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Wirtschaftsgeschichte : Die Antike plädiert für eine Ethik des Maßes

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Für Aristoteles beginnt die Ökonomie vor der eigenen Haustür Bild: dpa

Die Ausgaben dürfen nicht höher sein als die Einnahmen. Darauf hat ein guter Hausvater zu achten. Aristoteles legte Wert darauf, dass Ökonomik die Lehre vom guten Leben ist.

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          Die Ökonomie ist die Lehre von der richtigen Hausverwaltung, denn das griechische Wort oikos, in latinisierter Form oecus, bedeutet Haus(halt). Auch bei Aristoteles geht es unter dem Stichwort der Ökonomie um die Verwaltung des Hauses unter Leitung eines Familienoberhauptes; das Haus wiederum ist eingebettet in die Polis, die eine eigenständige politische Einheit bildet. Aristoteles kennt zwar Gesetze des Marktes, aber die Märkte bilden kein eigenes System, sondern sind im Kontext einer politischen Ordnung zu sehen.

          Folglich spricht Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) im ersten Buch seines Werkes über Politik von der Ökonomie: Zum oikos gehören Mann und Frau, die sich zum Zweck der Fortpflanzung vereint haben, sowie Abhängige. Doch erst in der Polis kann sich das vollenden, was für den Menschen spezifisch ist: ein Austausch über Nützliches und Unnützes, über Gerechtes und Unrechtes. Insofern ist der Mensch auch als Hausherr ein auf die Polis bezogenes Lebewesen – das schreibt Aristoteles in einer Zeit, da die äußere Schwäche der Polis im Vergleich zu großen Mächten wie Makedonien offenbar geworden war.

          Fern der Wirtschaft ist die Ökonomie aber nicht, denn ein oikos muss ja seine Existenzgrundlage sichern. Dabei ist nicht alles statthaft, denn Aristoteles kennt sowohl naturgerechte als auch widernatürliche Formen des Erwerbs. Naturgerecht ist, durch Jagd und Ackerbau sich anzueignen, was von der Natur aus zur Verfügung steht. Doch einen Erwerb, der allein auf möglichst großen Geldgewinn zielt, missbilligt der Philosoph. Es ist nicht Aufgabe der Haushaltsführung, der Ökonomik, unbegrenzten Reichtum zu gewinnen. Das sittlich gute Leben ist der Maßstab, um wirtschaftliche Aktivitäten zu beurteilen. Der Homo oeconomicus im modernen Sinn ist das Gegenteil von dem, was Aristoteles sich als guten Ökonomen vorstellte.

          Verhältnis zwischen Mann und Frau ist erzieherisch

          Eine eigene Schrift zur Ökonomie hat Aristoteles nicht verfasst, das wäre ihm vielleicht sogar als unnötig erschienen, da er ja das Thema in seinen politischen Kontext eingebettet hatte. Zahlreiche andere Schriften zu dem Thema entstanden allerdings im antiken Griechenland, darunter drei kleine Bücher, die zusammen als Oikonomika bezeichnet werden und lange fälschlich Aristoteles zugeschrieben wurden. In manchem unterschieden sich ihre Aussagen von jenen des Aristoteles – so betonen sie die Bedeutung der Polis weniger als der große Philosoph –, aber im Verhältnis zur Ökonomie gleichen sie ihm: Es geht zuallererst um die Verwirklichung eines guten Lebens, und die Landwirtschaft ist unter allen wirtschaftlichen Betätigungen die natürlichste. Das erste Buch behandelt vor allem den Umgang mit Frauen und Sklaven, die für die Antike zu einem leidlich anständigen Haushalt gehörten.

          Zum Verhältnis der Geschlechter formuliert der Verfasser klare Vorstellungen: „Den Mann hat die Natur kräftiger gemacht, die Frau schwächer, damit diese aufgrund ihrer Furchtsamkeit schutzbedürftiger, jener aber zur Abwehr fähiger sei.“ Er ergänzt: „Damit der Mann herbeischaffe, was von außen notwendig ist, die Frau aber das beschütze, was innen ist.“ Das Verhältnis des Mannes zur Frau ist ein erzieherisches, aber auch eines des Respektes: Eheliche Treue wird auf beiden Seiten hoch veranschlagt.

          Den Sklaven ist mit Strenge zu begegnen, aber auch mit der Bereitschaft, sie zu fördern. Arbeit, Strafe und Nahrung müssen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Vom Hausherrn ist zu erwarten, dass er Besitz erwirbt, bewahrt, ordnet und nutzt. Diszipliniert muss er den Haushalt beaufsichtigen, vor allen andern aufstehen und später als sie schlafen gehen. In der Ökonomie schlägt sich eine Ethik der Mäßigung nieder, die die ganze Lebensführung normiert.

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