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Wie wir reich wurden : Ein Kapitalist braucht eine Bilanz

Vom Mathematiker Luca Pacioli (links) stammt die erste Erklärung der doppelten Buchführung (1494), an seiner Seite ein Schüler Bild: INTERFOTO

Die doppelte Buchführung bringt dem Kaufmann den Durchblick: Jetzt weiß er plötzlich, was er verdient, und kann seinen Gewinn gezielt vermehren. Doch sie ist sehr aufwendig.

          Es folgt eine ziemlich steile These über eine der langweiligsten Materien, die Menschen je erdacht haben: die doppelte Buchführung. „Man kann schlechthin Kapitalismus ohne doppelte Buchführung nicht denken, sie verhalten sich wie Form und Inhalt zu einander. Und man kann im Zweifel sein, ob sich der Kapitalismus in der doppelten Buchführung ein Werkzeug, um seine Kräfte zu betätigen, geschaffen hat, oder ob die doppelte Buchführung in ihrem Geiste den Kapitalismus erst geboren hat. Die doppelte Buchführung ist eine der grandiosesten und folgenreichsten Erfindungen, besser Schöpfungen, des menschlichen Geistes.“

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Soweit der Sozialwissenschaftler Werner Sombart (1863–1941), der als großer Deuter des Kapitalismus galt. Sombart war besessen von der Idee, dass ohne die doppelte Buchführung die Erwerbsidee und die Idee des ökonomischen Rationalismus nie zur Entfaltung gekommen wäre. Der Kaufmann habe erst mit der Buchführung in den Kategorien von Werterträgen und Wertverlusten, sprich Gewinn und Verlust, zu denken gelernt.

          Die doppelte Buchführung unterschied sich von primitiveren Vorläufern dadurch, dass sie die verschiedenen Bücher der Kaufleute in einem System zusammenband. Die Unternehmer hatten für gewöhnlich ein Güterbuch, ein Buch für die Einnahmen und Ausgaben und ein Buch, das Verbindlichkeiten und Forderungen verzeichnete. All diese Bücher bildeten jeweils nur einen Ausschnitt der wirtschaftlichen Realität ab. Das Problem war aber, dass die Zahlenwerke eine schlechte Basis für den Kaufmann lieferten, sein Geschäft zu optimieren. Deshalb war die Zusammenbindung ziemlich revolutionär. Die doppelte Buchführung oder Doppik heißt so, weil jeder Geschäftsvorgang zweimal notiert wird. Der Barkauf eines Geschäftsautos findet seinen Niederschlag im Kassenkonto und im Fuhrparkkonto. Auch der Gewinn wird zweimal gemessen: als Ergebnis von Ertrag minus Aufwand und als Veränderung des Eigenkapitals.

          Vermehrung des Eigenkapitals

          Wann zum ersten Mal ein integriertes Buchungssystem verwendet wurde, weiß man nicht genau, vermutlich im 13. Jahrhundert von venezianischen Kaufleuten. Der italienische Mathematiker Luca Pacioli veröffentlichte 1494 das Buch Summa de Arithmetica, Geometria, Proportioni et Proportionalità, das das damalige mathematische Wissen bündelte und wohl die erste Darstellung dieser doppelten Buchführung enthielt.

          Das zentrale Scharnier, das Güterbuch, Schuldenbuch und Einnahmen-Ausgaben-Journal miteinander verband, war das Eigenkapital. Das Eigenkapital blieb übrig, wenn man vom Vermögen die Schulden abzog. Und es vergrößerte sich um den Betrag, den die Einnahmen die Ausgaben überstiegen. Zudem war das Eigenkapital auch die Verbindung des Unternehmers mit seinen Geldgebern. Denn aus dem Eigenkapital beziehungsweise aus dem darin enthaltenen Gewinn speisten sich die Dividenden.

          Mit diesem neuen Rechenwerk konnte der Kaufmann schon etwas anfangen, daran konnte er sein Kalkül ausrichten, das da lautete: Vermehrung des Eigenkapitals. Die doppelte Buchführung gab der unternehmerischen Energie eine Richtung, unterstellte nicht nur Sombart, sondern auch der Soziologe Max Weber. Die These hielt sich bis in jüngere Zeit.

          Walter Eucken (1891 – 1950), einer der Begründer der Freiburger Schule und Vordenker der sozialen Marktwirtschaft, glaubte, der Niedergang der deutschen Hanse im 16. Jahrhundert finde seine Ursache in dem Versäumnis der Seehandels-Genossenschaften, eine doppelte Buchführung einzuführen.

