https://www.faz.net/-gqe-z32f

Serie: Wie wir reich wurden (53) : Die Erfindung der geregelten Arbeit

  • -Aktualisiert am

Was hat die Stunde geschlagen? Bild: AFP

Die tragbare Uhr hat die Arbeitswelt stärker verändert als die meisten anderen Erfindungen. Die Vermessung der Zeit führte zu einer kulturellen Revolution. Sie wurde zum Schmieröl der Industrialisierung.

          4 Min.

          Was passiert, wenn Menschen in einen fensterlosen Bunker gesperrt werden? Irgendwann verlieren sie ihr Zeitgefühl. Sie können nicht mehr richtig abschätzen, ob es bis zur nächsten Mahlzeit noch lange dauert. Bald wissen sie auch nicht mehr, ob es Tag oder Nacht, Sonntag oder Werktag, Frühling oder Herbst ist. Offensichtlich tickt die innere Uhr des Menschen nach einem eigenen, individuellen Takt, der sich von Person zu Person deutlich unterscheidet.

          Zeit ist eben eine sehr abstrakte Größe. Das macht den objektiven Umgang mit ihr so schwierig. Viele haben oft keine Zeit, weil sie von einem Termin zum nächsten hetzen. Ans Bett gebundenen Kranken will die Zeit nicht vergehen. Einige vergessen schlicht die Zeit, sind unpünktlich, kommen zu spät und tun sich mit dem Zeitmanagement schwer.

          Räume sehen die Menschen durch ihre Augen. Die Zeit können sie dagegen nicht direkt beobachten. Dabei ist es wichtig, die Zeit genau zu messen, wenn mehrere Menschen gut und reibungsfrei zusammenarbeiten wollen - wer sich um 15 Uhr treffen will, muss wissen, wann es 14 Uhr ist.

          Genau deshalb hat es seit Beginn der Menschheit Versuche gegeben, die Zeit zu messen. In den Agrargesellschaften des Altertums folgte die Zeitmessung zyklischen Kreisläufen der Natur. Die Jahreszeiten und der Lauf der Sonne zwischen Auf- und Untergang waren auch für die Massen ohne großen Aufwand erkennbar. Die wenigen, die es genauer wissen wollten, nutzten einfache natürliche Hilfsmittel. Kerzen und Feuer, Wasser- oder Sonnenuhren, später auch Sanduhren halfen, ein objektives Zeitgefühl zu entwickeln.

          Die Miniaturisierung der Uhr

          Von zentralen Großuhren wurden die Zeitsignale meist durch Töne übermittelt: per Zuruf, Pfeifen, Trommeln, Glasenschlag oder Glocken. In Europa waren Uhren vor allem eine Angelegenheit der Kirchen. Sie wurden an den Gotteshäusern weithin sichtbar angebracht, und das Glockengeläut sollte die Gläubigen an ihre religiösen Pflichten erinnern: "Ora et labora". Gebetszeiten bestimmten die zeitliche Tageseinteilung im christlichen Mittelalter. Nur allmählich ergänzte der Stundenschlag den Tagesablauf. Aber noch lange kamen Kirchenuhren mit nur einem Zeiger aus. Die Turmuhr des Freiburger Münsters zeigt bis heute nur die Stunden an. Minuten oder gar Sekunden spielten noch überhaupt keine Rolle.

          Erst die Miniaturisierung der Uhr hat es den meisten Menschen ermöglicht, "Zeit" zu erfassen. Häusliche Stand- oder Tischuhren, später Taschen- und Armbanduhren erlaubten es jederzeit und nach individuellem Bedarf, Minuten oder gar Sekunden zu erkennen. Mehr noch: Der Zeitmesser am Handgelenk schafft für alle einen gemeinsamen Bezug. Die Zeit wurde konkret. Man kann sich um 16 Uhr 15 für eine halbe Stunde verabreden. Man kann sich vornehmen, am Sonntagmorgen für 45 Minuten die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zu lesen. Man kann Termin- und Fahrpläne, Ablaufdiagramme und Drehbücher erstellen. Das Entscheidende ist, dass alle Beteiligten wissen, wann was auf der Agenda steht.

          Dass plötzlich jeder eine Uhr hatte, änderte allerdings nicht nur den praktischen Umgang mit der Zeit - sondern ganze Denkmuster. Darum hat die tragbare Uhr die Lebens- und Arbeitswelt der Agrargesellschaft stärker verändert als die meisten anderen Erfindungen. Der Bauer, der keine Uhr hatte, kannte auch keine Hast. Wieso auch? Die saisonalen Zyklen bestimmten den Gang der Welt. Der Lauf der Sonne legte den Tagesrhythmus fest. Das Leben spielte sich in engen Räumen und kleinen, überschaubaren Siedlungen ab. Die Menschen versorgten sich selbst - und wenn nötig, tauschten sie auf dem dörflichen Markt. Da brauchte es wenig zeitliche Koordination. Es ging schlicht darum zu überleben. Die Masse konnte ihre Lebensbedingungen sowieso nicht dauerhaft verbessern oder gar sozial aufsteigen. Die gesellschaftlichen Klassen waren strikt voneinander abgeschottet.

          Weitere Themen

          Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist Video-Seite öffnen

          Greenwashing : Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist

          Grüne Investitionen erobern die Finanzmärkte. Mehr als 300 Milliarden Dollar flossen 2020 in „nachhaltige“ Anlagen und brachen damit den Rekord des Vorjahres. Doch wirklich "grün" zu investieren, ist schwieriger als es klingt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.