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Wirtschaftsgeschichte : Das große Geld verdient man nur im Tal

Doch setzt das Bergland durch seine Topographie den Menschen enge Grenzen. Damit Wohlstand entstehen kann, müssen viele Menschen zusammenkommen. Darauf gibt es in den Bergen auf Dauer keine Chance, weil dort nicht nur der Platz begrenzt, sondern auch die Fortbewegung mühsam ist. Deshalb wird das Tiefland schließlich „zur treibenden Kraft entstehender Zivilisationen werden“, konstatiert Braudel. Ohne erheblichen Verkehr seien große Zivilisationen nicht lebensfähig. Zunächst waren es die um den Mittelmeer-raum so zahlreich vorhandenen Flüsse, die die Vernetzung der Regionen über die Binnenschifffahrt ermöglichten. „Nun brauchten sich die Schiffe nur aufs Salzwasser des Persischen Golfes, des Indischen Ozeans, des Roten Meers oder des Mittelmeeres hinauszuwagen, und der entscheidende Schritt ist getan. Ein Wunder hebt an.“ Das Wunder ist der Aufstieg Europas.

Es ist eben alles eine Frage der Lage – oder besser des Raumes. Die Entstehung von Wohlstand und Reichtum ist bis heute auf der Welt ein räumliches Phänomen. Die großen Orte der Weltwirtschaftsgeschichte sind seit jeher verkehrsgünstig gelegen. Sie lagen vor allem am Wasser oder dort, wo die Topographie – wie bei Mailand – Wegkreuzungen erzwang. Und ohne Städte ist Wohlstand nicht denkbar.

Auf dem Berg wird man nicht reich

Eremiten auf des Berges Spitze sind nicht reich geworden. Auch die unzugänglichen Burgen des Mittelalters haben ihre besten Zeiten seit Jahrhunderten hinter sich, weil die Geographie ihrer Entwicklung enge Grenzen setzte. Der Reichtum jedenfalls hat es auf die Berge nie mehr zurückgeschafft. Wer sein Glück, den Wohlstand und die Freiheit suchte, zog hinunter ins Tal und in die Städte. „Mit der Stadt verbindet sich von ihren Anfängen an die Hoffnung, als Städter ein besseres Leben führen zu können“, schrieb der Soziologe Walter Siebel unlängst in einem Aufsatz über die Zukunft der Städte. Stadtluft machte seit jeher frei.

Die Regionen allerdings, die solchen Agglomerationen den notwendigen Raum gaben und in denen Menschen Arbeit teilten und Mehrwert schafften, blieben über Jahrtausende die gleichen. Zwar hat der technische Fortschritt den Menschen über so manche natürliche Grenze hinweg geholfen. Der Aufstieg Amerikas etwa ist ohne die Erfindung der Eisenbahn nicht denkbar. Und die Wüstenstadt Las Vegas nicht ohne ein hochkomplexes Bewässerungssystem und das Flugzeug. Doch merkt man bis heute, welche Orte auf natürlichem Weg entstanden und welche der Mensch der Natur erst abringen musste. Die technischen Möglichkeiten erweitern die Grenzen. Aber sie sind nicht imstande, den Einfluss der Lage auf die Wohlstandsentwicklung ganz auszuschalten.

Privilegiertes Europa

Das haben viel später als Braudel auch Ökonomen wie der Nobelpreisträger Paul Krugman erkannt und die „Neue Ökonomische Geographie“ entwickelt – auf der Suche nach Erklärungen dafür, warum heute mehr als vier Fünftel des Weltproduktes in nur drei geografischen Zentren erwirtschaftet werden. Europa, seit Urzeiten durch seine langen Küsten, die vielen schiffbaren Flüsse und seine gut querbaren Berge privilegiert, ist eines davon. Auch Mailand floriert noch immer. Diese oberitalienische Metropole, vom Klima und der Topographie so enorm begünstigt, beherbergt heute immer noch die reichsten Italiener.

So zeigt die Geografie, warum auch heute noch in Mailand der Unternehmer ein Vermögen macht, während der Hirte in den marokkanischen Öde nicht anders als schon vor 2000 Jahren dabei zusieht, wie seine Ziegen die verwachsenen Arganienbäume hinaufklettern.

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