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Wie wir reich wurden (1) : Florentiner Nonnen an der Druckmaschine

Markieren den Übergang von der mittelalterlichen zur modernen Welt: Gutenbergs bewegliche Lettern Bild: Dieter Rüchel

Das europäische Wirtschaftswunder war geboren: Seit Bücher gedruckt und nicht mehr abgeschrieben werden, wächst unser Wohlstand. Denn seitdem lohnt es sich, viele gute Ideen zu haben. Und aus guten Ideen wird ein hübsches Geschäft.

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          Als Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, Mitte des 15. Jahrhunderts in Mainz damit begann, Bücher mit beweglichen Metall-Handlettern zu drucken, wusste er nicht, was er angestellt hatte. Gänzlich ungewohnt war es nämlich schon zur damaligen Zeit nicht, Bücher zu drucken anstatt sie mit der Hand abzuschreiben. Gutenbergs Beitrag zur Innovation war ein Handgießinstrument, mit dessen Hilfe die Drucklettern einzeln, schneller und feiner gegossen werden konnten. Doch das brachte der Technik den Durchbruch.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gutenbergs Neuerung – und die Ideen der vielen, die dafür die Voraussetzungen schufen – markiert nichts weniger als den Übergang von der mittelalterlichen zur modernen Welt. Mehr noch: Sie ist der entscheidende Auslöser einer Wohlstandsgeschichte, auf der unser heutiger Reichtum basiert. Kein Zufall, dass wir eine Serie in der Sonntagszeitung (auch die F.A.S. ist ein Produkt der Presse) unter dem Titel „Wie wir reich wurden“ mit der Erfindung der Druckerpresse eröffnen. Denn die unendliche Reproduzierbarkeit aller denkbaren Ideen in Wort und Bild, welche durch die Druckerpresse möglich wird, schafft die Voraussetzung für Erfindung und Fertigung vieler nützlicher Produkte. Ideen – nicht zuletzt solche, die von der herrschenden Meinung abweichen – lassen sich jetzt rasch verbreiten. Die Kosten, um Neues zu erfahren, reduzieren sich enorm, ist doch das Buch erheblich billiger, verglichen mit dem Aufwand, den es erforderte, Texte mit der Hand abzuschreiben.

          Die Erfindung der Druckerpresse ist somit von gänzlich anderer Qualität als sonstige technische Neuerungen. Sie hatte eine Ideenrevolution zur Folge, der sich eine Produktivitätsrevolution anschloss. Es waren vervielfältigte Ideen, welche die Geburt des Kapitalismus verantworten. Das gedruckte Buch wurde zum Wissensspeicher und Ideenanreger der Völker. Der englische Philosoph Francis Bacon musste das ein Jahrhundert nach Gutenberg bereits geahnt haben, als er schrieb, drei Errungenschaften hätten das Gesicht der Welt komplett verändert: das Schießpulver, der Kompass und eben der Buchdruck.

          Beispiellose Alphabetisierungskampagne

          Rasch hat sich seit dem 15. Jahrhundert ein Verlagswesen in Europa ausgebildet. Frankfurt und die Buchmesse spielen dabei eine wichtige Rolle, denn das Buch war von den Klöstern und Fürstenhöfen in die Zentren des Handels gewandert. In Venedig wurden Bücher bereits von 1469 an gedruckt. Früher mussten Schreiber mühsam mit ornamentaler Kalligraphie und Illustration heilige Bücher kopieren oder aus dem Lateinischen oder Griechischen übersetzen. Abnehmer dieser Handschriften waren eine kleine Schar privater Sammler, Klöster oder Stadtarchive. Literarisch gebildet war zu dieser Zeit nur eine kleine Elite der Mönche, während auch die europäische Oberschicht – Bischöfe, Äbte, Fürsten und Könige – des Lesens und Schreibens unkundig war, ganz abgesehen von der ungebildeten Masse in Stadt und Land. Jetzt aber lohnte es sich plötzlich, lesen und schreiben zu lernen. Der Buchdruck löste eine Alphabetisierungskampagne aus.

