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Serie: Wir wir reich wurden (47) : Das Gold hat das Geld hart gemacht

  • -Aktualisiert am

Gold als Standard hatte noch andere Vorteile. Die Preise blieben erstaunlich stabil. In England betrug die durchschnittliche Inflation zwischen 1717 und 1914 nur 0,3 Prozent pro Jahr. Das heißt, dass ein Paar Schuhe oder ein Stück Brot auch nach 200 Jahren nur ein bisschen mehr kosteten. Selbst die alte D-Mark war mit 2,4 Prozent zwischen 1950 und 1999 viel weniger stabil. Stabile Preise, blühender Welthandel – wo ist das Problem?

Der Goldstandard erscheint heute attraktiv, weil er einen Großteil der Wirtschaft auf Autopilot schaltet. Doch das funktioniert nur dann gut, wenn die Voraussetzungen dafür an den Arbeits- und Produktmärkten gegeben sind. Länder, die Gold verlieren (etwa weil sie mehr Güter importieren, als sie exportieren), müssen die Preise und Löhne senken, also ihre Wettbewerbsfähigkeit über eine Art von innerer Abwertung wiedergewinnen. Doch das ist alles andere als einfach. Wer will sich schon das Gehalt kürzen lassen? Heute haben die meisten Menschen langfristige Arbeitsverträge. Lohnsenkungen über Nacht sind allenfalls bei Staatsbediensteten machbar. Im Regelfall gilt: Löhne und Preise sind fest und nicht so schnell zu ändern.

Das barbarisches Überbleibsel einer überholten Wirtschaftswelt

Im 19. Jahrhundert war das anders. Die meisten Arbeitskräfte wurden von einem Tag zum nächsten angeheuert; der Preis der Arbeit schwankte unmittelbar mit Angebot und Nachfrage. Der Goldstandard funktionierte deshalb gut, weil sich vor 1914 Arbeitskraft so handeln ließ, wie man es ansonsten mit Tomaten tut. Wenn ein Land abwerten musste, konnten die Löhne sinken. In einer Welt mit Gewerkschaften und langfristigen Arbeitsverträgen ist das nicht möglich. Dann wird aus dem Goldstandard schnell ein Problem, das viele Menschen arbeitslos macht.

Schon in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zeigte sich, wie verheerend der Goldstandard in einer modernen Arbeitswelt sein kann. Im 1. Weltkrieg hatten sich alle Kombattanten vom Gold verabschiedet; die Inflation schnellte nach oben. Um zum Gold zurückzukehren, war eine massive Anpassung nötig, die in Amerika und Großbritannien die Arbeitslosigkeit schnell auf zweistellige Werte steigen ließ. Damals geißelte John Maynard Keynes den Goldstandard als „barbarous relic“, als barbarisches Überbleibsel einer überholten Wirtschaftswelt.

Die Gefahren für moderne Volkswirtschaften sind groß

Der Goldstandard in seiner ursprünglichen Form brach endgültig zusammen in der Weltwirtschaftskrise. Länder wie Deutschland setzten unter dem „Hungerkanzler“ Brüning auf die Strategie der inneren Abwertung, um an Wettbewerbskraft zu gewinnen. Die Folgen – Millionenarbeitslosigkeit und politische Radikalisierung – sind bekannt. England entschied sich gegen die Politik des immer enger geschnallten Gürtels und verabschiedete sich überraschend schnell und schmerzlos vom Gold. Tatsächlich zeigte sich, dass die Weltwirtschaftskrise überall dort besonders schmerzhaft war, wo man allzu lange am Goldstandard festhielt. Länder, die der Großen Depression schnell entkamen, verabschiedeten sich flott aus dem goldenen Käfig.

Aufstieg und Fall des Goldstandards lehren zwei Dinge: Erstens kann sich ein System fester Wechselkurse – ob in der Form eines Goldstandards oder durch den Euro – lohnen, weil es den Handel zwischen verschiedenen Ländern ungemein beflügelt.

Zweitens sind die Gefahren für moderne Volkswirtschaften groß. Fehlt der „Wechselkurs-Airbag“, muss verlorene Wettbewerbskraft durch sinkende Löhne und Preise gewonnen werden. Irland und die Niederlande versuchen dies derzeit ernsthaft, Spanien, Portugal und Griechenland müssten es tun und haben nur erste kosmetische Schritte unternommen. Wo der Prozess mit seinen enormen Anpassungsschmerzen nicht gelingt, droht ein Dahinsiechen der Wirtschaft über viele Jahre. Vielleicht wünscht sich so mancher europäische Wirtschaftsminister, er könnte wie Montagu Norman auf hoher See und unerreichbar sein, während andere die Entscheidung treffen, den Euro zu verlassen – um dann vor der Presse erstaunt zu erklären, man habe gar nicht gewusst, dass so etwas tatsächlich möglich ist.

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