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Traum vom Ausland : Die jungen Russen wollen weg

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Proteste am Sonntag in Moskau gegen die Regierung Bild: AFP

Der Unmut über die vorgesehene Rentenreform und die unberechenbare Politik Putins vertreibt die Jugend. Ihr fehlen die Visionen – und der Wirtschaft zunehmend Arbeitskräfte.

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          Es sind in diesen Tagen keine südamerikanischen Fußballfans, die in den großen russischen Städten Lärm machen. Zehntausende von Demonstranten lassen seit dem Ende der Weltmeisterschaft Dampf ab. Die Menschen wehren sich lautstark gegen eine geplante Rentenreform, die zu Beginn des WM–Turniers verkündet wurde.

          Die Regierung will das Rentenalter alle zwei Jahre um ein Jahr erhöhen. Männer sollen statt wie bisher mit 60 bis 2028 mit 65 Jahren in Rente gehen, Frauen sollen im Jahr 2034 gar acht Jahre länger arbeiten – bis 63. Gewerkschaften, die Kommunistische Partei und verschiedene Gruppen mobilisierten am Samstag ihre Anhänger und riefen Ministerpräsident Dmitri Medwedew zum Rücktritt auf. Der Unmut über diese Reform ist groß, denn es geht um mehr. Viele Menschen plagt das Gefühl, vom Staat um eine Art Kompensation für einen sonst kaum funktionierenden Sozialstaat gebracht zu werden. Neun von zehn Russen lehnen daher die Reform ab.

          Viele junge Leute denken ähnlich, obwohl sie die vermeintlichen Nutznießer von gesicherten Sozialwerken wären. Die Generation, die unter der nun 18 Jahre andauernden Herrschaft von Wladimir Putin aufgewachsen ist, hat zwar ein enormes Wirtschaftswachstum miterlebt – das BIP pro Kopf hat sich seit 1999 mehr als verdoppelt –, doch so wird es nicht weitergehen. Die Wirtschaft dümpelt vor sich hin, und es droht ein Stillstand.

          Präsident Putin kümmert sich bloß um die Außenpolitik

          Djamilja Kulkiewa teilt diese Sorgen und erklärt, dass sich Präsident Putin bloß um die Außenpolitik kümmere. Die Bevölkerung hingegen vernachlässige er. Nun zieht sie die Konsequenzen. Die junge Frau, die aus einer Stadt in der Nähe des Schwarzen Meeres kommt und erst seit wenigen Monaten in Moskau lebt, will auswandern. Am liebsten in die Schweiz. Und dafür lernt sie nach der Arbeit Deutsch.

          Djamilja ist mit ihren Träumen nicht allein. Laut einer Umfrage des russischen Meinungsforschungsinstitutes WZIOM wollen 31 Prozent der 18- bis 24-Jährigen auswandern. Das sind deutlich mehr als noch 2014. Damals wollten erst 21 Prozent das Land innerhalb der nächsten fünf Jahre verlassen. Bei den älteren Generationen ist der Anteil deutlich kleiner und hat in den vergangenen Jahren gar ein wenig abgenommen. Hier will nur jeder Zehnte sein Glück außerhalb des Riesenlandes suchen. Die Situation unterscheidet sich damit nicht stark von jener in anderen Schwellenländern.

          Tatjana Stanowaja von der Denkfabrik Carnegie in Moskau erklärt sich die Steigerung bei den jungen Leuten damit, dass das Leben in den vergangenen Jahren unberechenbarer geworden ist. Die Jugend sei durch die Verschlechterung der Beziehungen zum Westen irritiert, und es fehle vielen Jungen eine Vision der Regierung für eine bessere Zukunft.

          Die Jungen trinken weniger als ihre Vorgänger

          Die junge Generation ist zwar teilweise sehr gut ausgebildet, doch es fehlt an gutbezahlten Stellen für die Hochschulabgänger. Man wurstelt sich irgendwie durch und hat häufig mehr als einen Job. Trotzdem ist nicht alles einfach schlecht. Die Jungen trinken weniger als ihre Vorgänger und haben eine höhere Lebenserwartung. Sie sind die erste Generation, die mit der totalen Freiheit des Internets aufgewachsen ist. Soziale Netzwerke sind für sie allgegenwärtig und ein wichtiger Freiraum. Über 90 Prozent der 18- bis 24-Jährigen loggen sich täglich ins Internet ein.

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