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Serie: Wie wir reich wurden (37) : Hatte Karl Marx doch recht?

  • -Aktualisiert am

Den Grundwiderspruch des kapitalistischen Systems erkannte Marx bezeichnenderweise in der Rolle des Geldes. In der fiktiven, kommunistischen Urgesellschaft, so Marx, sei Geld nur ein Mittel zum Warentausch. Im Kapitalismus dagegen werde das Geldverdienen zum Selbstzweck: Die natürliche Tauschkette laute nicht mehr Ware-Geld-Ware, sondern Geld-Ware-Geld. Das bleibt nach Marx nicht ohne Folgen: Das Bestreben der Kapitalisten, immer mehr Kapital anzuhäufen, führe zu Überproduktion und Absatzkrisen. Während die Produktivität dadurch ständig steige, würden immer mehr Arbeiter freigesetzt.

Konkrete Vorschläge für den Wirtschaftsprozess machte auch Marx nicht

Auch die Profitrate müsse durch den gnadenlosen Konkurrenzkampf beständig sinken. Daher stießen immer mehr bankrotte Kapitalisten zur „Industriellen Reservearmee“, wie Marx das Heer der Arbeitslosen nannte. Dieser Prozess der Verelendung immer größerer Bevölkerungsschichten schreite fort, bis sich schließlich das Proletariat erhebe. Und hätten die Arbeiter erst einmal den Produktionsapparat übernommen, so könnten sie nach Marx fortan in Wohlstand leben. Denn der Gewinn, also der „Mehrwert“ der Produktion, den ihnen die Kapitalisten bisher vorenthalten hätten, fließe ihnen im neuen Zeitalter des Kommunismus nun endlich selbst zu.

Man findet bei Marx und Engels allerdings nur wenige Andeutungen darüber, wie der Wirtschaftsprozess im Kommunismus konkret organisiert sein soll. Umso klarer zeichnen sich allerdings die inzwischen gewonnenen Erfahrungen über dieses Szenario ab: Niemals haben die Arbeitnehmer in sozialistischen Ländern auch nur annähernd den materiellen Lebensstandard der westlichen Marktwirtschaften erreichen können. Die ineffiziente Planwirtschaft ließ zudem kaum etwas an Gewinnen übrig für die Instandhaltung von Infrastruktur, Wohnungen und Betrieben. Vom Umweltschutz ganz zu schweigen. Nach 40 Jahren Sozialismus war die Substanz verzehrt und das System am Ende.

Im Sozialismus gab es keine Finanzkrisen - kein Wunder

Und dennoch: Ganz falsch hat Marx in manchen Punkten nicht gelegen. Er war auch alles andere als ein schlechter Ökonom. Sein mathematisches Wachstumsmodell von der „erweiterten Reproduktion“ war seiner Zeit deutlich voraus, es kann als Vorläufer der noch heute verwendeten Input-Output-Analyse gelten. In der Verselbständigung des Geldverdienens gegenüber der Güterproduktion sah Marx vor allem ein Problem der Überinvestition. Mit dem Geldsystem und der Geldschöpfung der Banken dagegen hat er sich niemals intensiv beschäftigt. Dennoch lassen sich von seiner Geld-Ware-Geld-Kritik durchaus Parallelen zur aktuellen Diskussion ziehen. Denn die Gefahr einer Entkopplung des Finanzsektors von der Realwirtschaft ist in der Tat eine Achillesferse des Kapitalismus, und das nicht erst seit gestern. Fast alle Finanzkrisen der Geschichte - von John Laws Experiment mit dem Papiergeld im 18. Jahrhundert bis zur aktuellen Finanzkrise - hatten ihren Ursprung in der Instabilität der Geldversorgung. Zumindest aber war sie ein gefährlicher Katalysator.

Es ist auch richtig, dass vergleichbare Bankenkrisen im Sozialismus bisher nicht vorgekommen sind. Kein Wunder: Wenn der Staat der einzige Bankier ist und alle Investitionen lenkt, braucht man keine komplexen Finanzinstrumente. Aber der Preis für diese Stabilität war hoch. Er bestand in Stillstand, Ineffizienz und in Unfreiheit. Menschen und Kapital durften nicht einmal das Land ohne Genehmigung verlassen. Allein das sollte ausreichen, um gelegentliche Finanzkrisen alle 100 Jahre für das kleinere Übel zu halten.

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