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Serie: Wie wir reich wurden (8) : Essen die Kinder uns arm?

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Ist genug für alle da? Thomas Malthus war sich da nicht so sicher Bild: dpa

Werden die Menschen reicher, kriegen sie mehr Kinder - und die essen alles wieder auf. Das war die Theorie von Thomas Malthus. Lange traf sie zu, doch zum Glück stimmt sie nicht mehr. Denn heute ist es egal, ob in einem Land 5 oder 50 Millionen leben.

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          Vorhersagen sind nicht die größte Stärke der Ökonomen. Dieser Satz gilt nicht nur in der Finanzkrise, sondern stimmte schon vor 200 Jahren. Das zeigt zum Beispiel eine Theorie des britischen Ökonomen Thomas Robert Malthus aus dem Jahr 1798. Seine zentrale These: Der Lebensstandard der Bevölkerung kann nicht unendlich steigen, sondern er muss auf Dauer stagnieren. Doch diese These wurde bald nach der Veröffentlichung von der Wirklichkeit widerlegt.

          Dabei hatte Malthus seine These auf die Erfahrungen von Jahrhunderten gegründet. Tatsächlich hatten sich die Reallöhne mehrere hundert Jahre lang trotz vieler neuer Produkte und Produktionsmethoden nur seitwärts entwickelt. Doch genau zwischen 1750 und 1850 brach die Wirtschaft aus der Dauerstagnation aus und begann dauerhaft zu wachsen. Warum stimmte Malthus' Theorie im Rückblick, aber versagte beim Blick nach vorn?

          Dazu muss man Malthus' Theorie genauer kennen. Er prophezeit, dass die Wirtschaft zwar mehr Güter produzieren kann, aber dass die Bevölkerung bei steigendem Wachstum mitwächst - und der Wohlstand pro Kopf daher stagniert. In guten Zeiten bekommen die Menschen viele Kinder und die Sterblichkeitsrate ist außerdem gering. Technische Innovation kann da nicht mehr viel ausrichten, zumal wenn das Ackerland knapp ist. Solange also in besseren Zeiten mehr Kinder zur Welt kommen, birgt jeder Aufschwung schon die Saat des Niedergangs.

          Nach der Pest begannen gute Zeiten

          In Malthus' Welt ist vieles paradox. Wenn beispielsweise mehr Leute sterben, steigen die Pro-Kopf-Einkommen - so wie in der großen Pestepidemie der Jahre 1348-49. Sie tötete fast die Hälfte der europäischen Bevölkerung. Für die Überlebenden aber begannen damit gute Zeiten. Jedem stand nun fast doppelt so viel Land zur Verfügung wie vor der Pest. Die englischen Löhne schnellten nach oben (siehe Grafik). Einfache Bürger konsumierten plötzlich die Luxusgüter des Mittelalters, Bier, Fleisch, Käse und Wolle, in großen Mengen. Im 18. Jahrhundert allerdings ändert sich die Welt.

          Von 1750 an wuchs die Bevölkerung rasch, um mehr als ein Prozent pro Jahr. In 100 Jahren stieg sie von 5,9 auf 16,7 Millionen Menschen. Malthus schreibt inmitten dieser Bevölkerungsexplosion. Er hat selbst sieben Geschwister. Das rasende Bevölkerungswachstum macht ihm Angst. Wenn sich die Unterschicht weiterhin so schnell vermehrt, so fragt er, was wird dann aus dem hohen englischen Wohlstand?

          Ein Blick auf den Stand von heute: Land ist als Produktionsfaktor in den Industrieländern nicht mehr sehr wichtig. 1990 war das gesamte Agrarland der Vereinigten Staaten gerade mal 9 Prozent der Wirtschaftsleistung wert. 1870 lag der Wert noch bei 88 Prozent. Heute ist Kapital wichtiger, und zwar in Form von Maschinen und von Humankapital, also als Summe aller Bildungsinvestitionen in Köpfen und Händen der Mitarbeiter.

          Explodiert die Bevölkerung, stagnieren die Einkommen

          Anders als Land kann Kapital auch leicht vermehrt werden, und zwar durch einfaches Sparen. Deshalb drückt in modernen Volkswirtschaften eine Zunahme der Bevölkerung den Lebensstandard nur kurzfristig. Langfristig ist es gleichgültig, ob in einem Land 5 oder 50 Millionen Menschen leben: Das Pro-Kopf-Einkommen von Israel und von Neuseeland ist heute ähnlich, die Bevölkerungsdichte aber höchst unterschiedlich.

          Die Wirtschaftswelten vor und nach Malthus folgen jeweils ihren eigenen Regeln. Sie zu verstehen ist einfach. Schwierig ist es, den Übergang zu verstehen: Wie kommt man aus der Malthusfalle heraus? Schnelleres Produktivitätswachstum allein kann nicht die Antwort sein. Würden die Menschen heute so auf wachsenden Wohlstand reagieren wie ihre Vorfahren und mehr Kinder bekommen, statt mehr zu konsumieren, bliebe alles beim Alten. Die Bevölkerung explodierte, die Einkommen stagnierten.

          Also muss sich von Malthus bis zu uns das Verhalten geändert haben. Tatsächlich sanken die Geburtenraten in Westeuropa von Mitte des 19. Jahrhunderts an immer drastischer. Dass sie heute deutlich unter zwei Kindern je Frau liegen, ist nur der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung über 150 Jahre.

          Bildung lässt die Bevölkerung schrumpfen

          Doch warum kriegen die Menschen weniger Kinder? Eine verbreitete Erklärung lautet: In der neuen Wirtschaftswelt ist nicht nur physisches Kapital ein Produktivfaktor - auch Bildung ist wichtig. Nach einem berühmten Modell von Gary Becker und Robert Barro etwa kriegen die Eltern genau deshalb zwar weniger Kinder, investieren aber mehr in die Bildung jedes einzelnen. Andere Forscher ergänzen: Diese gut gebildeten Kinder schaffen mehr Innovationen. Die Produktivität steigt immer schneller, Bildung wird wichtiger. Läuft der Prozess lange genug, hat sich Malthus' These überlebt.

          Leider passen die historischen Fakten nur zum Teil auf die Modelle der Ökonomen. Bildung lohnte sich lange Zeit kaum. Der technologische Wandel in der Industriellen Revolution erhöhte zunächst die Nachfrage nach ungebildeten Arbeitern. Der Geburtenrückgang im 19. Jahrhundert lässt sich deshalb nur schwer mit ökonomischer Logik erklären. Vermutlich trugen kulturelle Faktoren - mehr Wissen über Verhütung, eine säkularisiertere, urbanere Welt - ebenso viel bei wie die Logik der Bildungsrenditen. Schulpflicht und das Verbot der Kinderarbeit waren ausschlaggebend für höhere Ausbildungsquoten. Erst ab dem 20. Jahrhundert lässt sich der Mechanismus von Becker und Barro mit Zahlen belegen.

          In der Dritten Welt hat Malthus heute noch recht. Die Verbesserung der Gesundheitsvorsorge hat dort zum enormen Wachstum der Bevölkerung geführt. Die wirtschaftlichen Folgen sind, wie Thomas Malthus sie vor 200 Jahren beschrieb. Ein Ausbruch aus der Malthusfalle kann auch dort nur gelingen, wenn weniger Kinder geboren werden - durch staatliche Intervention oder kulturellen Wandel.

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