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Serie: Wie wir reich wurden : Der Fortschritt ist viel zu langsam

Bild: FAZ.NET, clipart

Die Dampfmaschine ist 300 Jahre alt. Das Auto gibt es schon seit 125 Jahren. Mal ehrlich: Außer dem Internet ist den Menschen seither nichts wirklich Neues eingefallen.

          Was es heutzutage nicht alles gibt! Die funkelnden Wundermaschinen, von den Enkeln aus Papier und Schleifchen gewickelt, machen die Großeltern an Heiligabend ganz baff. Das Handy surft im Internet, zeigt Facebook, „Tagesschau“ und taut per Fingerstrich den Kühlschrank ab. Vati klatscht den Flachbildschirm an die Wand, während Mutter beim Blick aus dem Fenster vor Freude die gelaserten Augen übergehen, weil der Minivan samt Tochter vollautomatisch in die Parklücke rangiert.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Nur fliegen kann die Familienkutsche noch nicht. Davon träumt die Menschheit seit dem Jahr 1917, als der erste Prototyp mit einem Propeller und drei Flügeln entstand. Doch was seitdem auch aus den Erfinderwerkstätten rollte: Stets hatten die Flugautos zu viel Kraft für die Straße und zu wenig für die Luft.

          Nun hängt der Welten Wohl nicht am fliegenden Volkswagen, man bedenke allein die hohen Versicherungssummen, die nötig wären. Doch stellt sich die Frage: Rast der technische Fortschritt tatsächlich so schnell voran, wie es stets heißt? Wie steht es mit der für den Wohlstand entscheidenden Innovationskraft einer Gesellschaft, die sich nach allen Voraussagen auch in 50 Jahren noch hauptsächlich mit einer Technik aus dem 19. Jahrhundert fortbewegen wird? „The Boring Age“ nennt Michael Lind vom Think Tank New America unsere Gegenwart: das langweilige Zeitalter.

          Google, Facebook, Twitter, alles keine Innovationen?

          Der Fortschritt ist eine Schnecke, schrieb der kalifornische Physiker Jonathan Huebner vor ein paar Jahren. Er behauptete: Die Innovationsrate habe ihren Höhepunkt vor über einem Jahrhundert erreicht, seitdem nehme sie ab. Bahnbrechende Erfindungen wie das Auto, dessen 125. Jubiläum der Daimler-Konzern in diesem Jahr feiert und das bis heute als Wirtschaftsmotor nicht vom Platz Nummer eins verdrängt ist, werde es so bald nicht mehr geben. Bald nähere sich das Tempo des Fortschritt wieder dem Mittelalter an. Das war, so stellte sich schnell heraus, eine Minderheitsmeinung. Zukunftsforscher prognostizieren genau das Gegenteil: Der technische Fortschritt werde sich künftig mit exponentieller Geschwindigkeit entwickeln. Nach dem „Mooreschen Gesetz“ verdoppelt sich die Leistung der Computer alle eineinhalb Jahre. Und wird die Welt nicht gerade von einer jungen technischen Revolution erschüttert, nämlich der Informationstechnologie und besonders von der künftigen Grundlage vielen wirtschaftlichen Handelns, dem Internet? Google, Facebook, Twitter, alles keine Innovationen?

          Doch so weit hergeholt, wie es scheint, sind die Zweifel am Fortschritt nicht. Diese mehren sich typischerweise in Wirtschaftskrisen. Denn wie viele Innovationen entstehen, die sich verkaufen lassen, das hat große Auswirkungen auf die Konjunktur. Dass Deutschlands Maschinenbau und Autoindustrie in ihren Branchen Innovationsführer sind, sichert den Wohlstand. Eine neue industrielle Revolution ist hierzulande weniger vonnöten, auch weil die weltbewegenden Neuerungen wie das Internet, von denen auch die Deutschen enorm profitieren, bisher andere für uns entwickelt haben.

          Vieles war schlicht übertrieben

          Die Rede ist von Amerika, das bisher auf kaum etwas so stolz war wie auf seinen Innovationsgeist. Das hat sich in der jetzigen Krise geändert: Trotz iPod und iPhone habe das vergangene Jahrzehnt die Erwartungen an den technischen Fortschritt nicht erfüllt, sagt Harvard-Ökonom Gary Pisano. Er erinnert an die Tage der Dot-Com-Blase im Jahr 1998, in denen es an Nachrichten über angeblich kurz bevorstehende kommerzielle Durchbrüche in Wissenschaft und Medizin nur so wimmelte: neue Krebsbehandlungen, raffinierte Gentherapien, mit denen schwere Erbkrankheiten wie Mukoviszidose geheilt werden sollten, superschnelles Satelliten-Internet, das Brennstoffzellenauto. Ganz schnell sollten die technischen Revolutionen marktreif sein, neue Unternehmen begründen, Exportumsatz schaffen, Wachstum und Jobs.

          Heute fällt die Bilanz nüchtern aus: Vieles war schlicht übertrieben, manches hat sich extrem verzögert. Andere Hoffnungen haben sich ganz zerschlagen. Zwar glaubt die Bundesregierung, dass der Umsatz mit alternativen Energien künftig weltweit doppelt so schnell wachsen werde, aber in den letzten zehn Jahren hat sich die grüne Technik nicht richtig weiterentwickelt. Die Fortschritte in der Medizin und deren Verwirklichung im Markt sind eindeutig hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

          Doch ist es schlimm, wenn sich übertriebene Hoffnungen nicht sofort erfüllen? Für den Kapitalmarkt schon. Dort haben die Aktien aus forschungsintensiven Branchen in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt zweistellige Prozentsätze verloren. Die Finanzindustrie legte bis zum Krisenbeginn dagegen stark zu, nach Amerika strömendes Kapital floss nicht in die sogenannten Zukunftsbranchen, sondern in den Häusermarkt. Letztlich, so lautet eine Theorie, habe das Ausbleiben des technischen Fortschritts in Amerika „echtes“ Wachstum verhindert und somit zur Finanzkrise beigetragen. Es drohe der Rückfall in die entwicklungstechnische Steinzeit, warnt Intel-Chef Paul Otellini und schockt die Welt mit den Worten, es drohe eine „Wohlstandserosion“. Ob die Asiaten in absehbarer Zeit schon so weit sind, die Technologieführerschaft zu übernehmen, ist fraglich. Bis zur nächsten Dampfmaschine wird es wohl noch eine Weile dauern.

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