziger Jahre begannen Musiker in New York, schnelle Songs mit oft nicht mehr als drei Akkorden zu spielen. Dabei beriefen sie sich auf Vorbilder, die schon Ende der sechziger Jahre in Detroit, Los Angeles oder San Francisco einen ähnlich lärmigen Stil gespielt haben. Sie trafen sich im Viertel Lower East Side in dunklen Spelunken und blieben unter sich. Erst als die Ramones mit den älteren Flamin’ Groovies nach London reisten, dort die Jugend und die Musikpresse infizierten, entstand ein globales Phänomen. Punks verachteten die Hippies mit ihren langen Haaren, die satt und kultureller Mainstream geworden waren. Sie waren die Intellektualisierung des Pop leid. Indem sie selbst sich wiederum die Haare kurz schnitten und in zerrissenen T-Shirts herumliefen, provozierten sie.

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© vevo The Clash: London Calling

Der Modedesigner und Manager Malcolm McLaren machte die Sex Pistols mit gezielten Grenzüberschreitungen berühmt. Seine damalige Ehefrau Vivienne Westwood schneiderte die Mode dazu. Dadurch wurden beide reich. Dabei war der Ethos des Punk antikommerziell. Das frühe deutsche Punk-Label Zick Zack zum Beispiel schlitterte in den Ruin, weil Labelbetreiber Alfred Hilsberg die kapitalistische Logik radikal negierte: Jede Mark, die er verdiente, investierte er in neue Bands, statt eine nachhaltige Infrastruktur aufzubauen.

Am besten lässt sich der Ethos mit den Worten beschreiben, mit der die englische Band The Desperate Bicycles eine Single-Aufnahme im Jahr 1977 enden ließ: „It was easy, it was cheap – go and do it!“ („Es war einfach, es war günstig – mach es!“). Nachdem der Song in einer viel gehörten BBC-Radiosendung lief, verbreitete sich die „Do it yourself“-Mentalität in ganz Großbritannien, später in Amerika und Kontinentaleuropa. Viel beachtete Popkultur kam plötzlich auch aus Unterzentren wie Manchester, Bristol, Glasgow oder Sheffield, wo sich Labels gründeten.

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© vevo Billy Idol: Rebel Yell

Zeit für einen Zeitsprung: direkt ins Berlin der Jetztzeit. „Arm, aber sexy“ hat es der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit getauft. Inzwischen wird die Hauptstadt für ihre Start-up-Szene auch international beachtet. Zahllose Unternehmensgründer versuchen sich an technischen Innovationen, digitale Gründer wollen Entwicklungen anstoßen, Risikokapitalgeber investieren. Die Kulturpolitik des Stadtstaats prägt seit zweieinhalb Jahren ein früherer Musikmanager, der vom Punk infiziert wurde und in dem Aufbruch die Basis für die heutige Entrepreneur-Szene sieht: Tim Renner, Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten des Landes Berlin.

„Mit Punk kamen die Produktionsmittel in die Hände der Kreativen. Außerdem demokratisierten sich die Distributionsmittel“, sagt Renner. „Das findet sich heute bei den Start-ups wieder – nur nicht mit der Moral des Punk, sondern mit der des Geldverdienens.“ Aus seiner Sicht ist mit dem Beginn der „Do it yourself“-Bewegung ein entscheidender Machtwechsel verbunden: von den Verwaltern hin zu den Produzenten. Waren Musiker vorher darauf angewiesen, sich an Konzerne zu wenden, konnten sie nun die Produktionsmittel selbst in die Hand nehmen. „Auch das findet sich bei den Start-ups wieder: Jeder, der einen Laptop besitzt, hat eine kleine Produktionsmaschine vor sich.“ Die anfangs belächelte digitale Bohème der Berliner Cafés hat diese Macht über die Produktionsmittel ausgelebt. Für wirtschaftliche Innovationen ist es nicht nötig, Konzernstrukturen zu nutzen. „Wie im Punk wollen Kreative einfach loslegen und nicht den Marsch durch die Systeme antreten“, sagt Renner.

© dpa Im Berliner Cafe „St. Oberholz“ arbeiten Gäste an ihren Laptops.

