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Serie: Wie wir reich wurden : Ein Sachse revolutionierte den Bergbau

Georgius Agricola Bild: Wikipedia

Georg Agricola hat im 16. Jahrhundert alles aufgeschrieben, was man über das Hüttenwesen wissen musste. Damit begründete er die Ingenieurkunst und sorgte für einen Aufschwung, ohne den die Industrialisierung kaum denkbar gewesen wäre.

          Georg Bauer kannte keine Berührungsängste - weder mit der Pest noch mit den dreckverschmierten Kumpels, die häufig unter erbärmlichen Bedingungen in den Gruben und Schächten nach Metallen und Erzen schürften. Als Arzt behandelte er die Kranken. Als Naturforscher reiste er in Sachsen herum, fuhr von Schneeberg nach Freiberg und Annaberg, stieg in Gruben hinab, fuhr in Schächte ein und förderte über die Jahre Erstaunliches zutage.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das waren nicht etwa die Minerale aus dem Inneren der Erde, denen er als Arzt eine gewisse Heilkraft zuschrieb und die im Erzgebirge zuhauf vorkamen. Das war vielmehr ein einzigartiges Wissen, von dem nicht nur Sachsen, sondern schon bald ganz Europa über Jahrhunderte profitierte. Denn der umtriebige Gelehrte schuf bis zum Ende seines Lebens nicht weniger als die erste systematische und vollständige Darstellung des Bergbaus und Hüttenwesens zu Beginn der Neuzeit und überschrieb sie mit „De re metallica libri XII“.

          Der Gelehrte Georgius Agricola

          Mit diesem zwölfbändigen Werk begründete er nicht nur die Montanwissenschaften, sondern sorgte für einen Aufschwung des Bergbaus und Hüttenwesens, ohne den die Jahrhunderte später einsetzende Industrialisierung wohl kaum denkbar gewesen wäre. Unter seinem Geburtsnamen ist Bauer - seinerzeit Pawer - allerdings kaum bekannt. Unter ihm hat er auch nicht geforscht, gearbeitet oder publiziert. So, wie es damals unter den Gelehrten üblich war, übersetzte er seinen Namen schon früh ins Lateinische, um sich bereits im jungen Alter von 21 Jahren Georgius Agricola zu nennen. In diesem Alter begann der 1494 geborene Sohn eines Tuchmachers aus dem sächsischen Glauchau sein Studium in Leipzig. Altphilologie, Theologie, Logik und Mathematik gehörten zu seinen Fächern. Mit 23 Jahren wurde er Lateinlehrer in Zwickau. 1522 zog es ihn nach Bologna, von wo er als Doktor der Medizin vier Jahre später nach Sachsen zurückkehrte.

          So kommen die Schätze aus der Erde: Holzschnitt aus Agricolas Hauptwerk „De re metallica libri XII”

          Wissensdurst und Akribie des jungen Mannes zeigten sich früh: Er notierte Krankheitssymptome, er sezierte Leichname und lernte zu operieren. In Joachimsthal ließ er sich nieder und verdingte sich als Stadtarzt und -apotheker. Wieder ein paar Jahre später siedelte er nach Chemnitz über, wurde auch dort Stadtarzt und mehrfach Bürgermeister. Er heiratete reich und kaufte sich - wahrscheinlich nicht nur zu Forschungszwecken - Anteile an einer Silbergrube.

          Quantensprung in der Montanwirtschaft

          Agricola war ein europäischer Universalgelehrter, der in vielen Disziplinen zu Hause war, vor allem in der Medizin. Und genau über die kam er zum Bergbau, weil er sich zunächst eingehend mit den Eigenschaften der verschiedensten Mineralien befasste, in der Hoffnung, neue Heilmittel zu finden. Die allerdings entdeckte er nicht. Stattdessen sorgte er für einen Quantensprung in der Montanwirtschaft. Mit Hilfe seiner zwölf Bücher konnte sich plötzlich ein jeder über den Bergbau informieren, ohne zuerst selbst in Gruben hinabgestiegen zu sein.

          Dass Agricola mit dieser ersten systematischen Darstellung des Montanwesens am Ende auch Renditekalkulationen der Investoren dieser bereits damals recht kapitalintensiven Tätigkeit veränderte, war eine der entscheidenden Begleiterscheinungen seines Forschens. Denn die Bergwerke und Hütten hatten sich im 16. Jahrhundert bereits gewandelt und glichen fast industriellen Betrieben, deren Output vom Wissen über technische Verfahren und von den Anlagen abhing und nicht mehr - wie zu Zeiten des Handwerks - von der Geschicklichkeit der einzelnen Arbeiter.

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