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Wie wir reich wurden : Ein Kapitalist braucht eine Bilanz

Parallel zum Untergang der Hanseaten blühten Kaufmannsfamilien aus Augsburg und Nürnberg auf. Und sie verfügten über die doppelte Buchführung. Jakob „der Reiche“ Fugger (1459-1525) war der wichtigste Händler und Bankier seiner Zeit. Er finanzierte Herrscher, Schiffe und handelte mit allem, was von weit her kam. Manche Transaktionen zog er mit Geschäftspartnern durch, andere wurden von der Familie finanziert. Dieses komplexe Gebilde zu steuern war eine Riesenaufgabe.

Doch Jakob Fugger konnte auf den Chefbuchhalter Matthias (oder Matthäus) Schwarz (1497–1574) bauen, der den Überblick über die Zahlen behielt dank einer Variante der doppelten Buchführung, die er selbst entwickelt hatte. Schwarz war bei Kaufleuten in Mailand in die geheime Welt der Buchungssätze eingeführt worden. Er entwickelte eine Variante und veröffentlichte um 1517 das erste Buchführungsbuch in deutscher Sprache.

Viele verließen sich auf Bauchgefühl

In der Geschichtswissenschaft gibt es einen Grundsatz, der die Forschenden vor Leichtgläubigkeit bewahren soll. Er lautet: Wenn eine Erklärung von schlichter Eleganz, komplett einleuchtend und intuitiv plausibel ist, dann lohnt sich ein zweiter kritischer Blick. Das Urteil, die Hanse habe keine doppelte Buchführung genutzt, gründet auf schwacher Quellenlage. Darauf weist der Bielefelder Historiker Stefan Gorißen hin. Man hat einfach zu wenige Zahlenwerke hanseatischer Kaufleute gefunden, wenn auch Hinweise auf komplexe Buchführungssysteme fehlten. Hauptgrund für den Niedergang der Hanse dürfte aber gewesen sein, dass sich die Kraftfelder des internationalen Handels von der Ostsee wegbewegt haben – der Domäne der Hanseaten.

Der Historiker Gorißen neigt ohnehin dazu, die Bedeutung der doppelten Buchführung für das Erblühen des Kapitalismus herunterzudimmen. Tatsächlich hatten viele, vor allem kleine, Unternehmen noch im 18. und 19. Jahrhundert keine Doppik eingeführt. Der Unternehmer verließ sich auf sein Bauchgefühl und lag damit nicht schlecht. Dass er nicht zu viele Schulden machen durfte und besser mehr einnahm als ausgab, dürfte ihm klar gewesen sein. Die doppelt Buchführung wurde wichtig, wenn Investoren und Banken als Geldgeber ins Spiel kamen. Für sie waren die Bilanzen Instrumente zur Kommunikation und zur Kontrolle. Wie in der niederländischen Ostindien-Kompanie des 17. und 18. Jahrhunderts. Darin fanden sich Kaufleute zusammen, um gemeinsam und ohne Konkurrenz Handel zu betreiben. Es war eine der ersten Aktiengesellschaften.

Aufwendige Buchführung

Allein der nötige Interessenausgleich zwischen den Aktionären verlangte nach Zahlen, die einigermaßen schnell die finanzielle Lage des für damalige Verhältnisse gewaltigen Konzerns widerspiegelten. Ohne doppelte Buchführung wären große Geschäftspartnerschaften nicht zu steuern gewesen. Allerdings waren große (Handels-)Gesellschaften auch nur ein Ausschnitt der wirtschaftlichen Realität, in der es von Kaufleuten und Unternehmern nur so wimmelte. Viele scheuten die doppelte Buchführung, denn ohne Computer und Kopierer ist sie extrem aufwendig. Ständig mussten Geschäftsvorfälle auf- und abgeschrieben werden.

Heute pflegen Firmen die doppelte Buchführung. Doch richtig glücklich wird man damit auch nicht. Selbst Bilanzvorschriften sind interessengeleitet. Für die Angelsachsen war immer der Aktionärsschutz das Wichtigste, deshalb erlauben angelsächsische Vorschriften den Unternehmen kaum, Gewinne in stillen Reserven zu verstecken. Das deutsche Bilanzrecht will eher den Gläubiger bewahren, so dass in deutschen Bilanzen mehr Reserven stecken können. Das Paradebeispiel liefert gerade die Commerzbank, die nach dem internationalen Standard IFRS Gewinn macht, nach dem deutschen Handelsrecht aber Verlust.

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