Schon Ende der siebziger Jahre wirbelte der Punk auch in Deutschland einiges durcheinander. Man brauchte kein großes Studio, um Songs zu konservieren. Erstmals kosteten Kassetten weniger als eine Mark. Mit geringem Budget, aber unter hohem Aufwand ließen sie sich vervielfältigen. In Berlin entstand das Cassettencombinat. Auch Kommunikation und Marketing nahmen Künstler in die Hand. Es ist kein Zufall, dass Düsseldorf zu einem der Zentren wurde. Eine der zentralen Figuren des deutschen Punk, Fehlfarben-Sänger Peter Hein, arbeitete viele Jahre beim Kopiererhersteller Xerox, auf dessen Geräten alles vom Plattencover bis zum Infoschreiben selbst gemacht werden konnte. Punks nutzten neue Technologien auf ungewöhnliche Weise.

Tim Renner hatte als 16-Jähriger in Hamburg eine Punk-Band namens „Quälende Geräusche“. Auch er nutzte die Möglichkeiten, die Produktionsmittel in der eigenen Hand zu halten. Mit einem Kassettenrekorder nahm er eine Reportage über Hamburger Underground-Bands auf. Sie gelangte zum Norddeutschen Rundfunk, der ihm eine Sendung anbot. Als Musikjournalist rutschte er in die Musikindustrie, die darum bemüht war, die neuen Impulse aufzugreifen. Schließlich wurde er Präsident von Universal Music Deutschland und so einer der einflussreichsten Musikmanager.

Ortswechsel: Noch am Wochenende hat Richard Florida einen Spaziergang durch Downtown Toronto gemacht. Er ging an den Musikclubs der Stadt vorbei. Einst hatten hier Hippiemusiker wie Neil Young, Joni Mitchell oder The Band ihre Karrieren gestartet. Heute ist die Gegend voller hochpreisiger Modeboutiquen und teurer Eigentumswohnungen. Florida hat seit Anfang des Jahrtausends mit drei Büchern Furore gemacht, in denen er den Zusammenhang zwischen der Präsenz der „kreativen Klasse“ und dem Wohlstand einer Stadt aufgezeigt hat. Darin zeigten sich so unerwartete Ergebnisse wie eine starke Korrelation des Anteils Homosexueller, von Künstlern, Musikern oder der Bohème an der Bevölkerung mit dem lokalen Pro-Kopf-Einkommen. Meist sammeln sie sich in günstigen Bezirken, werten die Stadtteile durch ihr kreatives Treiben auf und ziehen dadurch höhere Einkommensgruppen an.

© dpa, Picture-Alliance Berliner Startup-Szene, zwei der Bekannteren „Outfittery“ und „Juniqe“

„Musik ist der Vorbote gesellschaftlicher Veränderung“, sagt Florida. Die Punk-Bewegung sei nicht der einzige Impuls aus der Musik, der starke ökonomische Wirkung gehabt habe, aber ein wichtiger. Er selbst spielte in den achtziger Jahren mit seinem Bruder in einer Punk-Band in New Jersey. „Du musstest deine eigene Musik schreiben, spielen, deine Band vermarkten, die Musik aufnehmen und vertreiben“, sagt Florida. Dieses umfassende Kümmern um die eigene Kunst sei erst im Punk üblich geworden. „Das ist genau das, was auch in einer Start-up-Firma zu sehen ist: Sie will ihr eigenes Produkt herstellen, ihr eigenes Ding machen, ihren eigenen Freiraum haben und ihre eigenen Produktionsmittel besitzen.“ Indem Kreative in die Metropolen drängten, schufen sie kulturelle Cluster, die sich zu ökonomischen Clustern wandelten. „Ich glaube, dass Musiker die natürlichen Unternehmer sind“, sagt er.

Florida ist für seine Forschung und seine daraus folgende Beratungstätigkeit scharf kritisiert worden. Sein Fokus auf die kreative Szene habe Politiker blind dafür gemacht, dass es jenseits der Dienstleistungen auch die traditionelle Industrie gebe, in der Innovation viel weniger mit Lifestyle zu tun hat. In einem wichtigen Punkt aber widerspricht der Ökonom und Urbanist seinen Kritikern: „Lange Zeit sagten Leute, meine Theorie sei falsch. Der faule Berliner, der seinen Bohème-Lifestyle lebt, der Betreiber einer Kunst-Galerie, der Musiker, der Hippie und der Punk: Das würde nie den Aufschwung zu einer dichtgedrängten Industrieszene bewirken. Heute ist Berlin offensichtlich der Ort, an dem man sein muss.“ Dass es dort so gut wie keine Industrie gibt und die Stadt Nettoempfänger aus vielen Ausgleichstöpfen ist, bekümmert ihn nicht.

