https://www.faz.net/-gqe-6m65j

Wirtschaftsgeschichte : Das Wettrennen über den Atlantik

Schiffsplakate warben für die Überfahrt von Deutschland nach Amerika Bild: Archiv

Schon Christoph Kolumbus segelte über den Atlantik. Aber erst der regelmäßige Linienverkehr mit Dampfschiffen brachte den Welthandel richtig in Schwung.

          4 Min.

          Ob ein Dampfschiff pünktlich einlief, wurde im Maschinenraum entschieden. Tief im Bauch der Schiffe mussten Heizer mit Muskelkraft mühsam die Kohlen in die Kessel schaufeln. Der Ton war rauh und die Hierarchie streng: An unterster Stelle standen die Männer im Kohlenbunker, die den Kohlenzuträgern die Schubkarren füllen mussten. Die Zuträger karrten die Kohlen zum Heizer, der in genau vorgegebenen Abständen die Brennkammern beschickte. Es war eine schweißtreibende Prozedur im schwefeligen Gestank des Kohlenrauchs. Das Tempo bestimmte der wachhabende Ingenieur, der die Taktung der Klingeln in den Heizräumen vorgab. Sie schrillten alle paar Minuten und leiteten einen neuen Arbeitsgang ein: Schüren, Auskratzen und Beschicken. Der ewige Kreislauf des Maschinenraums. Je kürzer die Abstände, desto schneller lief die Maschine.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Und Pünktlichkeit war wichtig. Das zeigte der Erfolg des kanadischen Geschäftsmanns Samuel Cunard, der 1840 erstmals einen monatlichen Postdienst zwischen Liverpool und Boston eröffnete. Er legte - fast 350 Jahre nach Kolumbus - mit seinen Schaufelraddampfern den Grundstein für den regelmäßigen Linienverkehr mit Fracht und Personen über den Atlantik. Eine neue Epoche im Welthandel konnte beginnen. Denn seine Schiffe hielten sich streng an die Abfahrtszeiten. Darauf legte Cunard größten Wert.

          Das offene Meer wurde zum Spielfeld für Weltmachtphantasien

          Die Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit hatten nämlich große Vorteile: Händler wussten, wann sie ihre Güter am Hafen anliefern mussten und wann sie abgeholt werden konnten. Was heute als selbstverständlich gilt, war damals etwas Besonderes. Vorher waren Schiffe erst dann in See gestochen, wenn Decks und Laderäume voll waren. Verspätungen von mehreren Wochen waren nichts Ungewöhnliches. Dank der Liniendienste konnten die Händler sicher sein, dass ihre Ware nicht in den Lagerhäusern des Hafens durch wochenlanges und unnötiges Warten verdarb. Das sparte Zeit und Geld - und machte den Schiffstransport attraktiver.

          Deshalb verhalf die regelmäßige Taktung dem Welthandel zur Blüte. Immer größere Gütermengen wurden auf Schiffe verladen, und die Liniendienste wurden zum Wegbereiter der Globalisierung und der internationalen Arbeitsteilung.

          Der Wettbewerb zwischen den Reedereien stachelte auch die Ingenieure an. Sie verbesserten die Antriebstechnik, und schon bald wurde das Schaufelrad von der Schiffsschraube verdrängt. Die Arbeiter in den Werften fertigten die Schiffe nicht mehr aus Holz, sondern aus Eisen und Stahl. In den Maschinenräumen ersetzten Ölbrenner die Kohlen. Die Schiffe wurden schneller, größer und spektakulärer.

          England und Deutschland wollten den Verkehr auf dem Atlantik dominieren, das offene Meer wurde zum Spielfeld für Weltmachtphantasien wie hundert Jahre später der Wettlauf zwischen Amerikanern und Russen zum Mond. Doch die Eroberer des Atlantiks haben die Welt wahrscheinlich stärker verändert als später die ersten Astronauten.

          Das meiste Geld verdienten die Linienschiffe mit Auswanderern

          Ohne pünktliche Frachttransporte sind die heutigen Lieferketten in der Just-in-Time-Produktion nicht denkbar. Heute werden Schiffe auf ihrer Fahrt minutiös überwacht. Die großen Logistikunternehmen können dank Satellitennavigation jederzeit wissen, wo ihre stählernen Kolosse gerade auf den Weltmeeren Gischt und Wogen durchschneiden. Gute Ideen, wie etwa der Standardcontainer des Amerikaners Malcolm McLean, haben später die Schifffahrt und die gesamte Logistik des Welthandels abermals revolutioniert. Auch darauf beruht unser Wohlstand. Doch Menschen sind heute kaum noch an Bord. Der Schiffsverkehr der Gegenwart ist fast ausschließlich vom Güterumschlag geprägt.

          Weitere Themen

          Trump und Thunberg auf Konfrontationskurs Video-Seite öffnen

          Davos : Trump und Thunberg auf Konfrontationskurs

          Zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums in Davos ist der amerikanische Präsident Donald Trump auf Konfrontationskurs zur Klimaaktivistin Greta Thunberg gegangen. „Wir müssen die ewigen Propheten des Untergangs und ihre Vorhersagen der Apokalypse zurückweisen“, sagte er.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.