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Wiederaufbau : Vom sicheren Arbil aus den Irak bearbeiten

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Bagdad - zu unsicher für den Wiederaufbau Bild: AP

In Bagdad sind Entführungen an der Tagesordnung, die Flughafenstraße gilt als gefährlichste Straße der Welt. Als Standort für den Wiederaufbau des Iraks fällt Bagdad daher aus. Doch in Irakisch-Kurdistan gibt es eine Alternative: die Regionalhauptstadt Arbil.

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          In Bagdad sind Entführungen an der Tagesordnung, längst gilt die Flughafenstraße in das Zentrum der irakischen Hauptstadt als die gefährlichste Straße der Welt. Als Standort für den Wiederaufbau des Iraks wird Bagdad auf absehbare Zeit ausfallen.

          Immer mehr bietet sich als Alternative Arbil an, die Hauptstadt der sicheren Region Irakisch-Kurdistan. Arbil werde den wichtigsten internationalen Flughafen des Iraks haben, zudem entwickle sich die kurdische Stadt zu einem der Wirtschaftszentren des gesamten Iraks, sagt Siggi Martsch, der in Arbil ein Verbindungsbüro zur Ansiedlung ausländischer Unternehmen leitet.

          Erst kommt der internationale Flughafen...

          Bisher landeten hier Militärflugzeuge, für internationale zivile Flüge ist der Flughafen bisher nicht eröffnet. Jeden Tag kommen aber bereits drei Flugzeuge an, die Pilger aus Mekka zurückbringen. Arbil werde der erste irakische Flughafen sein, der nach den Plünderungen des Jahres 2003 mit einer Lizenz der internationalen Luftfahrtbehörde FAA eröffnet werde, ist Reshad Omar, der Leiter des Flughafens und stellvertretende Verkehrsminister der kurdischen Regionalregierung überzeugt. Bald werde er auch derjenige mit dem größten Verkehrsaufkommen sein. Danach werde die irakische Luftfahrtbehörde CAA noch im März mit ausländischen Fluggesellschaften Verträge für Landerechte unterzeichnen, so daß aus Amman, Dubai und möglicherweise Frankfurt die ersten Direktflüge nach Arbil beginnen könnten.

          Auf dem Papier ist zudem die „Kurdistan International Airways“ gegründet worden, die im Frühjahr starten soll. Der bestehende Flughafen hat eine Kapazität von 500.000 Passagieren im Jahr. Der neue, den nebenan das türkische Unternehmen Makyol bereits baut und der in 21 Monaten fertig sein wird, soll die dreifache Kapazität haben.

          ...dann kommen die Banken,...

          „Voraussetzungen, um ausländische Investoren anzulocken, sind ein internationaler Flughafen und eine funktionierende Bank“, weiß der Amerikaner Douglas Layton, der Direktor der Entwicklungsorganisation Kurdistan Development Corporation (KDC). Der Flughafen wird im Frühjahr seinen Betrieb aufnehmen, und bald danach wird es im kurdischen Norden des Iraks auch funktionierende Banken geben. Noch seien von Arbil aus Banktransfers ins Ausland nicht möglich, und der gesamte Zahlungsverkehr werde bar abgewickelt, klagt Martsch. Layton rechnet jedoch damit, daß die Entwicklungsorganisation in den kommenden Wochen mit einer großen europäischen Bank ein Abkommen unterzeichnet.

          Zudem hat die Organisation eine der 45 Banklizenzen erhalten, welche die Regierung in Bagdad ausgestellt hat. Lediglich die Lizenz der KDC sei nach Investitionen von 18 Millionen Dollar bisher aktiviert, sagt Layton, der wie Martsch seit Anfang der neunziger Jahre mit und im kurdischen Norden des Iraks arbeitet. Die neue Bank soll Funktionen einer privaten Geschäftsbank, einschließlich der Baufinanzierung, und die einer Landesbank wie in Deutschland erfüllen. Bis Ende 2005 sollen in den großen Städten des Nordiraks Filialen eröffnet sein.

          ... Büros, Hotels und Einkaufszentren

          Das zweite große Projekt der Organisation ist, neben der Bank, die Immobilienentwicklung der „Airport City“. Auf einem mehr als 100.000 Quadratmeter großen Gelände, das der KDC gehört, soll neben dem Flughafen ein Komplex mit Büros, modernen Wohnungen, einem Hotel, einem Einkaufszentrum und Kinos entstehen. In der ersten Phase sind Investitionen von 100 Millionen Dollar vorgesehen. Dazu sprechen Layton und Martsch Direktinvestoren und Fonds an. In einem weiteren Schritt soll das Projekt um eine Freihandelszone erweitert werden.

          „Ziel ist, daß sich im Umfeld des Flughafens internationale Firmen niederlassen und hier möglicherweise ein Zentrum für Finanzdienstleistungen heranwächst“, sagt Martsch, der bis 2001 Abgeordneter im Landtag von Düsseldorf war und heute Geschäftsführer von Martsch International Cooperation ist. Weitere Ansätze für Investitionen sieht er in den neuen Tourismuskomplexen der Stadt Dohuk und einem geplanten Windpark.

          Autobahnvorhaben, Brücken und Staudämme als Chance

          Chancen für ausländische Unternehmen bieten sich kurzfristig vor allem bei den Projekten, welche die kurdische Regionalregierung ausschreibt. Vier Autobahnvorhaben und eine Brücke über den Tigris stehen zur Ausführung an, fünf Staudämme im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar, Wasser- und Abwasserprojekte, ein Fußballstadion für 50.000 Zuschauer und Teilstücke der geplanten Eisenbahn von Diyarbakir über Dohuk nach Bagdad.

          Die Mittel für die Vorhaben seien vorhanden, sagt Martsch. 2004 wurde der Haushalt der Regionalregierung nicht ausgeschöpft, weil es nicht genügend qualifizierte Bauunternehmen gegeben habe. Übrig blieben 0,5 Milliarden Dollar. Ferner erwarten die Kurden eine Nachzahlung aus dem Programm „Öl gegen Nahrungsmittel“ von 2 Milliarden Dollar. Die künftigen Zuweisungen aus Bagdad hängen von den Öleinnahmen, den Mitteln der Geberländer und der Regelung der irakischen Altschulden ab.

          Siemens ist vor Ort, GM sucht ein geeignetes Gelände

          Der Ministerpräsident der kurdischen Regionalregierung, Nechirvan Barzani, will die ausländischen Auftragnehmer verpflichten, daß ihre Ingenieure an einer neuen Bauakademie in Teilzeit unterrichten, um einheimische Kollegen auf internationalen Standard zu bringen. Die ersten Firmen, unter ihnen Siemens, haben sich in Arbil niedergelassen. General Motors sucht gerade nach einem geeigneten Gelände, und Nechirvan Barzani hat von seiner Reise nach Fernost Investoren aus Taiwan und Korea mitgebracht. Es wäre ein Fehler, mit dem Einstieg zu warten, sagt Martsch, der wegen seiner Verdienste um die Kurden in die Familie Barzani aufgenommen wurde. In den vergangenen drei Monaten hat er Reisen von 30 deutschen Managern nach Arbil organisiert.

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