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Serie: Wie wir reich wurden (37) : Hatte Karl Marx doch recht?

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Kapital war bei Karl Marx selbst nicht vorhanden: in seiner Familie reichte es oft nicht einmal für das Nötigste wie Kleidung Bild: ZB

Der Kapitalismus geht an sich selbst zugrunde - sagte Marx. Gibt ihm die Krise recht? Nein. Denn der Sozialismus kennt zwar keine Bankenkrise, dafür aber genug andere Probleme - Finanzkrisen alle 100 Jahre sind dann das kleinere Übel.

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          Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs Anfang der 90er Jahre schien der Sozialismus endgültig überwunden. Die früheren osteuropäischen Zentralverwaltungswirtschaften wandelten sich mehr oder weniger in Marktwirtschaften um, der Arbeiter-und-Bauern-Staat DDR war Geschichte. Einzig Nordkorea und Kuba hielten noch an der Planwirtschaft fest. Beide bildeten aber mit ihrer Diktatur und bitteren Armut lediglich abschreckende Beispiele für ein Wirtschaftssystem, das geschichtlich vollständig versagt hatte. Mit der aktuellen Wirtschafts-und Finanzkrise haben nun allerdings die Kritiker der Marktwirtschaft wieder Boden gutmachen können.

          Bankenkrise, Rezession, das Weltfinanzsystem am Abgrund - hat Karl Marx vielleicht doch recht mit seiner Vorhersage, der Kapitalismus müsse an seinen inneren Widersprüchen zugrundegehen? Tatsächlich erwartete er sogar, dass dies noch zu seinen Lebzeiten geschehen werde. Das war nicht der Fall. Marx starb 1883 im Alter von 65 Jahren in London. Gleichwohl scheinen ihm die jüngsten Ereignisse doch eine späte Bestätigung zu verschaffen.

          Ein Akademiker ohne Interesse an einer Universitätskarriere

          Marx wurde 1818 in Trier als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geboren. Er studierte zunächst ebenfalls Jura in Bonn, wechselte aber schon nach einem Semester nach Berlin, um dort philosophische Vorlesungen zu hören. Er fühlte sich besonders zu den Links-Hegelianern hingezogen, die damals im sogenannten Doktorclub zusammenkamen. Ihre dialektische Lehre machte er später zur philosophischen Grundlage des eigenen Werkes. Seine Arbeit über „Die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“ wurde 1841 sogar als Dissertation akzeptiert - von der Universität Jena, die er nie besucht hatte. Doch strebte Marx keine Universitätskarriere an.

          Stattdessen engagierte er sich journalistisch als Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“ in Köln gegen die preußische Monarchie und die sozialen und politischen Missstände seiner Zeit. Das war nicht ungefährlich: Marx musste nach Paris und später nach Brüssel emigrieren, wo er 1848 das berühmte Kommunistische Manifest für den Londoner Bund der Kommunisten verfasste. Von dort aus ging er mit seiner Frau Jenny 1849 nach London, um da - politisch weitgehend unbehelligt - sein dreibändiges Hauptwerk „Das Kapital“ zu verfassen.

          Grundwiderspruch des Kapitalismus ist die Rolle, die das Geld darin spielt

          Kapital war bei ihm selbst nicht vorhanden: Die Familie Marx lebte in bitterer Armut. Sie hauste zeitweise mit 8 Personen in zwei Zimmern ohne Bad und ohne fließendes Wasser. Manchmal musste sie Möbel und sogar Schuhe ins Pfandhaus bringen. Nur eine Erbschaft, deren vorzeitige Auszahlung Marx von seiner Mutter einforderte, und die finanzielle Unterstützung durch Friedrich Engels verhinderten den Einzug ins Armenhaus. Sein Freund Engels, der Sohn eines Wuppertaler Textilfabrikanten, war wie Marx ein scharfer Kritiker der damaligen sozialen Zustände. Ihre Freundschaft ging so weit, dass Engels die Vaterschaft für eine uneheliche Tochter von Marx übernahm, die der mit der Haushälterin gezeugt hatte - ein Geheimnis, das erst auf Engels' Totenbett gelüftet wurde.