          Buchhalter regeln Finanzen

          Parallel zum Untergang der Hanseaten blühten Kaufmannsfamilien aus Augsburg und Nürnberg auf. Und sie verfügten über die doppelte Buchführung. Jakob „der Reiche“ Fugger (1459-1525) war der wichtigste Händler und Bankier seiner Zeit. Er finanzierte Herrscher, Schiffe und handelte mit allem, was von weit her kam. Manche Transaktionen zog er mit Geschäftspartnern durch, andere wurden von der Familie finanziert. Dieses komplexe Gebilde zu steuern war eine Riesenaufgabe.

          Doch Jakob Fugger konnte auf den Chefbuchhalter Matthias (oder Matthäus) Schwarz (1497–1574) bauen, der den Überblick über die Zahlen behielt dank einer Variante der doppelten Buchführung, die er selbst entwickelt hatte. Schwarz war bei Kaufleuten in Mailand in die geheime Welt der Buchungssätze eingeführt worden. Er entwickelte eine Variante und veröffentlichte um 1517 das erste Buchführungsbuch in deutscher Sprache.

          Viele verließen sich auf Bauchgefühl

          In der Geschichtswissenschaft gibt es einen Grundsatz, der die Forschenden vor Leichtgläubigkeit bewahren soll. Er lautet: Wenn eine Erklärung von schlichter Eleganz, komplett einleuchtend und intuitiv plausibel ist, dann lohnt sich ein zweiter kritischer Blick. Das Urteil, die Hanse habe keine doppelte Buchführung genutzt, gründet auf schwacher Quellenlage. Darauf weist der Bielefelder Historiker Stefan Gorißen hin. Man hat einfach zu wenige Zahlenwerke hanseatischer Kaufleute gefunden, wenn auch Hinweise auf komplexe Buchführungssysteme fehlten. Hauptgrund für den Niedergang der Hanse dürfte aber gewesen sein, dass sich die Kraftfelder des internationalen Handels von der Ostsee wegbewegt haben – der Domäne der Hanseaten.

          Der Historiker Gorißen neigt ohnehin dazu, die Bedeutung der doppelten Buchführung für das Erblühen des Kapitalismus herunterzudimmen. Tatsächlich hatten viele, vor allem kleine, Unternehmen noch im 18. und 19. Jahrhundert keine Doppik eingeführt. Der Unternehmer verließ sich auf sein Bauchgefühl und lag damit nicht schlecht. Dass er nicht zu viele Schulden machen durfte und besser mehr einnahm als ausgab, dürfte ihm klar gewesen sein. Die doppelt Buchführung wurde wichtig, wenn Investoren und Banken als Geldgeber ins Spiel kamen. Für sie waren die Bilanzen Instrumente zur Kommunikation und zur Kontrolle. Wie in der niederländischen Ostindien-Kompanie des 17. und 18. Jahrhunderts. Darin fanden sich Kaufleute zusammen, um gemeinsam und ohne Konkurrenz Handel zu betreiben. Es war eine der ersten Aktiengesellschaften.

          Aufwendige Buchführung

          Allein der nötige Interessenausgleich zwischen den Aktionären verlangte nach Zahlen, die einigermaßen schnell die finanzielle Lage des für damalige Verhältnisse gewaltigen Konzerns widerspiegelten. Ohne doppelte Buchführung wären große Geschäftspartnerschaften nicht zu steuern gewesen. Allerdings waren große (Handels-)Gesellschaften auch nur ein Ausschnitt der wirtschaftlichen Realität, in der es von Kaufleuten und Unternehmern nur so wimmelte. Viele scheuten die doppelte Buchführung, denn ohne Computer und Kopierer ist sie extrem aufwendig. Ständig mussten Geschäftsvorfälle auf- und abgeschrieben werden.

          Heute pflegen Firmen die doppelte Buchführung. Doch richtig glücklich wird man damit auch nicht. Selbst Bilanzvorschriften sind interessengeleitet. Für die Angelsachsen war immer der Aktionärsschutz das Wichtigste, deshalb erlauben angelsächsische Vorschriften den Unternehmen kaum, Gewinne in stillen Reserven zu verstecken. Das deutsche Bilanzrecht will eher den Gläubiger bewahren, so dass in deutschen Bilanzen mehr Reserven stecken können. Das Paradebeispiel liefert gerade die Commerzbank, die nach dem internationalen Standard IFRS Gewinn macht, nach dem deutschen Handelsrecht aber Verlust.

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