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Wie wir reich wurden (1) : Florentiner Nonnen an der Druckmaschine

Man mag sich diese Revolution zumindest annäherungsweise vorstellen wie die Erfindung des Internets im späten 20. Jahrhundert. Beide Male wurden die Kosten der Wissensproduktion durch neue Fertigungsstrukturen und Vertriebswege enorm gesenkt und damit der Zugang zu neuem Wissen auch für jene erschwinglich, die sich zuvor die Gedanken nicht aneignen konnten. Internet wie Buchdruck bescheren Nischenanbietern einen interessanten Markt, weil es immer jemanden geben wird, der nach solchen Ideen sucht und der diese dank Massenmarkt, Grossistenvertrieb und Suchmaschinen auch finden wird.

Erstaunliche Parallelen zum Internet

Wie heute das bedruckte Papier, so kam damals übrigens das handgeschriebene Pergament in die Defensive. So behauptete der Mönch Johannes Trithemius in seinem „Lob der Schreiber“ aus dem 15. Jahrhundert, das auf Pergament mit Hand geschriebene Wort habe eine Haltbarkeit von über tausend Jahren, dem gegenüber der mechanische Druck nur für den vergänglichen Augenblick geeignet sei. Wird heute nicht ähnlich das Internet herabgewürdigt?

Unternehmerisch weitaus geschickter als die Mönche verhielten sich schon in der frühen Neuzeit die Nonnen: Die Schwestern des Konvents vom „Heiligen Jakobus von Ripoli“ betrieben das Druckhaus Ripoli in Florenz. Die Frauen hatten sich angepasst.

Mitte des 16. Jahrhunderts war die Venezianische Presse bereits in der Lage, 20 000 gedruckte Bücher jährlich herzustellen. Musik, Landkarten, Medizin und viele andere unsäkulare Gegenstände waren darunter. Die Verleger selbst waren risikofreudiger geworden. Auch akademische Karrieren wurden jetzt attraktiv; sie waren prestigeträchtiger und einkommenswirksamer als früher. Der Buchdruck stimulierte Ideenangebot und -nachfrage: Wissensherstellung wurde zum interessanten Business.

„Europäisches Wirtschaftswunder“

Dass Luther oder Galileo Galilei ihre damals häretischen Ideen niemals erfolgreich hätten durchsetzen können ohne den Buchdruck, ist oft geschrieben worden. Doch die Druckerpresse sorgte nicht nur für die Verbreitung der Gedanken des deutschen Reformators. Der Druck war auch die Voraussetzung dafür, dass Luther seine Theologie überhaupt erst entwickeln konnte: Ohne die gedruckt zur Verfügung stehenden Bibeln und die Werke der Kirchenväter wäre Luther nie auf seine Ideen gekommen. Häretiker haben seit der Erfindung des Buchdrucks leichtes Spiel. Und die Häresie von heute ist die herrschende Lehre von morgen. Der Buchdruck ist eine Erfindung des Fortschritts, die es ermöglicht die Gedanken von früher in Bibliotheken und Magazinen zu bewahren und sich zugleich von ihnen zu distanzieren.

Erfindungen allein indessen sind noch kein Garant einer Wohlstandsrevolution. Bekanntlich wurden Kompass, Schießpulver und Druckerpresse unabhängig von Europa früher schon in China erfunden. Wie konnte es passieren, dass dieses Wissen in Asien ungenutzt blieb, während die Europäer gewinnbringend davon Gebrauch machten? Dieses „Europäische Wirtschaftswunder“ (Eric Jones) zu verstehen, ist Ziel unserer neuen Serie „Wie wir reich wurden“.

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