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Wirtschaftsgeschichte : Das große Geld verdient man nur im Tal

Gehandelt wird in der Stadt: Außerhalb lässt sich nicht viel Geld machen - das hat die Vergangenheit gezeigt Bild: ZB

Es ist alles nur eine Frage der Lage: Früher leben die Menschen auf Hügeln, später zieht die Wirtschaft sie ins tiefe Tal. Denn in Städten lässt es sich deutlich leichter handeln.

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          Hätten die Franzosen Ende des 15. Jahrhunderts nicht zum Angriff auf Mailand geblasen, wäre Leonardo da Vinci der Metropole sicher treu geblieben. Denn auch er hatte den Möglichkeiten der reichen und mächtigen Stadt am Rande der oberitalienischen Tiefebene nicht widerstehen können. Aufgrund ihres Wohlstands und ihrer Offenheit hatte sie ihm fast zwei Jahrzehnte nahezu unbegrenzten Schaffens und Forschens ermöglicht.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Anziehungskraft dieser Stadt ist kein Phänomen der frühen Neuzeit, mit deren Beginn auch das Genie Leonardo da Vinci in ihren Bann geriet. Schon zwei Jahrtausende lang ist Mailand einer der Orte, an denen es die Menschen zu Wohlstand bringen. Die bis heute blühende Stadt ist ein typisches Beispiel dafür, wie die Lage das Wohl der Menschen bestimmt. Schon die Kelten hatten – noch vor den Römern – erkannt, dass es sich in der fruchtbaren Poebene trefflich leben ließ. Als die Römer 222 vor Christus dort ankamen, fanden sie eben jene keltische Siedlung vor, die mit Einschluss eines Römerlagers als Mediolanum schon bald zu einer der bedeutendsten Städte der damaligen Welt avancierte.

          Fruchtbare Ebene

          Die Gründe für den Aufstieg Mailands und dessen fortwährende Prosperität waren keine anderen als die des Raumes. Geographisch liegt Mailand einzigartig günstig, und zwar im Bereich eines Vorsprungs der trockenen in die feuchte Ebene – weit genug entfernt von den Flüssen Ticino und Adda, die immer wieder über die Ufer treten. Die Stadt befindet sich zudem genau an der Stelle jenseits der Alpen, zu der die Menschen schon seit frühester Zeit über verschiedene Pässe an ihrer Südseite wieder herabstiegen. Die Ebene, in die sie gelangten, war fruchtbar und geschützt.

          „Im Raume lesen wir die Zeit“ – so formulierte es der Historiker Karl Schlögel vor einigen Jahren. Oder anders: Die Kontur des Raumes schreibt eindeutig an der Geschichte mit. Bis heute ist sie entscheidend für die Wohlstandsentwicklung. Mailand ist nur ein Beispiel dafür. Es gibt viele andere: Rom natürlich oder Genua, aber auch Innsbruck, Frankfurt, Amsterdam, London oder – viel später – New York. Wer den wirtschaftlichen Aufstieg von Städten und Regionen verstehen will, die fortwährende Prosperität des Nordens und die Armut des Südens, der muss den Raum in all seinen Facetten begreifen.

          Im Raum die Zeit zu lesen – das hatte der berühmte französische Historiker Fernand Braudel bereits Mitte des 20. Jahrhunderts gewagt und damit der Geschichtsforschung zu einer ganz neuen Perspektive verholfen. Er hatte sich in seinem dreiteiligen Werk „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.“ mit den Dimensionen des Raumes befasst und versucht, die Geschichte genau aus dieser Perspektive heraus neu zu erzählen. Er schreibt von Bergen und Tälern und der Tatsache, dass die Geographie alles andere als lediglich eine Tangente der Geschichte und damit auch der Wirtschaftsentwicklung gewesen ist.

          Geographie verändert sich nicht

          Braudel interessierte sich nicht für die einzelnen Ereignisse mit all ihren Zufälligkeiten, sondern für die tief darunterliegenden Aspekte der „longue durée“ (langen Dauer). Wie oft ist gerade Mailand zerstört worden und doch niemals ganz verschwunden, sondern immer wieder am gleichen Ort neu entstanden, weil sich die Geographie eben nicht verändert.

          Um die Bedeutung dieser Perspektive zu zeigen, rückt der Historiker der Vergangenheit sogar noch weiter zu Leibe bis in die Zeit, als die Menschen sesshaft wurden. Die Ursprünge der Zivilisation und damit eines bescheidenen Wohlstands seien nicht im Flachland zu vermuten, sondern auf halber Höhe. Dort, wo Ziegen und Schafe beheimatet sind, haben Sesshaftigkeit und damit erste Ansammlungen von Menschen ihren Ausgang genommen – und nicht in den Ebenen, wo die Mücken ihre Larven in die Sümpfe legten.

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