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Serie: Wie wir reich wurden (21) : Wandern für den Wohlstand

  • -Aktualisiert am

Völkerwanderung in Bayern Bild: dpa

Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Wanderung. Migranten bringen neue Technik, Ideen und neue Gene in entfernte Gegenden der Welt. Das nützt am Ende allen. Folge 21 der Serie „Wie wir reich wurden“.

          Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Wanderung. Den "Homo migrans" also, sagt Historiker Klaus Bade, gibt es, seit es den "Homo sapiens" gibt: Das Alte Testament beginnt mit einer Vertreibung, das Neue Testament mit einer Flucht. Überhaupt zeigt die Bibel auf, was passiert, wenn Menschen wandern:

          Das Erste Buch Mose erzählt von einer typischen Tellerwäscher-Karriere. Nachdem er von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde, steigt der Einwanderer Joseph fern von zu Hause vom Mundschenk des Pharaos zum obersten Verwalter Ägyptens auf. Das Zweite Buch, der "Exodus", schildert die Massenflucht Israels aus Ägypten ins Gelobte Land. Menschen sind immer wieder dorthin gegangen, wo es Chancen gab, wenn zu Hause die Hoffnungslosigkeit grassierte. Meist erhofften sie sich wirtschaftliche Verbesserungen. Manchmal auch die Möglichkeit, gesellschaftliche Ideen oder religiöse Prinzipien umzusetzen.

          Damit ist auch wenig verwunderlich, dass die Geschichte der Migration eine Geschichte der Eroberung, der Zerstörung und Ausbeutung ist. Migration hat Konflikte und Kriege verursacht und damit Gewinner und Verlierer produziert. Die Erwartungen der Wandernden sind zusammengeprallt mit den über Jahrhunderte gewachsenen Strukturen der sesshaften Bevölkerung. Wer bestimmt die Regeln des Zusammenlebens? Gehört das gelobte Land den neuen Siedlern oder den alten Ureinwohnern? Wessen Sprache wird gesprochen? Wer muss sich anpassen?

          Die Migration war die Mutter vieler Innovationen

          Die Besiedelung ferner Kontinente und die Entstehung künstlicher Staaten haben zu Beginn der Neuzeit starke Wanderungsströme erzeugt. Kriege und Friedensverträge, Befreiungskämpfe und das Auseinanderbrechen von Staaten sorgten dafür, dass im Laufe der Jahrhunderte beides in Bewegung war: Menschen und Grenzen. Ja, gerade weil viele Grenzen verschoben wurden, mussten viele Menschen über Grenzen ziehen.

          Am Anfang des 21. Jahrhunderts nun steht das Thema der Klimaflüchtlinge im Vordergrund. Steigen die Meeresspiegel wirklich an, werden sich Millionen von Menschen auf die Suche nach einer neuen Lebensgrundlage machen müssen. Dazu kommen die Opfer von Gewalt und Misswirtschaft in vielen Krisengebieten, denen nichts anderes bleibt als ein Marsch nach Norden, um überleben zu können. Diese möglichen Völkerwanderungen stellen die westeuropäischen Demokratien auf harte Belastungsproben: Von Lohndumping ausländischer Hilfskräfte als Folge entgrenzter Arbeitsmärkte ist die Rede. Die Angst vor einer "Invasion der Armen" lässt Abwehrkonzepte der verschiedensten Art entstehen. Ist das die richtige Strategie? Was passiert eigentlich, wenn Menschen wandern?

          Bei allen Ausnahmen von der Regel zeigt die Menschheitsgeschichte relativ eindeutig, dass die Wanderung - trotz aller oft blutigen Konflikte - eine Erfolgskomponente auf dem langen Weg der wirtschaftlichen Entwicklung war. Wenn nicht sogar die entscheidende Erfolgskomponente. Wenn der Krieg der Vater aller Dinge sein soll, war die Migration die Mutter vieler Innovationen. Und beide sind eng miteinander verbunden.

          Die Neugier des Entdeckers stimulierte auch den Geist des Erfinders. Um über die Weltmeere zu segeln, Sümpfe trockenzulegen und Bodenschätze zu erschließen, waren innovative Ideen unverzichtbar. Um bei der Eroberung von Land schneller zum Ziel zu kommen, wurden neue Transport- und Kommunikationssysteme geschaffen und wirkungsvollere Lagerhaltungs- und Nachschubkonzepte. Das Ergebnis der meisten Eroberungszüge war ein Innovationswettbewerb um effizientere Lösungen.

