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Wirtschaftsgeschichte : Die Antike plädiert für eine Ethik des Maßes

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Untypisch für die antike Ökonomie

Noch stärker auf die Ehe als dem Kern der Ökonomie konzentriert sich das dritte, nur in Latein noch erhaltene Buch. Anders als das erste präsentiert es sich im Gestus der Ermahnungen. Die Kooperation der Ehepartner und ihre sittliche Eintracht sind grundlegend für die Ökonomie; die Hausfrau soll die inneren Angelegenheiten des Hauses steuern und der Mann gar nicht wissen, was dort geschieht. Umgekehrt soll die Frau dem Mann in allem folgen, was das Äußere betrifft. In Treue sind sie wechselseitig verbunden. Die Kinder sollen gut erzogen sein, damit sie sich später wieder um ihre Eltern kümmern.

Wann diese Schriften der Aristoteliker genau entstanden, ist strittig, aber mit Sicherheit geschah dies in einer Zeit, da die Polis als Organisationsform an Bedeutung eingebüßt hatte. Schon Aristoteles selbst war ja eigentlich unzeitgemäß: In Stageira am Rande Makedoniens aufgewachsen, zählte er zu den Erziehern Alexanders des Großen, der ein großes Reich begründen sollte.

Doch für die Wirtschaft eines Reiches war die Ökonomie des Aristoteles nicht ausgelegt: Sie nimmt das zweite Buch der pseudo-aristotelischen Oikonomika in den Blick, das damit in der antiken Literatur einzigartig ist. Es geht um Finanzverwaltung, um die Erzielung von Einkünften. Präzise benennt der Verfasser die Einkünfte des Königs, des Statthalters, der Polis und des einzelnen Mannes, wobei zwischen Einkünften aus der Landwirtschaft, sonstiger Erwerbstätigkeit und Geldgeschäften ethisch nicht differenziert wird. Für alle gilt eine (naheliegende) Grundregel: Die Ausgaben dürfen nicht höher sein als die Einnahmen. Den Hauptteil der Schrift aber machen historische Beispiele aus, Tipps und (überwiegend miese) Tricks dazu, wie man öffentliche Einkünfte generieren konnte. Das Buch kommt der Vorstellung einer Staatsökonomie nahe, aber es blieb untypisch für die antike Ökonomie.

Eine Flut von Texten

Obwohl vieles, was Aristoteles und seine Nachfolger über die Ökonomie in der Polis schrieben, nicht mehr gut in ihre eigene Zeit passte, erwies es sich als übertragbar auf andere Epochen. So ließen sich die Ratschläge der Hauswirtschaften leicht mit christlichen Lehren verbinden, namentlich mit einer protestantischen Arbeitsethik, und sie rechtfertigten auch in späteren Zeiten die Geschlechtertrennung.

Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert entstand so eine Flut von Texten, die sogenannte Hausväterliteratur. Sie griff auf (den angeblichen) Aristoteles zurück, insbesondere auf das dritte Buch mit seinen vielen Lebensregeln. Auch hier ging es darum, eine gute Ordnung im Haus zu rechtfertigen, mit einem Hausvater, der hinaus ins feindliche Leben musste, und einer züchtigen Hausfrau. Doch auch diese Literatur wurde unzeitgemäß. Denn eine neue Vorstellung von Wirtschaft setzte sich durch, die die Vermehrung des Reichtums, bald die Anhäufung von Kapital ins Zentrum stellte und die Wirtschaft als einen Bereich identifizierte, der eigenen Gesetzen folgte.

So wurden wir reich an materiellen Gütern, doch anderes ging dabei verloren. Gewiss können Aristoteles und seine Nachfolger nicht als Vorbilder dienen, wenn sie die soziale Ordnung ihrer Zeit rechtfertigen, aber eine Vorstellung der Ökonomie, die vom guten Leben ausgeht, besitzt eine ungebrochene, wenn nicht sogar neue Aktualität.

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