https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wie-wir-reich-wurden/serie-wie-wir-reich-wurden-wie-ein-deutscher-tueftler-den-computer-erfand-1577946.html

Serie: Wie wir reich wurden : Wie ein deutscher Tüftler den Computer erfand

Ein Schaltrelais aus Konrad Zuses erstem Computer Bild: Julia Zimmermann

Konrad Zuse war studierter Bauingenieur, aber zu faul, um selbst rechnen. Also erfand er die erste frei programmierbare Rechenmaschine der Welt: zwei Meter hoch, zwei Meter breit, so schwer wie ein Auto. Einen PC hat er niemals angefasst.

          3 Min.

          Wer hätte das gedacht? Der Erfinder des Computers war kein übertriebener Freund der Technik. Als Konrad Zuse 1936 das Wohnzimmer seiner Eltern ausräumte und mit Startkapital von seiner Schwester begann, das schrankwandgroße Rechenmonstrum zu bauen, das später der erste Computer werden sollte, hatte er vor allem eines im Sinn: weniger rechnen zu müssen.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn das Rechnen lag ihm nicht besonders. Zwar war Zuse studierter Bauingenieur. Doch dieses Fach hatte er hauptsächlich gewählt, weil er gehofft hatte, darin die Technik mit der Kunst verbinden zu können. Stattdessen arbeitete er in den frühen 30er-Jahren ausgerechnet als Statiker und musste ständig die Tragkräfte von Wänden und Böden ausrechnen - er, der schon die Matheprüfung an der Hochschule nur mit Ach und Krach bestanden hatte. „Es wollte mir einfach nicht in den Kopf, dass lebendige, schöpferische Menschen ihr kostbares Leben mit derart nüchternen Rechnungen verschwenden sollten“, sagte er.

          Schwer wie ein Auto

          Also begann Zuse, auf eigene Rechnung eine Maschine zu bauen, die ihm die lästige Arbeit abnehmen sollte. Die arbeitete nicht etwa mit Strom und Transistoren. Sondern mechanisch, mit Metallschaltungen, die Freunde für ihn zuschnitten. Natürlich machte seine erste Rechenmaschine „Z1“ einen Höllenlärm und klemmte gelegentlich. Also verwendete er für die Nachfolger auf den Rat eines Freundes hin elektromechanische Schalter, wie sie im Telefonnetz eingesetzt wurden - sogenannte „Telefonrelais“. Die „Z3“, 1941 fertig konstruiert, gilt als die erste frei programmierbare Rechenmaschine der Welt: zwei Meter hoch, zwei Meter breit, so schwer wie ein Auto.

          Konrad Zuse (1910-1995)
          Konrad Zuse (1910-1995) : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Die meisten Deutschen konnten mit dieser monströsen Maschine nichts anfangen, Zuse galt vielen als Spinner. Zu den ersten, die diese Erfindung würdigten, gehörte das Nazi-Regime. Sie erkannten, dass sich eine automatische Rechenmaschine ebenso gut zur Entwicklung von Bomben eignete wie im Einsatz in der Artillerie. Während des Zweiten Weltkriegs holten sie Zuse zweimal aus der Armee zurück, am Ende galt er als „unabkömmlich“. Zuse half gerne. „Ich war zwar kein ,Nazi', aber ich bekenne offen, dass ich angesichts des Bombenkriegs auf die deutsche Zivilbevölkerung meine Aufgabe nicht gerade darin sah, die Bemühungen um den Bau von Flugabwehrraketen zu sabotieren“, sagte er später.

          Heute ist jedem klar, dass Computer längst nicht nur im Krieg nützlich sind. Damals wäre niemand auf die Idee gekommen, was man mit einer reinen Rechenmaschine alles machen kann. Heute können Computer Texte aus einer Sprache in die andere übersetzen. Sie zeigen Kinofilme, ja sie errechnen sie sogar. Im Windkanal helfen sie, Autos sparsamer zu machen. Und sie helfen, schwere Krankheiten zu behandeln - und zwar schon bei der Diagnose, wenn Computer Hunderte von Röntgenbildern zu einem Computertomogramm zusammensetzen. Und welch enorme Bedeutung die Computer heute auch im Alltag für die Kommunikation zwischen Menschen haben, erkennen schon kleine Kinder, wenn sie fragen: „Als es noch keine Computer gab, wie ist man denn damals ins Internet gekommen?“

          Zuse war bald abgehängt

          Auch wenn die Deutschen damals den Nutzen der Rechenmaschine noch nicht sahen, war Zuse längst nicht der einzige. Die Zeit war reif für einen Computer. Drei Jahre später entwickelte ein Harvard-Professor unabhängig von Zuse einen Rechner, der ähnlich viel konnte wie Zuses Z3, aber so groß war wie eine ganze Garage.