Renner und Florida sind selbst Protagonisten der Punk-Bewegung. Zeitzeugen neigen gelegentlich dazu, die Rolle der selbst erlebten Jugendkultur überzubewerten. Im Schweizer Universitätsstädtchen St. Gallen sitzt ein Volkswirt, der unverdächtig ist, mit nostalgischer Verklärung auf den Punk zu blicken. In den neunziger Jahren war er einer der führenden deutschen Umwelt- und Ressourcenökonomen, dann leitete er zwölf Jahre das Rektorat seiner Uni. Seit Anfang des Jahrtausends beschäftigt er sich damit, was Volkswirte nach einem Diktum ihrer einflussreichsten Denkschule, Werturteile gingen Ökonomen nichts an, meist umschiffen: dem Geschmack. „Durch das Diktat aus Chicago hat die VWL 56 Prozent des Sozialprodukts als Thema ausgeklammert“, sagt Ernst Mohr. Die Entscheidung, das zu ignorieren, führte ihn zum Punk.

Der Begriff ist für ihn ein Platzhalter aller Stile an den Rändern der Gesellschaft. Dazu zählt er Phänomene wie die Hip-Hop-, die Skinhead- oder die Hipsterkultur. „Die Wirtschaft der Ränder versorgt den Mainstream auf seltsame Weise mit neuen Ideen. Die Ränder sind innovative Orte“, sagt Mohr. Um diesen Mechanismus zu beschreiben, setzt er zur Kritik an seiner Zunft an. „Volkswirte haben eine seltsame Vorstellung davon, wie Innovation entsteht. Sie glauben, man muss ein umfassendes Patentrecht einführen, damit die wirtschaftlichen Früchte trägt, wer die Idee hat. Stilistische Innovation funktioniert aber völlig anders.“ Trendscouts der Kulturindustrie suchten immer an den Rändern nach Impulsen, domestizierten diese Stile dann und böten sie dem Mainstream in einer angepassten Form an. Die Punkökonomie stehe für rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

© Andreas Pein Der Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten des Landes Berlin, Tim Renner

Und selbst diese Zahl verkenne ihren wahren Wert. „Die stilistische Innovation ist der letzte komparative Vorteil der westlichen Welt im globalen Wettbewerb“, behauptet Mohr. Über Jahrhunderte eingeübte soziale Normen höben die Innovationskraft in Europa und den Vereinigten Staaten über die von asiatischen oder lateinamerikanischen Staaten.

Mohrs Erklärung hat wenig mit klassischer Ökonomie und viel mit klassischer Gelehrtheit zu tun. Seit der Renaissance sei die Genius-Idee bestimmend. Goethe gehörte im Sturm und Drang zu ihren bekanntesten Anwälten. Neues kann dieser Idee zufolge nur von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen geschaffen werden – nie aber von großen sozialen Gruppen wie den Punks. Innovatoren können sich einen Stil zu eigen machen und durch das Urheberrecht schützen lassen. Der einzelne Punk begehre aber nicht dagegen auf, weil das ästhetische Prinzip der Interesselosigkeit der Kunst herrscht, das Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“ beschrieben hat. Künstler schüfen, ohne dass es einen Zweck erfülle. „Deshalb beschwert sich kein Punk, wenn ihm etwas vom Mainstream weggenommen wird“, sagt Mohr.

Damit aber Mainstream und Ränder in einen produktiven Innovationsprozess einsteigen, bedürfe es einer dritten Komponente: Beide Seiten goutierten ihre jeweiligen Geschmacksurteile nicht, sie hätten aber gelernt, sie zu tolerieren. „Dieses dritte Element ist tief in der westlichen Kultur verwurzelt. Solange diese Faktoren in der Volkswirtschaft vorhanden sind, sprudelt die stilistische Innovation“, sagt Mohr.

Schon vor dem Punk hinterließ die „kreative Klasse“ in der deutschen Hauptstadt Spuren, die in die Welt ausstrahlten. Der Berliner Techno, der den Punk-Ethos mit Kommerz verband, ist ein weiteres Beispiel. Kulturstaatssekretär Tim Renner wechselt zum Schluss des Gesprächs die Tonart. Aus dem Musikmanager wird der Standortpolitiker. „Die Politik kann das kreative Potential der Stadt nutzen. Sie muss Ermöglichungsräume schaffen, damit das ,Do it yourself‘ entsteht. Sie darf aber nicht vorher selektieren, was im kreativen Segment gut und was schlecht ist.“ Berlin habe der kreativen Klasse seine Attraktivität zu verdanken. Touristen suchten genau dieses Berlin-Feeling. „Wie bekommen wir es hin, das bei abnehmendem Platz und steigenden Preisen aufrechtzuerhalten“, fragt sich Renner. Da ist er ganz konservativ.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 18.10.2016 13:37 Uhr