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Wirtschaftsgeschichte : Die Erfindung des Unternehmens

  • -Aktualisiert am

Nachbau eines Schiffes der Ostindien-Kompanie in Amsterdam Bild: AFP

Unternehmen werden gegründet und gehen pleite. Beides ist wichtig. Wenn Unternehmen nicht mehr untergehen können, werden sie behäbig.

          Die moderne Wirtschaft ist ohne Unternehmen nicht vorstellbar, obwohl es sich hierbei um ausgesprochen fragile Gebilde handelt. Gründung und Konkurs - beides gehört zum Alltag des Kapitalismus, der seine ökonomischen Zwecke gerade deshalb so effizient verfolgen kann, weil es diese extrem flexible Möglichkeit der Organisation gibt. Stets wechselnde Unternehmen sind die Träger des ökonomischen Strukturwandels. Das Unternehmen ist die Form, in der sich gleichzeitig alles ändern und alles gleich bleiben kann. "Das Unternehmen ist tot, es lebe das Unternehmen" - der eigentlich auf Könige bezogene Spruch trifft viel eher noch auf die moderne Wirtschaftswelt zu.

          Gesellschaften, in denen wirtschaftliche Zwecke nicht über freie Unternehmen verfolgt werden, tun sich mit wirtschaftlichem Strukturwandel schwer, ja verhindern ihn im Grunde. Das galt schon für die vormoderne Welt, als die Unternehmensgründung nicht selten von politischer Privilegienvergabe abhing. Die privilegierten Unternehmen, etwa die mit obrigkeitlichem Monopol ausgestatteten Manufakturen der frühen Neuzeit, verhinderten wirtschaftlichen Wettbewerb. Sie waren, als mit der Französischen Revolution und der überlegenen englischen Konkurrenz Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts die Welt der Privilegien unterging, ohne Überlebenschance. Aber auch die Kombinate des Sozialismus überlebten den Mauerfall nur kurze Zeit. Dabei waren nicht einmal die Besitzverhältnisse entscheidend; verheerend waren die Ausschaltung des Wettbewerbs und die staatliche Bestandsgarantie. Wenn Unternehmen nicht mehr untergehen können, werden sie behäbig.

          Das Auf und Ab der Unternehmen ist also nicht eine lästige Eigenschaft der modernen Wirtschaft; es ist ihre notwendige Voraussetzung, wenn sie dynamisch bleiben will. Daher konnte sich eine moderne Wirtschaft erst durchsetzen, als flächendeckend die Hindernisse der freien Unternehmensbildung gefallen waren. In Deutschland beziehungsweise Preußen war das mit den preußischen Reformen nach der verheerenden Niederlage gegen Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Fall.

          Es gab mehrere Gründungswellen

          Seit dieser Zeit konnten sich Unternehmer frei betätigen - und sie taten das, so dass in mehreren Gründungswellen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts jene Unternehmenslandschaft entstand, die wir heute kennen. In den 1820er und 1830er Jahren wurden zahlreiche Textilunternehmen, Maschinenbauanstalten und Eisenbahngesellschaften gegründet; seit den 1850er Jahren (der eigentlichen Gründerzeit) kamen zunächst Unternehmen der Schwerindustrie, dann der chemischen und elektrotechnischen Industrie, der Konsum- und Verbrauchsgüterindustrie, später der Automobilindustrie hinzu. Seither ist das Muster beständig: Entstehen neue wirtschaftliche Handlungsmöglichkeiten, entstehen zumeist auch neue Unternehmen. Manche Unternehmen schaffen es, sich zu wandeln; sie bleiben dann länger erhalten. Doch in der Mehrzahl der Fälle gilt, dass Unternehmen nur eine begrenzte Lebenszeit haben. Der Strukturwandel, aber auch Fehler in der Unternehmensführung und konjunkturelle Schwankungen können schnell das Aus bedeuten.

          Was aus volkswirtschaftlicher Sicht ein großer Vorteil ist, stellt sich im Einzelfall als Problem dar. Hier kommen wir auch der historischen Entstehung der Unternehmen auf die Spur. Derjenige, der sein Geld zur Gründung eines Unternehmens gibt, läuft Gefahr, alles zu verlieren. Dass das der Strukturwandel ist, dass hiervon unter Umständen alle profitieren, wird den Kapitalgeber kaum trösten, der sein Vermögen schwinden sieht. Neben den rechtlichen Restriktionen war es diese Verlustangst, die in Deutschland die Menschen noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vor industriellem Engagement zurückschrecken ließ: Man kaufte lieber Staatsanleihen oder Grundstücke, als Gefahr zu laufen, Geld zu verlieren.

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