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Wirtschaftsgeschichte : Das dunkle Brot machte die Menschen satt

  • -Aktualisiert am

Männer in historischer Feldarbeiterkleidung bündeln im Freilichtmuseum Diesdorf Roggen zu Gaben Bild: dpa

Der Aufstieg neuer Kulturräume steht häufig in Zusammenhang mit landwirtschaftlichen Neuerungen. Für den mediterranen Kulturraum der Antike war es der Weizen. Im Mittelalter kam der Roggen dazu.

          Der interkulturelle Vergleich macht es deutlich: Der Aufstieg und die Entwicklung neuer Kulturräume stehen häufig in ursächlichem Zusammenhang mit landwirtschaftlichen Neuerungen. In der Regel sind es neue Kulturpflanzen, die neue Nahrungsspielräume erschließen und damit eine neue Entwicklungsdynamik ermöglichen.

          Dass etwa der Reis für die Entfaltung der chinesischen Zivilisation eine maßgebliche Rolle gespielt hat, steht außer Zweifel. Für den mediterranen Kulturraum der Antike war die klassische Trias von Weizen, Ölbaum und Wein charakteristisch. An sie wurde nach dem Ende des Römischen Reichs im Frühmittelalter in unterschiedlicher Weise angeschlossen.

          In den zum Kalifenreich gehörigen Regionen des Vorderen Orients, Nordafrikas und der Iberischen Halbinsel kam es auf der Basis von neuen Methoden der Irrigation zu einer folgenreichen Agrarrevolution durch neue Kulturpflanzen, die vorwiegend aus Südasien transferiert wurden, wie Zuckerrohr, Baumwolle, Reis, verschiedene Fruchtbäume und Gemüsesorten.

          Im Byzantinischen Reich wurde der Weinbau intensiviert. Im Frankenreich, das sich über den mediterranen Kulturraum weit hinaus nach Norden erstreckte, gab es für den Ölbaum unüberwindbare klimatische Barrieren. Weizen und Wein wurden - nicht zuletzt wegen ihrer religiösen Bedeutung für das Christentum - bis zu den äußersten möglichen Grenzen hin kultiviert. Andere Kulturpflanzen kamen hier hinzu, die dem kühl-feuchten Klima im Nordwesten des Kontinents angepasst waren - unter ihnen vor allem die beiden Getreidearten Roggen und Hafer.

          Beide kannte man schon in der Antike, betrachtete sie aber als Unkraut. Im Frühmittelalter erfuhren sie einen enormen Bedeutungsaufstieg als Leitpflanzen einer verbesserten Landwirtschaft. Bisher war der Weizen das Brotgetreide schlechthin gewesen. Mit dem Roggen kam nun ein zweites hinzu. Insgesamt vollzog sich ein Übergang zur Dominanz von Brotnahrung. Die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bedeutung dieses Prozesses kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Als Raum von Brotkultur weitete sich der Kulturraum Europa nach Norden und Osten aus. An die vom "weißen" Weizenbrot geprägten Regionen schlossen sich zusätzliche an, in denen das "schwarze" Roggenbrot dominierte.

          Mit dem Roggen kamen die Wassermühlen

          Der landwirtschaftliche Kontext des Roggenanbaus im Frankenreich unterschied sich wesentlich von dem der mediterranen Weizenkultur. Entscheidend war für ihn das neue System der Dreifelderwirtschaft mit der Abfolge von Winterfeld, Sommerfeld und Brache. Der Roggen wurde fast immer als Wintergetreide angebaut - gefolgt vom Hafer als Sommergetreide. Die Brache im dritten Jahr diente dem Boden zur Erholung. In dieser Zeit wurden die Felder als Viehweide genützt und damit zugleich gedüngt. Das System der Dreifelderwirtschaft war so stets mit Großviehhaltung verbunden. Zugvieh benötigte man nicht zuletzt für das Pflügen der Felder. Zum landwirtschaftlichen System der Dreifelderwirtschaft gehörte der schwere Pflug, der den Boden tief aufriss und der sich von den leichten Pflugtypen des Mittelmeerraums unterschied.

          Tiefes Pflügen war für den Roggenbau wesentlich. Die neue Pflugtechnik half, die schweren Böden des Nordens zu erschließen. Mit der Kultivierung des Brotgetreides Roggen auf das Engste verbunden war schließlich die Verbreitung der Wassermühle. Von Wasserrädern angetriebene Mühlen gab es schon in der Antike. Im Mittelmeerraum standen allerdings der Verbreitung dieser Technik klimatische Hindernisse entgegen. Viele Wasserläufe waren in den Trockenzeiten des Jahres einfach nicht zur Verfügung. Im Norden stellte die Wasserführung der Bäche für den Mühlenbetrieb kein vergleichbares Problem dar.

          Als mit dem Roggenbau ein zweites Brotgetreide aufkam, ergab sich dadurch eine starke Zunahme des Mahlbedarfs und damit des Mühlenbaus. Es sind also einerseits landwirtschaftliche, andererseits hydrologische Bedingungen, die dazu führten, dass die Wassermühle nicht schon in der Antike im Mittelmeerraum, sondern erst seit dem Frühmittelalter von Mittel- und Westeuropa aus zu so großer Bedeutung kam.

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