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Wiederaufbau in Japan : Zuerst muss der Schutt weg

Nicht mehr zu erkennen: Die ehemalige örtliche Grundschule im Wohngebiet des Stadteils Arahama von Sendai Bild: Carsten Germis / F.A.Z.

Hunderte Gebäude hat der Tsunami in der Stadt Iwanuma im Nordosten Japans zerstört. Und der für die Region so wichtige Reisanbau könnte erst in 10 Jahren wieder möglich sein. Der Bürgermeister fühlt sich von der Regierung in Tokio im Stich gelassen. Ein Besuch vor Ort.

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          Tsuneaki Iguchi ist verärgert. Vier Wochen sind vergangen, seitdem der verheerende Tsunami vom 11. März auch in seiner Stadt Iwanuma Hunderte Häuser dem Erdboden gleichgemacht hat. Tokio ist weit von hier, sagt er. Und Tokio interessiere sich nicht richtig für das, was die Menschen hier in der Präfektur Miyagi seit der Katastrophe vom 11. März durchmachten. „Das Schlimmste war, dass wir überhaupt kein Benzin hatten“, berichtet Iguchi, der Bürgermeister der 44 000-Einwohner-Stadt Iwanuma ist. „Wir konnten nichts machen. Nach zwei Tagen wurde das Essen knapp.“

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Es sei schlimm gewesen, sich so hilflos zu fühlen. Immer wieder habe er die Missstände an die Zentralregierung nach Tokio gemeldet. „Wir brauchen Benzin, vor allem Benzin“, sagte Iguchi. Wir kümmern uns, lautete die lapidare Antwort. Es passierte nichts. Zwei Wochen nach der Katastrophe telefonierte Iguchi dann mit Japans Regierungschef Naoto Kan. „Wir haben immer noch kein Benzin“, sagte der Bürgermeister seinem Premierminister. „Wie? Kein Benzin?“ Kan habe ganz offensichtlich keine Informationen darüber bekommen, wie das Bild in den verwüsteten Regionen wirklich aussah Erst jetzt habe sich die Lage langsam normalisiert, meint Iguchi, der seit dem 11. März Tag und Nacht in seinem Krisenstab verbringt und sein Zuhause seit diesem Tag nicht mehr gesehen hat. Er sagt das am Donnerstagnachmittag. Sechs Stunden später, genau 28 Minuten vor Mitternacht, bebt die Erde in Iwanuma wieder.

          Das Salzwasser hat den Boden zerstört

          Bei allen Problemen, die er mit der Zentralregierung hat – bei einem Projekt bekommt Iguchi starke Unterstützung aus Tokio. Auf dem Gelände der Stadt liegt der Flughafen von Sendai, der benachbarten Präfekturhauptstadt. Dort ist der Schutt bereits weggeräumt. Die amerikanische Armee half, die Landebahnen zu säubern, nur noch vereinzelt sieht man zerstörte Sportflugzeuge am Straßenrand. Mit Hochdruck arbeiten Bautrupps daran, den Flughafen so schnell wie möglich wieder aufzubauen. „Das ist wichtig für die Region“, sagt der Bürgermeister. Am Freitag kündigte die Regierung an, Inlandsflüge sollen vom 13. April an wieder möglich sein. All Nippon Airlines (ANA) kündigte daraufhin an, Sendai von diesem Tag an wieder drei Mal täglich anzufliegen.

          Eine zerstörte Straße in der Präfektur Ibaraki

          Iguchis größte Sorge sind in diesen Tagen aber die Reisbauern. Die Reisanbaugebiete vor der Stadt bieten ein Bild der Verwüstung. Die Wohnungen der Menschen, die hier – nahe am Pazifik – lebten, sind oft bis auf die Grundmauern zerstört. Über Kilometer ziehen sich die Bilder des Grauens, Schuttberge, zerstörte Autos, Felder mit Brackwasser, Matsch und Unrat bepackt. „Zwei bis drei Jahre wird es dauern, bis hier wieder Reis angebaut werden kann“, sagt Iguchi. Das Salzwasser habe den Boden zerstört. Die Salzkonzentration des Tsunamis, der hier kilometerweit alles mit sich riss, sei zehnmal so hoch wie üblich gewesen. Es gibt Fachleute, die sogar für die nächsten zehn Jahre Reisanbau für unmöglich halten. Auf 64 Hektar wird in dieser Region Reis angebaut. Zwei Drittel der Felder sind Schätzungen zufolge zerstört und durch das Salzwasser unbrauchbar geworden. Allein das Aufräumen werde bis ins nächste Jahr andauern, meint Herr Sasaki, der für die Bauern in Ost-Sendai spricht. „Ich habe durch den Tsunami alles verloren“, sagt er, „mein Haus, meine Ausrüstung, Traktoren.“ Er schluckt, „alles weg“.

          „Ich erwarte, dass die Regierung endlich Ideen entwickelt“

          Bürgermeister Iguchi hat sich mit den Bauern seiner Stadt schon zu einer ersten Krisensitzung getroffen. 10 Prozent der Menschen hier leben von der Landwirtschaft, fast 20 Prozent arbeiten als Teilzeitbauern. „Was sollen wir tun?“, hätten ihn die Landwirte gefragt. Durch die Zerstörung der Reisfelder ist ihre Existenzgrundlage vernichtet worden. Wieder wird der sonst so ruhige und bedächtige Bürgermeister ein bisschen wütend. Was sollte er den Männern auch antworten? „Ich habe wenig Hoffnung, dass wir hier so schnell wieder Reisanbau haben werden“, sagt er. „Aber ich erwarte, dass die Regierung endlich Ideen entwickelt, was wir tun können.“ Er habe vorgeschlagen, in einem ersten Schritt überhaupt erst einmal Hilfen für die Arbeitslosen zu prüfen. Iguchi zuckt mit den Schultern. Hilfe zu fordern, das ist seine Aufgabe als Bürgermeister einer Stadt. Hilfe zu erwarten, ist etwas anderes. „Ich vertraue nicht darauf, dass die Regierung etwas für unsere Landwirtschaft tut“, sagt er. „Wir stehen bei denen an letzter Stelle.“

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