          Dazu gehört auch, dass unbekannte Technologien von Urbewohnern übernommen und weiterentwickelt wurden. Nicht nur der technologische Wissenspool wurde dadurch größer - auch der für die Evolution so wichtige Genpool wurde erweitert. Als Beispiel dient der nordamerikanische Meltingpot. Auch die Schweiz hat der intellektuellen Inspiration viel zu verdanken, die von Hugenotten, jüdischen Flüchtlingen, südeuropäischen Gastarbeitern, Asylsuchenden aus Sri Lanka oder den helvetischen Nobelpreisträgern mit ausländischen Eltern ausging.

          Abstimmung mit dem Möbelwagen

          Noch wichtiger als die Innovationsdynamik, die mit der Migration verbunden war und von ihr stimuliert wurde, ist die politische Veränderungskraft, die von jeder Wanderung erzeugt wird. Wenn Menschen dorthin gehen, wo es ihnen bessergeht, dann erzwingen sie einen Wettbewerb der institutionellen Systeme.

          Schlechte Politik wird durch Abwanderung bestraft, gute durch Zuwanderung belohnt. In darbenden Regionen mit wenig Zukunftshoffnung will niemand mehr leben, in prosperierende Regionen wollen dagegen alle. Nur wenn Menschen auch wandern dürfen, sind sie also in der Lage, glaubwürdig einen Druck auf Regierungen auszuüben und eine Politik zu machen, die den Wünschen der breiten Masse entspricht - und nicht der einer kleinen, aber mächtigen Elite.

          Nur wenn die Bürger mobiler werden, funktioniert die Abstimmung mit dem Möbelwagen, die so disziplinierend auf die Staatsgewalt wirkt. Dann steigen zwar die Kosten der Herrschaft, aber nur dann kann auch ein politischer Wettbewerb funktionieren. Und es war der politische Wettbewerb, der in Europa und Nordamerika die wirtschaftliche Entwicklung angetrieben hat und beide Regionen an die Spitze der Weltwirtschaft brachte.

          Anfang des 21. Jahrhunderts tut sich nun ausgerechnet Europa bei der Öffnung der Arbeitsmärkte schwer. Es dominiert die Angst, dass offene Grenzen zu mehr Migration und damit größeren Problemen führen. Befürchtet wird, dass Ausländer den Einheimischen Arbeitsplätze wegnehmen und die Sozialkassen belasten. Es geht um die Integration von Fremden und damit um Rechte, die nicht kostenlos mit allen geteilt werden sollen.

          In der Tat sind die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Migration komplex. Durch die Zuwanderung können zwar Lücken auf dem Arbeitsmarkt geschlossen werden. Zudem wird ein Strukturwandel ausgelöst, von dem die Volkswirtschaft langfristig profitiert. Kurzfristig kann es jedoch zu Konkurrenz- und damit Verdrängungseffekten kommen. Das ist für die Betroffenen hart.

          Allerdings ist die Zuwanderung meist nicht die Ursache der Arbeitslosigkeit, sondern nur ein Beleg für die fehlende Flexibilität der Einheimischen. Nicht die Migration der Ausländer, sondern die fehlende berufliche oder räumliche Mobilität der Einheimischen verursacht die Arbeitslosigkeit.

          Abschottung schadet langfristig

          Wie im Übergang zur Neuzeit ist Durchlässigkeit der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft. Gesellschaften, die offen sind für Neues, werden den immer rascheren wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel bewältigen. Das demographisch schrumpfende und alternde Europa braucht den intensiven Austausch mit jungen und wachsenden Gesellschaften in Asien und Afrika.

          Natürlich wird eine Zuwanderung aus immer ferneren Ländern auch immer größere Probleme verursachen, weil sie Menschen mit anderen Verhaltensweisen, Sprachen und Religionen mit sich bringt. Sie wird aber auch zu neuem Wissen, Können und Fähigkeiten führen. Abschottung dagegen hat immer in die Irre und den ökonomischen Niedergang geführt. Auch das lehrt die Geschichte.

          Allerdings sei vor einer Illusion gewarnt: Zuwanderung wird nie alle Probleme lösen, die auf die alternden europäischen Sozialstaaten zukommen. Sie wird aber helfen, die Problemlösungen zu vereinfachen. Es sind nicht zuletzt die positiven Wirkungen der Zuwanderung und die Beiträge der ausländischen Arbeitskräfte zu den Sozialkassen der Aufnahmeländer, die es ermöglichen, notleidende Einheimische finanziell zu unterstützen. Deshalb wären die Passagiere der "Europa" besser beraten, sich einer Entgrenzung der Arbeitsmärkte nicht entgegenzustellen, sondern die Schotten ihres Luxusdampfers eher zu öffnen.

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