          Und die Preise für Gedrucktes gaben dramatisch nach; die Vielfalt des Schrifttums aber nahm zu. Kein Wunder, denn durch den Druck explodierte die Produktivität der Buchherstellung. Das Druckhaus Ripoli, 1476 in Florenz gegründet, verlegte bereits im Jahr 1483 über tausend Exemplare von Platons Dialogen. Früher musste ein Schreiber an einem einzigen Exemplar dieser Dialoge ein ganzes Jahr arbeiten. Die Erfindung der Druckmaschine kommt einem Produktivitätsgewinn um das Zweihundertfache gleich. Das hat die amerikanische Historikerin Elizabeth Eisenstein errechnet, der wir eine faszinierende Geschichte über die Revolution der Druckerpresse verdanken.

          Man mag sich diese Revolution zumindest annäherungsweise vorstellen wie die Erfindung des Internets im späten 20. Jahrhundert. Beide Male wurden die Kosten der Wissensproduktion durch neue Fertigungsstrukturen und Vertriebswege enorm gesenkt und damit der Zugang zu neuem Wissen auch für jene erschwinglich, die sich zuvor die Gedanken nicht aneignen konnten. Internet wie Buchdruck bescheren Nischenanbietern einen interessanten Markt, weil es immer jemanden geben wird, der nach solchen Ideen sucht und der diese dank Massenmarkt, Grossistenvertrieb und Suchmaschinen auch finden wird.

          Erstaunliche Parallelen zum Internet

          Wie heute das bedruckte Papier, so kam damals übrigens das handgeschriebene Pergament in die Defensive. So behauptete der Mönch Johannes Trithemius in seinem „Lob der Schreiber“ aus dem 15. Jahrhundert, das auf Pergament mit Hand geschriebene Wort habe eine Haltbarkeit von über tausend Jahren, dem gegenüber der mechanische Druck nur für den vergänglichen Augenblick geeignet sei. Wird heute nicht ähnlich das Internet herabgewürdigt?

          Unternehmerisch weitaus geschickter als die Mönche verhielten sich schon in der frühen Neuzeit die Nonnen: Die Schwestern des Konvents vom „Heiligen Jakobus von Ripoli“ betrieben das Druckhaus Ripoli in Florenz. Die Frauen hatten sich angepasst.

          Mitte des 16. Jahrhunderts war die Venezianische Presse bereits in der Lage, 20 000 gedruckte Bücher jährlich herzustellen. Musik, Landkarten, Medizin und viele andere unsäkulare Gegenstände waren darunter. Die Verleger selbst waren risikofreudiger geworden. Auch akademische Karrieren wurden jetzt attraktiv; sie waren prestigeträchtiger und einkommenswirksamer als früher. Der Buchdruck stimulierte Ideenangebot und -nachfrage: Wissensherstellung wurde zum interessanten Business.

          „Europäisches Wirtschaftswunder“

          Dass Luther oder Galileo Galilei ihre damals häretischen Ideen niemals erfolgreich hätten durchsetzen können ohne den Buchdruck, ist oft geschrieben worden. Doch die Druckerpresse sorgte nicht nur für die Verbreitung der Gedanken des deutschen Reformators. Der Druck war auch die Voraussetzung dafür, dass Luther seine Theologie überhaupt erst entwickeln konnte: Ohne die gedruckt zur Verfügung stehenden Bibeln und die Werke der Kirchenväter wäre Luther nie auf seine Ideen gekommen. Häretiker haben seit der Erfindung des Buchdrucks leichtes Spiel. Und die Häresie von heute ist die herrschende Lehre von morgen. Der Buchdruck ist eine Erfindung des Fortschritts, die es ermöglicht die Gedanken von früher in Bibliotheken und Magazinen zu bewahren und sich zugleich von ihnen zu distanzieren.

          Erfindungen allein indessen sind noch kein Garant einer Wohlstandsrevolution. Bekanntlich wurden Kompass, Schießpulver und Druckerpresse unabhängig von Europa früher schon in China erfunden. Wie konnte es passieren, dass dieses Wissen in Asien ungenutzt blieb, während die Europäer gewinnbringend davon Gebrauch machten? Dieses „Europäische Wirtschaftswunder“ (Eric Jones) zu verstehen, ist Ziel unserer neuen Serie „Wie wir reich wurden“.

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