          Den Grundwiderspruch des kapitalistischen Systems erkannte Marx bezeichnenderweise in der Rolle des Geldes. In der fiktiven, kommunistischen Urgesellschaft, so Marx, sei Geld nur ein Mittel zum Warentausch. Im Kapitalismus dagegen werde das Geldverdienen zum Selbstzweck: Die natürliche Tauschkette laute nicht mehr Ware-Geld-Ware, sondern Geld-Ware-Geld. Das bleibt nach Marx nicht ohne Folgen: Das Bestreben der Kapitalisten, immer mehr Kapital anzuhäufen, führe zu Überproduktion und Absatzkrisen. Während die Produktivität dadurch ständig steige, würden immer mehr Arbeiter freigesetzt.

          Konkrete Vorschläge für den Wirtschaftsprozess machte auch Marx nicht

          Auch die Profitrate müsse durch den gnadenlosen Konkurrenzkampf beständig sinken. Daher stießen immer mehr bankrotte Kapitalisten zur „Industriellen Reservearmee“, wie Marx das Heer der Arbeitslosen nannte. Dieser Prozess der Verelendung immer größerer Bevölkerungsschichten schreite fort, bis sich schließlich das Proletariat erhebe. Und hätten die Arbeiter erst einmal den Produktionsapparat übernommen, so könnten sie nach Marx fortan in Wohlstand leben. Denn der Gewinn, also der „Mehrwert“ der Produktion, den ihnen die Kapitalisten bisher vorenthalten hätten, fließe ihnen im neuen Zeitalter des Kommunismus nun endlich selbst zu.

          Man findet bei Marx und Engels allerdings nur wenige Andeutungen darüber, wie der Wirtschaftsprozess im Kommunismus konkret organisiert sein soll. Umso klarer zeichnen sich allerdings die inzwischen gewonnenen Erfahrungen über dieses Szenario ab: Niemals haben die Arbeitnehmer in sozialistischen Ländern auch nur annähernd den materiellen Lebensstandard der westlichen Marktwirtschaften erreichen können. Die ineffiziente Planwirtschaft ließ zudem kaum etwas an Gewinnen übrig für die Instandhaltung von Infrastruktur, Wohnungen und Betrieben. Vom Umweltschutz ganz zu schweigen. Nach 40 Jahren Sozialismus war die Substanz verzehrt und das System am Ende.

          Im Sozialismus gab es keine Finanzkrisen - kein Wunder

          Und dennoch: Ganz falsch hat Marx in manchen Punkten nicht gelegen. Er war auch alles andere als ein schlechter Ökonom. Sein mathematisches Wachstumsmodell von der „erweiterten Reproduktion“ war seiner Zeit deutlich voraus, es kann als Vorläufer der noch heute verwendeten Input-Output-Analyse gelten. In der Verselbständigung des Geldverdienens gegenüber der Güterproduktion sah Marx vor allem ein Problem der Überinvestition. Mit dem Geldsystem und der Geldschöpfung der Banken dagegen hat er sich niemals intensiv beschäftigt. Dennoch lassen sich von seiner Geld-Ware-Geld-Kritik durchaus Parallelen zur aktuellen Diskussion ziehen. Denn die Gefahr einer Entkopplung des Finanzsektors von der Realwirtschaft ist in der Tat eine Achillesferse des Kapitalismus, und das nicht erst seit gestern. Fast alle Finanzkrisen der Geschichte - von John Laws Experiment mit dem Papiergeld im 18. Jahrhundert bis zur aktuellen Finanzkrise - hatten ihren Ursprung in der Instabilität der Geldversorgung. Zumindest aber war sie ein gefährlicher Katalysator.

          Es ist auch richtig, dass vergleichbare Bankenkrisen im Sozialismus bisher nicht vorgekommen sind. Kein Wunder: Wenn der Staat der einzige Bankier ist und alle Investitionen lenkt, braucht man keine komplexen Finanzinstrumente. Aber der Preis für diese Stabilität war hoch. Er bestand in Stillstand, Ineffizienz und in Unfreiheit. Menschen und Kapital durften nicht einmal das Land ohne Genehmigung verlassen. Allein das sollte ausreichen, um gelegentliche Finanzkrisen alle 100 Jahre für das kleinere Übel zu halten.

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