          Die Amerikaner sollten sich trotzdem als Profiteure der neuen Technik erweisen. Denn es waren sie, die damit Geld verdienten. Zwar gründete Konrad Zuse selbst eine Computerbaufirma, die Zuse KG, und machte damit auch einige Jahre lang ein ganz ordentliches Geschäft. Insgesamt wuchs sein Unternehmen auf 1.000 Mitarbeiter. Doch es hielt nicht lange durch. Als die Amerikaner die ersten vollelektronischen Computer entwickelten, war Zuse bald abgehängt. Schon in den frühen 50er -Jahren produzierte IBM Großrechner, die nicht mehr mit mechanischen Schaltungen funktionierten, sondern rein elektrisch mit Röhren. Zuses erster Röhrencomputer war erst 1957 fertig. „IBM kam mit Entwicklungen raus, die Milliarden gekostet hatten, und da konnten wir nicht Schritt halten“, sagte Zuse später selbst.

          Nun war Zuse eher ein Tüftler als ein geborener Firmenchef. Doch dass er nicht mithalten konnte, das lag auch daran, dass die neue Technik in Deutschland nicht richtig anerkannt wurde. Von den Banken bekam Zuse so wenig Kredit, dass er teils nicht einmal das Geld für den nächsten Computer hatte. Deshalb mussten seine Kunden manchmal den ganzen Kaufpreis zahlen, bevor Zuse überhaupt anfangen konnte zu bauen. IBM dagegen verleaste seine Computer sogar. Es ging nicht nur ihm so, sondern auch anderen deutschen Computerbauern: „Nixdorf, Olympia und Telefunken existieren alle nicht mehr“, sagt Konrad Zuses Sohn Horst.

          Die neuen Computer waren ihm unheimlich

          Doch nicht einmal Konrad Zuse selbst war von den neuen Maschinen restlos begeistert. „Ich habe stets mechanische und elektromechanische Prozesse besser durchschaut“, gab er im Alter zu, „und rein elektronische Dinge nie so gerne selbst bearbeitet.“

          Die neuen Computer, die aus Röhren und später aus Transistoren bestanden, waren dem Erfinder der programmierbaren Rechenmaschine manchmal regelrecht unheimlich. Er hatte Angst davor, dass die Computer abstürzen und einen falschen Befehl geben. Oder dass sie sich gar verselbständigen. „Wenn vom Rechenwerk ein Draht rübergeht zum Programm, kann man nicht immer überblicken, wo die Reise hingeht“, sagte er noch in den 80er Jahren.

          Da war seine Firma schon lang geschlossen. 1964 hatte er sie verkauft, sie war zum Schluss in Siemens aufgegangen. Zuse fand im Alter zurück zur Kunst - er malte. Eines seiner Bilder, ein Porträt von Bill Gates, soll lange über dessen Schreibtisch gehangen haben. Bis zu seinem Tod im Jahr 1995 hat er niemals einen PC angefasst.

          Weitere Themen

          Die Bekehrung zum E-Bike

          Deutschland per Rad : Die Bekehrung zum E-Bike

          Elektrofahrräder sind nur etwas für Alte, Faule und Bequeme. So lautete jahrelang unser Glaubensbekenntnis. Dann radelten wir durch das Allgäu – und wurden vom Saulus zum Paulus. Die Sommerserie des Reiseblatts.

          Topmeldungen

          Sie wollen, dass er will: Trump ließ sich Ende Juni auf einer Kundgebung in Mendon im Staat Illinois bejubeln.

          US-Präsidentschaft : Erwägt Donald Trump eine frühe Kandidatur?

          Bislang verlief der Sommer nicht im Sinne Trumps. Die Aufarbeitung der Erstürmung des Kapitols verärgert ihn. Sieht er sich gezwungen, die Verkündung seiner Präsidentenkandidatur vorzuziehen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.