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Serie: Wie wir reich wurden (9) : Wohlstand allein macht nicht glücklich

  • -Aktualisiert am

Glück lässt sich messen: Wesentlich sind soziale Kontakte Bild: Wolfgang Eilmes

Im Mittelalter lebten die Menschen in bitterer Armut. Heute hat fast jeder sein Auskommen. Das wahre Glück hängt von anderen Dingen ab: von Arbeit und Freunden. Die ökonomische Glücksforschung reagiert auf diesen Fortschritt.

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          Der materielle Wohlstand ist über Tausende von Jahren nahezu unverändert geblieben. Das gilt auch für viele Jahrhunderte unserer Zeitrechnung: Lange lebten die Menschen hungrig, elend und kurz. Dieser Zustand hat sich erst kürzlich und nur in einigen Teilen der Welt geändert.

          In den Ländern, in denen die industrielle Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts stattfand, ist der materielle Wohlstand geradezu explodiert, und die Lebenserwartung hat sich gewaltig erhöht. Weite Teile der Menschheit leben aber noch immer in bitterer Armut. Waren und sind Menschen unter diesen Umständen glücklich?

          Für die Vergangenheit wissen wir es nicht, damals waren Umfragen über das Glück noch unbekannt. Es nützt auch wenig, frühere literarische Zeugnisse zu konsultieren. Denn die Berichte können zwar gut das Glück oder Unglück einzelner Personen wiedergeben, doch nicht, wie es um die Gesamtheit der Menschen stand.

          Aufgrund von Untersuchungen wissen wir jedoch, dass Menschen, die heute in Armut leben, wesentlich weniger zufrieden sind als diejenigen mit hohem Einkommen. Möglicherweise gilt das auch für unsere Vorfahren.

          Vorsicht vor Vergleichen geboten

          Allerdings ist Vorsicht geboten: Damals konnten sich die Menschen viel weniger mit reicheren Personen vergleichen. Möglicherweise kam ein solcher Vergleich ihnen gar nicht in den Sinn, denn damals waren die Schichten der Gesellschaft noch stark voneinander getrennt. Erst im heutigen Medienzeitalter lässt sich materieller Wohlstand vergleichen, und die ärmeren Schichten wissen Bescheid über den Lebensstandard der Reichen. Das aber kann Unzufriedenheit fördern.

          Die Volkswirtschaftslehre hat sich aus diesen Gründen auf die Erfassung des materiellen Wohlstands konzentriert und seit dem Zweiten Weltkrieg ein umfassendes Maß dafür gefunden: Mit der makroökonomischen Revolution von Keynes wurde das Konzept des Sozialprodukts entwickelt.

          Es misst die in einem Jahr geschaffenen Güter und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft anhand der Markttransaktionen, mit denen Mehrwert geschaffen wird. Mit Ressourcen an Arbeitskräften und Realkapital werden Rohstoffe und andere Vorleistungen in Güter und Dienstleistungen umgewandelt. Die bezahlten Preise reflektieren dabei den zusätzlichen Nutzen, der Konsumenten und Investoren gestiftet wird. Das Sozialprodukt ist durchaus eine bedeutende Innovation. Wie bei jedem anderen Maß treten jedoch auch hier Probleme auf.

          Sozialprodukt taugt nur eingeschränkt als Maß für Glück

          So steigert etwa die Tätigkeit des Staates das Sozialprodukt, wobei aber unberücksichtigt bleibt, inwieweit die staatliche Aktivität den Nutzen der Menschen wirklich steigert. Zudem erhöhen einige Aktivitäten das Sozialprodukt, die aber die Leute schlechterstellen, etwa Autounfälle, die nämlich die wirtschaftliche Leistung der Rettungsdienste erhöhen. Das Sozialprodukt taugt somit als Indikator für wirtschaftliche Aktivität, aber es eignet sich nur eingeschränkt als Maß für Wohlfahrt oder Glück.

          In den reichen Volkswirtschaften Europas, Nordamerikas und einiger asiatischer Länder wie Japan und Singapur hat sich nun die Jahrtausende währende Armut ins Gegenteil verkehrt. Wir hungern nicht mehr, sondern verfetten. Die Menschen leben so lange, dass die Jungen gar nicht mehr wissen, wie sie mehr erwirtschaften sollen, um die Renten der Alten zu bezahlen. Dieser Wandel ist Folge der gewaltigen materiellen Fortschritte unseres Wirtschaftssystems.

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